Federal Reserve Bank, Washington, USA | picture alliance / Xinhua News A

Tapering der Notenbanken In Zeitlupe zurück zu Normalzinsen

Stand: 04.11.2021 18:16 Uhr

Die US-Notenbank Fed hat das Tapering eingeleitet - die behutsame Abkehr von der Nullzinspolitik. Dass die US-Währungshüter dabei vorsichtig vorgehen, bewahrt die Börsen vor Turbulenzen. Wann zieht Europa nach?

Von Victor Gojdka, ARD-Börsenstudio

Zinsen an der Nulllinie, Geldflut in Billionenhöhe: Das ist bisher die Politik der Notenbanken. Doch die könnte sich jetzt ändern. Erster Schritt am Mittwochabend von der US-Notenbank Fed. Sie pumpt bislang jeden Monat 120 Milliarden Dollar in den Finanzmarkt, indem sie Wertpapiere kauft. Das soll weniger werden, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg-Bank: "Es geht darum, dass man sich langsam aus diesen Anleihekäufen verabschiedet - dass man nicht abrupt mit den Anleihekäufen stoppt, sondern sich rausschleicht. Meines Erachtens hätte die FED ruhig schneller sein können."

Statt 120 Milliarden will man jetzt erst einmal "nur noch" 105 Milliarden Dollar in den Markt pumpen. Es ist tatsächlich nur ein erster kleiner Trippelschritt. Das Ziel: nicht zu schnell den Geldhahn zudrehen, die Finanzmärkte und die Wirtschaft nicht überfordern. Jetzt ein kleiner Schritt, den Rest vorsichtig andeuten.

Auch die Bank of England ist zurückhaltend

Das hat heute auch die Bank of England getan, die britische Notenbank. Eine Zinserhöhung? Voraussichtlich im Dezember, sagt Volkswirt Michael Heise von Macroadvisors: "Die Wirtschaft leidet nach wie vor unter dem Brexit. Insofern hat man sich hier etwas Zeit verschafft, aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch bei der Bank of England der erste Zinsschritt gemacht wird. Insofern ändert sich das Umfeld für die Geldpolitik global."

Denn die britische Notenbank ist nicht irgendeine Notenbank; viele Geldhüter rund um den Globus dürften sie genau beobachten, sagt Berenberg-Banker Holger Schmieding, der selbst oft in London arbeitet: "Unter den großen Notenbanken wäre die Bank of England die erste, die auf den zunehmenden Inflationsdruck reagiert. Sie hat aber auch einen Grund, relativ weit vorne zu sein. Und der Grund heißt Brexit."

Durch den Brexit, durch Arbeitskräftemangel und Lieferkettenprobleme steigen die Preise auf der Insel schneller. In London muss man heftiger gegenhalten als die europäischen Zentralbanker am Main. Aber auch die müssen angesichts der hohen Inflation schon bald darüber nachdenken, weniger Geld an den Markt zu pumpen, weniger Anleihen zu kaufen.

Gezerre um den Kurs der EZB

In Deutschland wird das immer lauter gefordert, doch die Europäische Zentralbank macht Politik für gesamte Eurozone. Für die Länder im Süden Europas wären weniger Anleihekäufe unangenehm, sagt Volkswirt Heise: "Die Beendigung dieser Anleihekäufe der Notenbanken würde für Italien höhere Zinsen bedeuten, weil die Nachfrage nach italienischen Staatspapieren dann geringer ist. So gehen die Zinsen in Italien hoch, das ist sehr unbequem. Und deswegen wird die EZB von italienischer Seite unter Druck kommen."

Aus vielen Hauptstädten zerren gerade Politiker an der EZB - auch aus inhaltlich ganz unterschiedlichen Richtungen. Ergebnis: In Trippelschritten dürften die Notenbanker Politiker und Märkte an die neue Welt gewöhnen. Schritt für Schritt weniger Geldflut - und dann vielleicht 2023 sogar rauf mit den Zinsen in der Eurozone, sagt Berenberg-Banker Schmieding: "Die Zinsen werden im Zeitablauf steigen über Jahre hinweg. Aber ich glaube nicht, dass wir zu den Renditen der 1990er-Jahre zurückkehren werden. Vier oder fünf Prozent - das dürften wir in diesem Jahrzehnt nicht wieder sehen."

Die große Vorfreude auf hohe Zinsen - die dürfen sich Sparerinnen und Sparer wohl abschminken. Aber ein langsameres Ende der enormen Geldflut: Dafür wurden jetzt gerade die Weichen gestellt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. November 2021 um 17:24 Uhr.