Ein Schild, auf dem "Nord Stream 2" steht | dpa
Analyse

Nord Stream 2 Braucht Europa diese Pipeline?

Stand: 21.07.2021 19:23 Uhr

Nord Stream 2 dürfte nun bald in Betrieb gehen. Damit kann doppelt soviel russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland fließen wie bisher. Doch war der umstrittene Bau wirklich notwendig?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Trotz der sommerlichen Temperaturen und des geringeren Verbrauchs haben die Preise für Erdgas zuletzt ein 13-Jahres-Hoch erklommen. Experten erklären dies damit, dass der russische Monopolist Gazprom seine Lieferungen nach Europa um ein Fünftel reduziert hat, während die Nachfrage im ersten Quartal gestiegen ist. Dieses Ungleichgewicht habe dazu beigetragen, dass die Preise für Erdgas in Europa auf den höchsten Stand seit 2008 geklettert sind.

Wer allerdings glaubt, dass die von Gazprom zum Jahresende in Aussicht gestellte Inbetriebnahme der Gaspipeline Nord Stream 2 die Lage rasch entspannen wird, könnte sich irren. Denn mit der Fertigstellung der in der Kritik stehenden Röhre wird lediglich die Infrastruktur verbessert, nicht aber die tatsächliche Fördermenge erhöht.

Ausreichend Kapazitäten vorhanden

Zu dieser Einschätzung kommt die regierungsnahe Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). In einer im Frühjahr veröffentlichten Analyse heißt es: "Nüchtern betrachtet verdoppelt Nord Stream 2 die Transportkapazität durch die Ostsee um 55 auf 110 Milliarden Kubikmeter jährlich. Sie verbindet die neu erschlossenen Vorkommen auf der Jamal-Halbinsel mit den großen Gasmärkten in Europa auf einem circa 1000 Kilometer kürzeren, moderneren und effizienteren Weg als durch die Ukraine." Für die Gasversorgung Deutschlands und Westeuropas sei sie aber nicht "unabdingbar".

Auch Claudia Kemfert, Energieexpertin vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), betont seit langem, dass der Bau einer zweiten Pipeline durch die Ostsee aus energiewirtschaftlicher Sicht nicht notwendig gewesen wäre. Es gebe bereits ausreichend Pipeline-Kapazitäten, zusätzlich gebaute Flüssiggasterminals und Transportrouten, die für den in Zukunft abnehmenden Bedarf von fossilem Erdgas reichten, so Kemfert kürzlich im Deutschlandfunk.

Tatsächlich können sowohl die EU als auch der Rest Europas und die Türkei problemlos über das bestehende Leitungsnetz beliefert werden. Das alte System durch die Ukraine hat eine nominale Kapazität von 146 Milliarden Kubikmetern im Jahr. In den Jahren 2017 bis 2019 wurden aber jährlich nur zwischen 81 und 88 Milliarden Kubikmeter Erdgas über dieses System geleitet, so Schätzungen des DIW.

Russland mit Abstand wichtigster Gaslieferant

Hinzu kommen die Jamal-Europa-Pipeline durch Polen und Belarus mit 33 Milliarden Kapazität und Nord Stream 1, also die bereits bestehende Pipeline durch die Ostsee, mit 55 Milliarden Kubikmeter Gas. Auch ohne die zusätzlichen 55 Milliarden Kubikmeter der Nord Stream 2 gäbe es also wohl keine Leitungsengpässe. Zumal die Gasförderung in der EU zwischen 2009 und 2019 um mehr als die Hälfte auf 76,2 Milliarden Kubikmeter pro Jahr gesunken ist. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, ja sogar beschleunigen, wenn 2022 das große niederländische Gasfeld in Groningen die Förderung komplett einstellt.

Im Gegenzug hat Russland als der mit Abstand wichtigste Gaslieferant Deutschlands an Bedeutung gewonnen. Laut den neuesten, Anfang Juli veröffentlichten Zahlen des "Statistic Review of World Energy" von BP hat Deutschland 2020 gut die Hälfte seiner Erdgasimporte aus Russland bezogen. Danach kamen 56,3 der Gesamtimporte von 102 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus dem Land. Das sind gut 55 Prozent aller Gasimporte, nach 51 Prozent im Vorjahr. Damit hat sich die Abhängigkeit von russischem Erdgas weiter erhöht. Angesichts der rückläufigen Förderung in der EU könnte der Anteil von Erdgas aus Russland noch weiter zunehmen. Entsprechend dürften die Anteile der weiteren Hauptlieferanten Norwegen und die Niederlande zurückgehen.

Prestigeprojekt Moskaus

Trotzdem hätte man deswegen keine zweite Pipeline bauen müssen, sagen Experten. Laut einer im Januar veröffentlichten Untersuchung des DIW besteht aktuell in Europa und Deutschland "keine Deckungslücke in der Erdgasversorgung". Daran dürfte sich auch in Zukunft nichts ändern. "Die Nachfrage nach Erdgas ist seit Jahren in Europa stabil beziehungsweise leicht rückläufig. Die Corona-Pandemie sowie die vom Klimawandel getriebene Erhöhung der Wintertemperaturen verstärken den rückläufigen Trend der Erdgasnachfrage", so die Fachleute des DIW.

Die Experten sind sich daher einig, dass die zweite Ostsee-Pipeline in erster Linie ein politisches Prestigeprojekt Moskaus ist. Dies erkläre auch die jüngste Verknappung des Angebots durch Gazprom. Damit wolle der Konzern Druck ausüben auf Deutschland und die EU, sagte Tom Marzec-Manser, Branchenbeobachter beim britischen Researchanbieter ICIS, der "Financial Times". Gazprom verfahre ganz nach dem Motto: "Geben Sie uns grünes Licht für Nord Stream 2 und wir schicken Ihnen alles Gas, das Sie brauchen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 21. Juli 2021 um 22:15 Uhr.