Schild mit der Aufschrift "Help Wanted" | REUTERS

US-Niedriglohnjobs "Die Leute verlangen jetzt mehr"

Stand: 05.06.2021 09:26 Uhr

In der Corona-Krise sollte das erhöhte US-Arbeitslosengeld viele vor Armut bewahren. Nun macht es schlecht bezahlte Jobs wie in der Gastronomie unattraktiver. Wer Personal sucht, muss umdenken.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Diner-Chef Stavros Vouvoudakis kommt vor Arbeit nicht mehr nach. Die Kundschaft wächst wieder. Aber sein Team ist seit der Pandemie auf die Hälfte geschrumpft. Neue Leute findet er nicht. Seit der gebürtige Grieche vor 51 Jahren in New York ankam, hat er so etwas noch nicht erlebt. "Ich war 17 und dankbar", erzählt er von damals. "Wenn Du hart arbeitest, kannst du hier was werden. Das ist das einzige Land, in dem du arm sein und ganz reich werden kannst."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Doch nicht mehr um jeden Preis. Der alte Mann zeigt aus dem Fenster. Bei seinen Nachbarn in Midtown wimmelt es von Schildern: "Help Wanted". Dringend gesucht sind: Kellner, Hostessen, Köche. Keiner will die Jobs.

Folgen der Corona-Hilfen

Schuld sei die Regierung, die großzügig Arbeitslosenhilfe während der Coronakrise zahlte. Und das bis September weiter tue. "Sie sind verwöhnt", meint Vouvoudakis. "Mit den zusätzlichen 300 Dollar wöchentlich brauchen sie nicht zu arbeiten. Das ist unfair für die Geschäftsleute."

Stavros Vouvoudakis steht in seinem Diner in New York | Antje Passenheim

Stavros Vouvoudakis sieht die hohe Arbeitslosenhilfe als Hauptgrund dafür, dass viele Gastronomen in New York derzeit vergeblich nach Personal suchen. Bild: Antje Passenheim

Dabei zahlten sie in New York schon lange 15 Dollar Mindestlohn. Doch was viele Jobber noch vor der Pandemie geschluckt hätten, nähmen sie nun nicht mehr hin, sagt Ökonom Alan Detmeister von der Schweizer Bank UBS. "In der Gastrobranche, wo die niedrigsten Löhne gezahlt werden, gab es in den letzten drei Monaten teils Steigerungen von 60 Prozent", sagt er.

Was Gewerkschaften über Jahrzehnte nicht geschafft haben, könnte nun die Pandemie besorgen, meint Daniel Zhao von der Plattform Glasdoor, die Unternehmen bewertet. "Diese Steigerungen sind interessant, weil sie signalisieren, dass die Geschäftswelt langfristige Strategien sucht, um Mitarbeiter zu ködern", sagt er.

Corona-Pause bewirkt Umdenken

Gabby Namm versteht das. Mit 19 begann sie in der Küche eines Taco-Lokals. Seitdem schlug sie sich als Köchin durch. "Du verdienst wenig. Du arbeitest rund um die Uhr", sagt sie. "Du kommst nicht dazu, darüber nachzudenken, was Du anders machen könntest, und Du hast zu wenig Geld, um Dir was eigenes aufzubauen."

Es sein ein Hamsterrad, in dem man gefangen sei. Dann kam die bezahlte Covid-Pause. "Ich habe mehr Arbeitslosenhilfe bekommen als ich vorher in irgendeinem Job verdient habe", sagt Gabby Namm. Und endlich hatte sie Zeit zum Nachdenken. "Ich dachte: Das ist verrückt. Ich werde ausgenutzt. Ich muss jetzt mal neu bewerten, was ich tatsächlich will und wie ich für mich selber weiterkomme."

Gabby Namm präsentiert ein von ihr gekochtes Gericht | Antje Passenheim

Bei Gabby Namm führte die Corona-Pause zu einem Umdenken - und zur Gründung eines eigenen Restaurants. Bild: Antje Passenheim

"Die Leute verlangen jetzt mehr"

Mit ihrem Mann eröffnete sie ein Popup-Restaurant. Zweimal die Woche gibt es philippinische Küche im "Sweet Angel Baby’s". Gekocht wird zu Hause, verkauft unter freiem Himmel. Wenn sie bald Leute einstellen, sollen die mehr als den Mindestlohn bekommen, verspricht Gabby Namm: "Die Leute verlangen jetzt mehr. Und das ist gut."

Auch Lawrence White begrüßt das. Der Experte an der New York University hofft, dass sich mit dem Neuanfang nach Covid einiges auf dem Jobmarkt verbessern werde. Etwa, dass Mitarbeiter nicht mehr derart auf Trinkgelder angewiesen seien. Es gebe bereits Lokale in Manhattan, die auf andere Modelle setzten. "Da könnte die Pandemie nachgeholfen haben, damit umgedacht wird", sagt er.

Eine Arbeiterrevolution sieht White trotzdem nicht. Die Gaststättenbranche erhole sich gerade jetzt rapide. Und sie stellt in New York mit gut 300.000 Jobs fast acht Prozent der Arbeitskräfte. Auf Dauer werde sich wenig ändern. Man werde immer solche Einzelgeschichten finden, sagt White. Aber er glaube nicht daran, dass das ein verbreitetes Phänomen sei.

Über dieses Thema berichtete B5 Aktuell am 04. Juni 2021 um 12:15 Uhr.

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KOMMENTARE

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Kaneel 05.06.2021 • 14:34 Uhr

11:46 von Sisyphos3

ich meine ein Sozialstaat wir der unsrige setzt auch Verantwortungsbewußtsein voraus So wie Sie argumentieren, scheint das Verantwortungsbewusstsein allerdings nur in eine Richtung, in die des AN zu gehen. Die Frage wäre für mich, warum man das "Arbeitssystem" nicht so an Menschen anpasst, dass diese darin bestehen können. Manche sind in diesem gescheitert, da diese nicht das vom AG geforderte Arbeitstempo oder die entsprechende Flexibilität (ständiger Wechsel des Arbeitsbereiches) erbringen können. Wieso passt man die Arbeitsplätze diesen Menschen nicht stärker an, anstatt diese aus dem Arbeitsprozess heraus zu katapultieren? Möglicherweise entstehen dann Mehrkosten, aber sicherlich weniger als wenn ein Mensch aus solchen Gründen Sozialleistungen bezieht. Ich kenne Menschen, die sich ehrenamtlichen Tätigkeiten gesucht haben, die wiederum anderen zugute kommen - eigentlich doch genau das, was Sie fordern. Aber die Menschen suchen sich das, was diese ausfüllen können!