Skyline von Manhattan in New York bei herbstlichem Wetter (Archiv) | REUTERS

Fachkräftemangel in New York Topmanager dringend gesucht

Stand: 06.10.2022 15:50 Uhr

Es wird luftig in New Yorks Chefetagen. Die Arbeit wächst - aber immer weniger wollen kommen, um sie zu machen. Die Metropole wird unattraktiver, sagen Topmanager und Personalvermittlungen.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Seit Monaten schon sucht Chris, ein Topmanager in der Flugindustrie, händeringend führende Angestellte, um die Büros zu füllen. "Es kommt mir verrückt vor", sagt er, "wir bieten diese fantastischen Jobs, die so gut bezahlt werden. Und können einfach keine Leute finden."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Mehrere Chefposten sind unbesetzt, teils mit einem Gehalt von einer halben Million Dollar im Jahr. Dazu zahlreiche Extras und die Erlaubnis, die Hälfte der Zeit vom Homeoffice zu arbeiten. Doch all das zieht offenbar nicht mehr, um genug qualifizierte Leute nach Manhattan zu locken.

Die Finanz- und Geschäftsmetropole habe seit Corona für viele ihren Glanz verloren, sagt Chris, dessen Unternehmen laut "Forbes"-Liste zu den führenden 500 der USA gehört. Nach New York wollen die Meisten nicht mehr um jeden Preis: "Du hast die Inflation. Die Lebenshaltungskosten in New York sind nicht besser geworden."

Auch Auswirkungen der Pandemie

Teure Schulen, Exzessmieten. Auch die steigende Kriminalität schrecke viele davon ab, etwa mit ihren Familien, in die City zu ziehen. Die Achteinhalb-Millionen-Metropole hat Federn gelassen. Während der Hochphase der Pandemie wurden die Leute scharenweise auf die Straße gesetzt oder flohen aufs Land.

Jetzt ist New York zurück - aber viele Angestellte nicht. Vor einem Jahr seien viele qualifizierte Leute auf dem Markt gewesen, die sich in ihrer Karriere verändern wollten, sagt Topmanager Chris. "Jetzt haben viele von ihnen gefunden, was sie wollten. Der Markt ist ausgetrocknet. Und wir müssen mit Personalvermittlungen zusammenarbeiten, um Leute für unsere offenen Stellen zu finden."

Leben, wo man vorher nur im Urlaub war

Ein US-weiter Trend trifft vor allem den Hotspot New York. Hier ist seit Corona die Arbeitslosenrate mit über sechseinhalb Prozent rund doppelt so hoch wie im landesweiten Durchschnitt. Gleichzeitig können viele Löcher auf dem Jobmarkt nicht gefüllt werden. Bars und Restaurants haben immer noch Probleme, Schichten zu besetzen und müssen früher schließen als sonst.

Jetzt erreicht der Angestelltenmangel eben auch die sogenannten "Weiße-Kragen-Jobs", sagt die Chefin der Personalvermittlung Work It Daily, J.T O’Donnell: "Ein Teil der Attraktion von New York war immer für viele: Du gehst dahin und machst schnell ein Vermögen." Weil es jetzt so viele hybride Arbeitsmöglichkeiten gebe, zögen viele Menschen an weit bezahlbarere Orte. "Auch solche, an die sie sonst im Urlaub gefahren sind."

"Hochdruckjobs" zunehmend unattraktiver

Für dieses Plus an Lebensqualität würden viele sogar auch auf einen Teil ihres früheren Lohns verzichten. Topmanagement sei außerdem eines der stressigsten Geschäfte. Personalvermittlerin O'Donnel sagt: "Bei vielen kommt noch der posttraumatische Stress der Pandemie dazu. Sie wollen diese Hochdruckjobs nicht mehr und viele können sich das leisten." Das bringe viele Veränderungen - gerade für Städte wie New York."

Die Firmen dort müssten sich etwas einfallen lassen, sagt Unternehmensberater Zach Dunn von der Jobplattform "Robin". Je mehr sich hybrides Arbeiten breitmacht, umso mehr überlegen sich Leute mit stressigen Jobs, ob sie dafür auch noch in so eine teure, anstrengende und zunehmend kriminelle Stadt ziehen sollen.

Büros raus aus der Stadt?

Die Frage sei nur, ob das Büro nicht dorthin kommen könnte, wo die Angestellten lieber leben - statt umgekehrt: "Firmen sollten überlegen, wie sie ihre Büros aus New York heraus verlagern können. Dorthin, wo viele großartige Manager bereits mit ihren Familien leben. Da kommen sie auch gern ins Büro - halt nur in Upstate New York statt in Manhattan.

Eine Art Clubhaussystem nach dem Co-Working Modell von WeWork etwa, meint Dunn: "Kreier deinen Arbeitsplatz. Statt dem glitzernden Palast Downtown ist es vielleicht besser, etwas Unscheinbareres irgendwo da draußen zu haben." Noch könnten sich viele Unternehmen nicht an diesen Gedanken gewöhnen, sagt Dunn. Sie säßen zwar in New York - aber die meisten ihrer Angestellten nicht.

Ganz soweit muss es nicht kommen, meint Manager Chris. New York bleibe eben New York mit all seinen Banken, Firmen und den Vereinten Nationen. So schnell gehe der Glanz nicht verloren. Allerdings müssten sich Unternehmen wie seines schon darauf einstellen, Kompromisse zu machen.