Blick auf den Gipfelbereich des Mount Everests | dpa

Nepals Sherpas arbeitslos Basislager ohne Bergsteiger

Stand: 28.03.2021 05:25 Uhr

Hochgebirgstourismus samt Achttausender-Besteigungen war vor der Pandemie für Nepal eine wachsende Geldquelle. Doch nun sind viele Sherpas arbeitslos. Neue Ideen sollen ihnen helfen.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu Delhi  

Pasang Rinzee Sherpa ist am Berg zu Hause. Er führt Bergsteiger auf den Mount Everest. Damit verdient der 33-Jährige für nepalesische Verhältnisse gutes Geld, 8000 US-Dollar pro Jahr. Nun aber hat er keine Einkünfte mehr. Schon das zweite Jahr hintereinander bleiben seine Kunden aus - wegen der Pandemie.

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Er musste seinen Vermieter bitten, die Miete auszusetzen. Seine Mahlzeiten fallen bescheiden aus, Restaurantbesuche kann er sich nicht mehr leisten. Jetzt hat er mit Freunden ein alternatives Geschäftsmodell entwickelt und ein Café gegründet. Für den Sherpa ist das aber nur eine vorübergehende Lösung. Er hofft, bald wieder in die Berge des Himalajas aufbrechen zu können.

Bergsteiger am Mount Everest | Chhoki Sherpa

In manchen Jahren sorgten Staus beim Anstieg - wie hier am Mount Everest - weltweit für Schlagzeilen. In Zeiten der Pandemie warten die Sherpas vergeblich auf Bergsteiger aus aller Welt. Bild: Chhoki Sherpa

Zwei Millionen Touristen bleiben 2020 weg

Die weltweite Pandemie trifft Nepals Sherpas hart. Kaum einer der Männer, die sonst Touristen in die Hochgebirgswelt begleiten und Spezialisten auf den Mount Everest führen, hat derzeit ein Einkommen. Nepal hatte gehofft, die Touristen und Bergsteiger kämen zurück. Doch in Europa reiht sich Lockdown an Lockdown, und in Deutschland warnt das Auswärtige Amt vor Reisen in das Hochgebirgsland. Denn auch in Nepal grassiert das Coronavirus: Bislang wurden gut 275.000 Covid-19-Erkrankungen und rund 3000 Todesfälle gemeldet.

Allein im vergangenen Jahr hätten laut den Vor-Corona-Planungen zwei Millionen Besucher aus dem Ausland kommen sollen. Jetzt wollen gerade einmal 300 Bergsteiger den Mount Everest erklimmen. Nach neun Monaten Abschottung lässt Nepal sie wieder ins Land. Besucher brauchen dafür einen negativen Corona-Test. Die Quarantäne kann zwischen fünf und 14 Tage dauern.

Sherpas können nur ein halbes Jahr lang arbeiten

Nur sechs Monate im Jahr können die Sherpas etwas verdienen. "Von März bis Mai und von September bis November geht jeweils die Saison", erklärt Dawa Sherpa. Er ist Nepals Vizepräsident des Sherpa-Verbands. "Wir dürfen uns jetzt nicht hängen lassen, sonst kommen Depressionen und Selbstmordgedanken. Wir müssen sehen, dass wir mental gesund bleiben."

Davon hängt einiges ab. Den Sherpas gehören viele Reiseagenturen, sie verleihen und verkaufen Spezialausrüstungen für Bergsteiger. Auch diese Angestellten sind ohne Einkommen. Neun Monate hielt das Land seine Grenzen geschlossen. Die  Regierung habe den Sherpas eigentlich finanziell unter die Arme greifen wollen, doch passiert sei nichts, sagt Dawa Sherpa. Sein Verband habe schließlich weltweit Spenden gesammelt, damit sich die Familien Lebensmittel leisten können.

Ein Sherpa-Team im Basecamp am Mount Everest. | Chhoki Sherpa

Bild aus besseren Tagen: ein Sherpa-Team im Basecamp am Mount Everest. Bild: Chhoki Sherpa

Nepalesen lernen Nepal kennen

Im zweiten Jahr der Pandemie hat Nepals Regierung nun eine Idee. Der einheimische Tourismusmarkt soll entwickelt werden. Die jungen Sherpas empfehlen demnächst auf Social-Media-Plattformen den Einheimischen Ausflugsziele. "Ich war in Deutschland, in vielen Ländern Europas, in den USA und anderen Teilen dieser Welt, aber ich kenne mein eigenes Land nur schlecht", gibt Dawa Sherpa zu. Es gebe da nämlich ein Problem. "Wir Nepalesen sind einander fremd, wir kennen uns kaum."

Das soll sich nun ändern. In Nepal leben rund 100 verschiedenen Ethnien, sie sprechen 124 verschiedenen Sprachen. Auch das werden die Sherpas bei ihren Werbekampagnen berücksichtigen müssen. Bisher haben sie Englisch, Deutsch oder Mandarin gelernt. Es gebe es da ein nepalesisches Sprichwort, sagt Dawa Sherpa: "Anstatt zu sterben, sei es besser, verrückt zu leben." Wenn kein Geld mehr ins Land komme, müssten sich die Sherpas etwas Neues einfallen lassen.