Ein Wasserstoff-Tank steht in einem Hybridkraftwerk. | dpa

Deutsche Kooperation mit Namibia Grüner Wasserstoff aus der Wüste

Stand: 04.12.2022 11:24 Uhr

Wirtschaftsminister Habeck ist zu einer Reise nach Afrika aufgebrochen. In Namibia soll es um grünen Wasserstoff gehen. Das Land hat enorme Potenziale bei der Stromerzeugung aus Wind und Sonne - und eine deutsche Firma will sich das zunutze machen.

Von Heidi Mühlenberg, mdr

Grüner Wasserstoff soll aus den Wüsten nach Europa gelangen und so Öl, Gas und Kohle ersetzen. Das hat die Bundesregierung beschlossen: "Ich habe die große Hoffnung, dass es eine zweistellige Anzahl von Ländern sein wird, die bis 2030 dann auch nach Deutschland exportieren", sagt der Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, Patrick Graichen (Die Grünen).

Für die Länder in Afrika und Nahost ist das eine riesige Chance, und es hat ein Wettlauf um die besten Bauplätze begonnen. "Es werden die Petrodollars, die früher in den Nahen Osten geflossen sind, heute als grüne Energie-Dollar nach Afrika fließen", prophezeit Stefan Liebing vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft. Dabei mischten deutsche Firmen auch ganz vorn mit.

Eine Idee aus der Uckermark in Namibia

Enertrag etwa hat seinen Sitz im Dörfchen Dauerthal in Brandenburg und mausert sich gerade zum Global Player. Der Leiter für die Auslandsprojekte, Tobias Bischof-Niemz, verantwortet die derzeit größte geplante Wasserstofffabrik im Ausland für zehn Milliarden Euro in Namibia. Die Pilotanlage dafür steht in Brandenburg und schrieb Geschichte: "Es war die erste Anlage weltweit, die Wasserstoff rein aus Windstrom erzeugt hat, und die hat sicherlich sehr viele Denkanstöße geliefert", so Bischof-Niemz. Dutzende internationale Delegationen seien seitdem in die Uckermark gereist.

Rings um Dauerthal drehen sich mehr als 600 firmeneigene Windräder. Mit knapp eintausend Beschäftigten ist Enertrag nicht nur ein wichtiger Arbeitgeber in der Uckermark, sondern hat weltweit schon Milliarden-Investitionen in saubere Energien angeschoben. "Was wir hier in der Uckermark machen, ist von der Dimension sehr vergleichbar mit dem, was wir in Namibia jetzt neu planen und vorhaben", sagt Bischof-Niemz.

Wind und Sonne aus der Wüste für grüne Energie in Deutschland

Im Süden von Namibia hat Enertrag sein Projekt namens "Hyphen": Geplant im menschenleeren Nationalpark Tsau Khaeb. Das wüstengleiche Gebiet ist seit 100 Jahren Sperrzone, denn dort werden Diamanten gefördert. Dennoch durfte der mdr hier drehen. Ein Ziel: ein sandiger Hügel im Nirgendwo. Darauf steht ein Messturm.

"Es ist ein deutlich stärkerer Wind", sagt Luciano Hausschild, der für Enertrag in Südafrika exakte Daten zum Wind sammelt. An der Nordsee in Deutschland gebe es auf gleicher Höhe für die Windräder gerade einmal acht Meter pro Sekunde. "Und hier sind wir schon bei elf Metern pro Sekunde, sogar zwölf in einigen Positionen." Als Folge lässt sich grüner Strom hier günstig erzeugen - für weniger als zwei Cent pro Kilowattstunde.

"Weltbeste Standorte" für Wind- und Solarenergie

"Dies ist ein perfekter Standort: Wir stehen an einem der weltbesten Windstandorte an Land, eine Ressource von Weltklasse. Fünfzehn Kilometer weiter östlich haben wir unsere Solaranlagen, auch weltbeste Standorte", schwärmt "Hyphen"-Projektleiter Jonathan Metcalfe von Enertrag Südafrika. Hinzu komme noch, dass in zwölf Kilometern Entfernung der Ozean sei. Daraus könne Wasser zur Herstellung von Wasserstoff gewonnen werden.

Das Projektgebiet ist riesig, 100 Kilometer lang und 80 Kilometer breit. 600 Windturbinen und zwei Solarfelder sollen eine Kapazität von sieben Gigawatt bereitstellen - so viel wie sieben große Kernreaktoren. Um die Rieseninvestition zu stemmen, arbeitet Enertrag als "Hyphen"-Konsortium mit einem Finanzinvestor zusammen.

Ist die alte Kolonialherrschaft noch in den Köpfen?

Ganz in der Nähe des Projektgebiets befindet sich Lüderitz. Der Name des Ortes steht für deutsche Kolonialherrschaft. Dort unterhielten deutsche Truppen Lager für gefangene Herero und Nama. Es starben Tausende. Heute leben rings um Lüderitz viele Menschen ohne Arbeit. Viele kommen jetzt neu in die Townships in der Hoffnung auf die Jobs, die "Hyphen" schaffen will.

Der Uckermarker Bischof-Niemz hat sich in Namibias Hauptstadt Windhoek mit dem Wirtschaftsberater des Präsidenten getroffen: "Wir haben die höchsten Staatsschulden und die höchste Arbeitslosigkeit, die wir je hatten", sagt Präsidentenberater James Mnyupe. "Für uns ist dies also eine sehr wichtige Gelegenheit, Arbeitsplätze zu schaffen."

Habeck in Namibia und Südafrika

Dass es dennoch Menschen gibt, die bei Projekten wie "Hyphen" von neuem Kolonialismus sprechen, amüsiert Mnyupe. "Deutschland kam hierher, um Werte abzugreifen und sie nach Deutschland zu bringen. Jetzt reden wir über Arbeitsplätze und Industrien in Namibia, die ursprünglich in Deutschland waren, die sich dort aber weniger lohnen." Wenn es nun möglich werde, grünen Ammoniak in Namibia billiger und grüner herzustellen, dann komme die Industrie vielleicht dorthin, hofft der Berater.

Lange bekam Afrika Almosen. Das ändert sich. Europa braucht die Wüsten der Welt für eine klimaneutrale, grüne Zukunft. Aus diesem Grund bricht Wirtschaftsminister Robert Habeck heute zu einer fünftägigen Reise nach Namibia und Südafrika auf. Auf der ersten Station in Windhoek gehe es um eine engere Zusammenarbeit bei Wasserstoff, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Geplant ist ein Gespräch Habecks auch mit dem Staatspräsidenten Namibias, Hage Geingob. Offenbar erhoffen sich beide Seiten eine bessere Zukunft durch eine Zusammenarbeit.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 04. Dezember 2022 um 12:07 Uhr.