Frachtflugzeug der Lufthansa Cargo | dpa

Luft- und Schifffahrt Krieg verschärft Lieferkettenprobleme

Stand: 28.02.2022 14:57 Uhr

Wegen Corona sind die globalen Lieferketten ohnehin noch gestört - jetzt kommen die Verwerfungen des Ukraine-Kriegs hinzu. Luft- und Schifffahrt stehen vor großen logistischen Problemen.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat unmittelbare Folgen für die weltweiten Lieferketten. Betroffen ist vor allem die Luftfracht, aber auch in der internationalen Schifffahrt wird mit massiven Einschränkungen gerechnet - dabei hat sich die globale Logistik noch längst nicht von den Folgen der Corona-Pandemie erholt.

Fluggesellschaften weltweit unter Druck

In der Luftfracht fallen die aus dem EU-Luftraum verbannten russischen Gesellschaften aus, während die westlichen Airlines den Luftraum über dem größten Staat der Erde nicht mehr nutzen können. Passagier- und Frachtflüge nach Asien müssen weitere südliche Routen nehmen, um den russischen Luftraum zu vermeiden. Nach Angaben von Lufthansa Cargo verlängern sich Flüge aus Mitteleuropa nach Japan, Korea und China teils um mehrere Stunden und können bis zu 20 Prozent weniger Fracht mitnehmen.

Als erste Gesellschaft zog die finnische Finnair ihren Geschäftsausblick 2022 wegen der Sanktionen zurück. Mit dem Umfliegen des russischen Luftraums seien die meisten Passagier- und Frachtflüge nach Asien nicht wirtschaftlich, sagte Finnair-Chef Topi Manner. An der Börse sackten Aktien von Lufthansa und dem Flughafenbetreiber Fraport ab. Die Sanktionen treffen die Airlines in einer Phase, in der sie sich gerade erst von den Einbrüchen in der Corona-Krise erholen. Ausfälle in der Luftfracht könnten die globalen Lieferkettenprobleme verschärfen.

"Die Wege nach Asien werden länger, die Kerosinkosten steigen, und die Kapazitäten sinken", sagt der Frankfurter Fracht-Experte Joachim von Winning - zumal die Zulademöglichkeiten in Passagierjets trotz abflauender Corona-Krise absehbar nicht so schnell ausgeweitet werden, wie es zu Friedenszeiten zu erwarten gewesen wäre. Die direkte Folge: Die ohnehin schon sehr hohen Frachtraten werden auch angesichts der weiterhin bestehenden Probleme bei der Seefracht noch weiter steigen. Profitieren werden vor allem Gesellschaften, die Vollfrachter anbieten können.

Russische Maschinen auf deutschen Airports gestrandet

An den wichtigsten deutschen Fracht-Drehkreuzen Frankfurt und Leipzig ist bereits einige Ladung liegen geblieben, die eigentlich von Frachtern der russischen Volga-Dnepr-Group geflogen werden sollte. In Frankfurt war deren Tochter AirBridgeCargo (ABC) bislang die Nummer Zwei hinter der Lufthansa und hat dort im vergangenen Jahr 110.000 Tonnen Fracht zwischen Russland, Europa und den USA umgeschlagen. Die Gesellschaft war unter anderem auf den Transport von Pharmazeutika und weiterem Medizinbedarf spezialisiert.

Unruhe herrscht seit dem Flugstopp beim unabhängigen Abfertiger Frankfurt Cargo Services, der seinen wichtigen Kunden vorerst verloren hat. Am Flughafen Leipzig/Halle sind gleich drei Riesenfrachter vom Typ Antonov 124 der russischen Volga-Dnepr-Gruppe gestrandet. Für sie gelte wie für alle anderen russischen Maschinen nun das Flugverbot im Luftraum, sagte ein Sprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG. Zwei weitere Maschinen gleichen Typs dürfen hingegen aus Leipzig abheben, weil sie der ukrainischen Antonov Airlines gehören. Sie seien im Rahmen des Salis-Abkommens für NATO-Mitgliedstaaten im Einsatz, erklärte der Sprecher.

Sicherheitskreise schätzten gegenüber der "Deutschen Verkehrszeitung" die Chancen der Volga-Dnepr-Group gering ein, die Flugverbote zu umgehen, indem Flugzeuge auf ihre britische oder die deutsche Tochtergesellschaft umgemeldet würden. Auch Luftfahrtexperte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne ist überzeugt: "Die unterliegen klar den Sanktionen." Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte klargemacht, dass die EU-Luftraumsperre für alle Flugzeuge gilt, die Russen gehören, von ihnen kontrolliert werden oder die in Russland registriert sind.

Frachtflugzeuge der Volga-Dnepr-Gruppe | dpa

Drei Frachtflugzeuge Antonow An-124 der russischen Volga-Dnepr-Gruppe stehen am Flughafen Leipzig/Halle. Die Maschinen dürfen nicht mehr abheben, da der Luftraum der EU für russische Flugzeuge gesperrt ist. Bild: dpa

Stoßen arabische Airlines in die Lücke?

Wer übernimmt also das Geschäft der russischen Frachtflugzeuge? Die Lufthansa Cargo fliegt bereits seit Beginn der Corona-Pandemie an der Grenze ihrer Kapazitäten und wird für das Geschäftsjahr 2021 einen Rekordgewinn in Milliardenhöhe beim coronageschädigten Lufthansa-Konzern abliefern. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, betreibt sie seit kurzem sogar zwei Mittelstreckenjets vom Typ A 321 als Frachtflugzeuge.

Luftfahrtexperte Wissel sieht große geschäftliche Chancen für die großen arabischen Gesellschaften wie Emirates und Qatar, die bislang wie die Chinesen weiterhin den russischen Luftraum nutzen. Wegen der geografischen Lage ihrer Drehkreuze müssen sie auch die Verbindungen nach Fernost nicht ändern, während die US-Gesellschaften stärker auf die Pazifik-Routen umsteigen dürften. Wissel warnt auch vor steigenden Kerosin-Preisen und weniger Geschäftsreisen angesichts des Kriegs in der Ukraine. "Die Auswirkungen des Krieges auf den Luftverkehr sind gewaltig. Es wird sehr darauf ankommen, wie lange der Konflikt anhält."

Auch Frachtschifffahrt rechnet mit Problemen

Auch die Seeschifffahrt wird die Folgen des Krieges und der im Zuge dessen verhängten Sanktionen gegen Russland zu spüren bekommen. So rechnet der Hamburger Hafen mit Auswirkungen auf die Lieferketten und den Güterumschlag. Konkret beziffern lasse sich dies noch nicht, sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann. Es sei aber absehbar, dass es Beeinträchtigungen geben werde. "Das wird Auswirkungen haben", so Westhagemann.

Deutlich größer als die Containerverkehre sei der Umschlag von Massengut wie Kohle und Holz, sagte der Vorstand der Marketinggesellschaft, Axel Mattern. Zahlen dazu nannte er nicht. Aktuell gibt es den Angaben zufolge zehn Liniendienste zwischen dem Hamburger Hafen und Russland, sieben davon mit St. Petersburg, die anderen mit Kaliningrad, dem früheren Königsberg.

Entscheidung aus Brüssel steht noch aus

Der Chef der Hafenbehörde (HPA), Jens Meier, erklärte, der Handelsverkehr mit Russland sei zum Erliegen gekommen. "Im Moment sind alle ein wenig ratlos." In der Hansestadt gebe es viele Firmen, die seit Jahren mit Russland Handel trieben. Man könne nur die Hoffnung aussprechen, dass sich die Dinge wieder normalisierten und das Leid in der Ukraine beendet werde, so Meier.

Russischen Schiffen droht indes ein Einlaufverbot in Häfen in der EU. Ein Beschluss aus Brüssel hierzu steht jedoch noch aus. "Es gibt aktuell noch keine eindeutige Regelung." Nach Meiers Angaben gibt es aktuell in Hamburg zwar nur sehr wenige Anläufe von Schiffen, die unter russischer Flagge fahren. Bei einem Embargo gehe es allerdings "um die Waren". Er wies darauf hin, dass Waren mit Ziel Russland nicht zwangsläufig von Schiffen unter russischer Flagge transportiert würden. Frankreich und Großbritannien hätten bereits erste Schiffe von russischen Eignern abgewiesen, sagte Meier weiter. "Ich rechne in Kürze mit einer klaren Ansage, was nicht mehr erlaubt ist." Dabei werde man auch auf die Eigner der Schiffe achten. Laut dem Verein Hafen Hamburg Marketing haben viele Reedereien Buchungsstopps für Transporte in Richtung Russland verhängt.

Rückschlag nach ersten Anzeichen von Erholung

Hamburg ist den Angaben zufolge auch davon betroffen, dass es keine direkten Zugverbindungen durch die Ukraine mehr gibt. Dies habe auch Folgen für den Güterverkehr von und nach China. Die sogenannte Eiserne Seidenstraße zwischen Europa und der Volksrepublik hatte sich in den vergangenen Jahren zu einer Alternative zum Transport über den Seeweg entwickelt.

Der Containerverkehr zwischen Deutschlands größtem Seehafen und Russland war nach Angaben der Marketinggesellschaft des Hafens bereits nach 2014 und den Sanktionen wegen der russischen Annexion der Halbinsel Krim um etwa die Hälfte auf rund 300.000 Standardcontainer (TEU) eingebrochen. Zudem trifft die Ukraine-Krise den Hamburger Hafen inmitten der Erholung von der Pandemie. Im vergangenen Jahr wurden mit 8,7 Millionen Standardcontainern gut zwei Prozent mehr Stahlboxen über die Kaimauern der Hansestadt gehoben. Damit konnte Deutschlands größter Seehafen Rang drei unter den Nordseehäfen festigen. Während Antwerpen bei zwölf Millionen Containern stagnierte, wurden in Rotterdam 2021 erstmals mehr als 15 Millionen Boxen umgeschlagen, plus 6,6 Prozent.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 26. Februar 2022 um 12:15 Uhr.