Anfallende Gase werden in der LNG-Anlage auf dem Gelände der Venture Global LNG an einer Fackel verbrannt in Cameron, USA. | dpa

LNG-Anlagen in den USA Die vermeintlich saubere Energie

Stand: 15.06.2022 03:15 Uhr

Mithilfe von verflüssigtem Erdgas will Europa unabhängig werden von russischen Gas-Importen. Die Nachfrage nach LNG steigt, die USA wollen liefern. Doch die vermeintlich saubere Energie belastet Mensch und Umwelt.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Studio Washington

Wenn John Allaire vor sein Haus tritt, sieht er gelb-orangefarbene Flammen in den Himmel schießen. Den ganzen Tag stoßen die Abfackelfeuer schwarzen Rauch aus. Manchmal sei es richtig schlimm, klagt er.

Reinhard Baumgarten

Allaire wohnt unweit der Venture Global LNG - einer Flüssiggasanlage im Süden des US-Bundesstaates Louisiana. Die nächste Anlage ist bereits in Planung. Venture Global will mehr als 13 Milliarden Dollar investieren. Es werde ein Monument von kurzfristiger Planung und kurzfristigem Geld, glaubt Allaire. "Lass es uns machen, machen, machen. Und dann geht's weiter mit dem nächsten Ding."

Zehn LNG-Anlagen an der Küste Louisianas

In den kommenden Jahren sollen insgesamt neun weitere Flüssiggasanlagen an der Golfküste von Louisiana gebaut werden. Das Geschäft brummt wie nie zuvor. Der Krieg in der Ukraine und Europas Abkehr von russischem Öl und Gas haben die Nachfrage nach Flüssiggas kräftig befeuert. Und die USA wollen liefern, sagt US-Präsident Joe Biden: "Wir müssen sicherstellen, dass Familien in Europa durch den Winter kommen."

Die Luft stinkt, das Atmen fällt schwer

Den karitativen Ansatz des Präsidenten findet Roishetta Ozane bemerkenswert. "Wir müssen sicherstellen, dass wir nicht unsere eigenen Leute vergessen, denen es schlecht geht, um andere zu retten", sagt sie.

Ozane lebt in der Nähe der LNG-Anlage Cameron. Im Jahr 2019 wurde diese in Anwesenheit des damaligen US-Präsidenten Donald Trump in Betrieb genommen. Mit Gleichgesinnten will Ozane den Bau einer weiteren Anlage in ihrer Gegend verhindern. Die Umweltbelastungen seien gewaltig. Die Luft stinke oft nach Schwefel, das Atmen falle an manchen Tagen schwer.

Zehn Millionen Tonnen Treibhausgase im Jahr

John Wainwright, der Umweltbeauftrage von Cameron LNG, versichert, die Anlage habe etliche Mechanismen, um die Abgase zu kontrollieren. Er verweist darauf, dass sein Unternehmen den Ausstoß von CO2 binnen Jahresfrist um zehn Prozent reduziert habe.

Doch die Anwohnerin Lydia Larce lässt sich nicht beschwichtigen. Der Industrie gehe es blendend mit dem Gas, "während wir an eurem Schmutz und dem Klima leiden", sagt sie. Zehn Millionen Tonnen Treibhausgase blasen die vier LNG-Anlagen an der amerikanischen Golfküste jährlich in die Atmosphäre - so viel wie der Karibikstaat Costa Rica.

Biden: 50 Milliarden Kubikmeter LNG für Europa

Biden geht davon aus, dass Europa jährlich bis zu 50 Milliarden Kubikmeter LNG aus den USA beziehen wird. "Wir schaffen die Infrastruktur für eine diversifizierte, widerstandsfähige und saubere Energie-Zukunft", sagt er.

Etliche der hochgesteckten Umwelt- und Klimaziele der Biden-Administration drohen auf der Strecke zu bleiben, klagen Aktivisten. Sie dringen mit ihren Argumenten für mehr Umweltschutz und eine nachhaltige Energie bei Politikern und Investoren nur bedingt durch. Viele Jobs werden durch die Flüssigerdgasanlagen geschaffen, viel Geld fließt in die Kassen der Kommunen.

Allaire ist gegen neue LNG-Anlagen in Louisiana. "An der Küste von New Jersey oder Kalifornien, an der Ost- oder Westküste, oder an der Küste Floridas würden die so etwas nie machen", sagt er. Aber aufgeben will er nicht. Auch wenn die Aussichten mit Blick aufs Meer nicht gerade rosig sind. "Anstelle der Flussmündung mit all dem Wasser und dem Marschland wird dann Beton da sein."