Eine Hand hält türkische Lira. | REUTERS

Türkische Lira-Krise In Sorge um die Angehörigen

Stand: 17.12.2021 08:14 Uhr

Der starke Verfall der türkischen Lira ist auch in Deutschland spürbar. Die deutschen Exporte ins Land sind eingebrochen. Und viele Menschen mit Wurzeln in der Türkei bangen um Familie oder Freunde.

Von Melissa Faust, WDR

Es ist früher Nachmittag, Hochbetrieb vor einer türkischen Bank in Köln. Vor dem Eingang bilden sich lange Schlangen. Ein Grund dafür: Die türkische Lira verliert immer mehr an Wert. Bereits seit Jahresbeginn hat die türkische Währung fast die Hälfte ihres Wertes verloren. Wer Freunde, Verwandte und Bekannte unterstützen will, kann hier Euro-Beträge in die Türkei überweisen.

Melissa Faust

Die türkische Lira hat in diesem Jahr enorm an Wert verloren. Lag der Wechselkurs noch im Januar 2021 bei rund 0,11 Euro für eine türkische Lira, tauscht man nun eine türkische Lira nur noch für etwa 0,06 Euro. Die Inflationsrate betrug nach Angaben der türkischen Statistikbehörde zuletzt etwa 21 Prozent. Für die Menschen in der Türkei bedeutet die Teuerung, dass die Lebenshaltungskosten stark steigen.

Gewinner und Verlierer der Krise

Die Deutsch-Türkische Gesellschaft in Bonn zeichnet ein differenziertes Bild: Es gebe Verlierer und Gewinner der Lira-Krise. Zu den großen Verlierern zählten vor allem Menschen und Unternehmen, die Einnahmen in türkischer Währung beziehen; also beispielsweise Menschen mit türkischen Wurzeln, die ihr Einkommen durch Transferleistungen oder Einkünfte aus der Türkei aufbessern.

Dazu könnten Renten oder auch Mieteinnahmen aus Immobilieneigentum gehören, die sie in türkischer Währung erhalten. Durch den Kursverlust der Lira könnten so auch in Deutschland lebende Menschen an Kaufkraft verlieren. Das gleiche gelte für alle, die ihr Geld in Lira angelegt haben. Ebenso erlitten Firmen hohe Verluste, die ihre Einnahmen aus Mieten, Produktions- oder Dienstleistungen in Lira erhalten.

Risiken für die heimische Wirtschaft

Auch auf die deutsche Wirtschaft hat die Lage in der Türkei Auswirkungen. Laut Auswärtigem Amt ist Deutschland einer der größten ausländischen Investoren mit einem bilateralen Handelsvolumen von 36,6 Milliarden Euro im Jahr 2020. In der Türkei gibt es über 7400 deutsche Unternehmen oder türkische Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung.

Für Exportfirmen könnten Schwierigkeiten entstehen, Produkte und Leistungen abzusetzen. Teilweise wären so auch Preisnachlässe notwendig, um mit der Konkurrenz in der Türkei mithalten zu können, sagt Emine Emel Yildiz von der Deutsch-Türkischen Gesellschaft Bonn. Auch Firmen und Privatpersonen, die ihre Türkei-Geschäfte in Euro abwickeln, könnten Verluste erleiden, wenn ihre türkischen Geschäftspartner aufgrund der schwierigen Lage im Land schwächeln oder insolvent werden.

Verlässlichkeit als Handelspartner gefährdet

Gregor Wolf, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Exporthandels, sieht durch die aktuelle Lage die Verlässlichkeit der Türkei als Handelspartner gefährdet: "Schon im August hat sich dies mit einem Rückgang der deutschen Exporte von 30 Prozent bemerkbar gemacht."

Den Lira-Verfall bezeichnet er aufgrund der Geldpolitik der türkischen Regierung als "hausgemachtes Problem, das nur mit einer restriktiven Politik und etwas Geduld gelöst werden kann." Im Sinne der türkischen und deutschen Unternehmen hofft er auf ein Umdenken in der Zinspolitik, um die Inflation zu senken. Den Leitzins weiter zu senken, sei der falsche Weg. Es sei eher eine Erhöhung notwendig.

Türkische Community in Sorge

Die schwache Lira kann auch Chancen eröffnen - etwa bei Immobilienkäufen. Und Urlaub in der Türkei wird billiger. Doch für viele Menschen in Deutschland mit familiären Wurzeln in der Türkei stehen derzeit die Sorgen der Angehörigen im Mittelpunkt. Fast jeder hat Verwandte oder Bekannte im Land, die von den Folgen der Währungskrise betroffen sind. Der Großteil schaue mit Unbehagen auf die dortige wirtschaftliche Lage, meint auch Emine Emel Yildiz.

Beunruhigt ist beispielsweise auch eine Frau, die mit ihrer Mutter im Kölner Stadtteil Ehrenfeld unterwegs ist. Sie ist besorgt um ihre Familie in der Türkei, die sich von ihrem Lohn den Lebensunterhalt nicht mehr leisten könne. Bei den Sorgen sei an günstigen Urlaub nicht zu denken. Und die Produkte in der Türkei seien so teuer geworden, dass der günstige Wechselkurs auch nichts bringe.

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 16. Dezember 2021 um 09:18 Uhr.