Textilarbeiterinnen und -arbeiter in Bangaldesch | imago images/Joerg Boethling

Lieferkettengesetz Was sich Bangladeschs Arbeiterinnen erhoffen

Stand: 11.06.2021 11:59 Uhr

Textil-Arbeiterinnen in Bangladesch erwarten mit dem Lieferkettengesetz nun konkrete Verbesserungen ihrer Jobbedingungen - in einer Branche, für die Millionen Menschen arbeiten.

Peter Hornung, ARD-Studio Südasien

Anju Begum verspricht sich viel vom deutschen Lieferkettengesetz. "Sobald dieses Gesetz in Kraft ist, werden wir in der Lage sein, Mutterschaftsurlaub mit finanziellen Vorteilen in Anspruch zu nehmen, einschließlich Überstundenzuschlägen und anderen Erleichterungen", sagt sie. "Wir wollen, dass dieses Gesetz umgesetzt wird."

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Begum ist eine mutige Frau. Sie ist 57 und arbeitet seit zwölf Jahren in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka in einer Textilfabrik namens Jesus Fashion Limited. Sie hat sich mehrfach zur Betriebsratschefin wählen lassen, zuletzt vor drei Monaten.

"Immer droht die Entlassung"

"Wir sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert", sagt Anju Begum. "Die Fabrik hat nicht genug Arbeit. Deshalb droht uns immer die Entlassung. Die Geschäftsleitung hat unsere Forderungen und ungelöste Probleme immer wieder aufgeschoben." Jetzt übe die Belegschaft über die Gewerkschaften Druck auf den Fabrikbesitzer aus - was inzwischen auch Wirkung zeige. 

Die Betriebsratschefin konnte tatsächlich einiges erreichen für die Arbeiterinnen: sauberes Trinkwasser, funktionierende Ventilatoren, damit die Arbeit auch jetzt in der Hitze erträglich ist, und Notausgänge, die nicht mehr versperrt sind wie früher. Aber vieles lasse sich eben nicht so einfach durchsetzen. Dass es nun aber einen Hebel gebe, den man bei den deutschen Kunden ansetzen könne, ändere viel, glaubt Anju.

Meist arbeiten Frauen in den Fabriken

"Sobald dieses Gesetz in Kraft ist, können wir unsere Beschwerden den Käufern mitteilen, wenn sie uns besuchen", sagt sie. "Sie werden auch erfahren, dass wir über das neue Gesetz informiert sind." 

Viereinhalb Millionen Menschen arbeiten in Bangladeschs Bekleidungsindustrie, die meisten von ihnen sind Frauen. Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes vor acht Jahren hat ein Schlaglicht auf die Zustände in den Textilfabriken geworfen. Mehr als 1100 Menschen kam damals ums Leben.

Seither sei einiges besser geworden, heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Es gebe neue Gesetze, die auch durchgesetzt würden. Dennoch bleibt das Land noch vielfach hinter internationalen Standards zurück. Und deshalb weckt das neue deutsche Gesetz große Hoffnungen in Bangladesch - auch bei Kalpona Akter, eine der bekanntesten Arbeiter-Aktivistinnen des Landes.

Neue Möglichkeit der Klagen

"Um die Unternehmen hier richtig in die Verantwortung zu nehmen, ist so ein Lieferkettengesetz wirklich notwendig", sagt Akter. "Es gibt für uns als Gewerkschaft im Moment keine Handhabe, deutsche Firmen verantwortlich zu machen. Mit so einem Gesetz könnten wir die Unternehmen auch in Deutschland verklagen. Das wäre sehr, sehr hilfreich und würde für den Schutz der Arbeiterinnen ein neues Fenster öffnen."

Deutlich weniger begeistert sind jedoch die Fabrikbesitzer, die sich aber nicht vor dem Mikrofon äußern wollen. Im Gespräch mit dem ARD-Studio Südasien sagt ein Manager, ihm sei alles andere als wohl mit dem neuen Gesetz - gerade weil die Klagemöglichkeiten für die Arbeitervertretungen deutlich erweitert würden. Zudem sei zu befürchten, dass deutschen Abnehmer nun verstärkt Druck auf sie machten.

Über dieses Thema berichtete am 11. Juni 2021 B5 aktuell um 09:21 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.