Ein Container wird im Industriepark Contargo vom Kran bewegt. | ARD-Studio Brüssel
Europamagazin

Lieferengpässe in Europa Schnell sein mit Weihnachtsgeschenken

Stand: 16.10.2021 06:42 Uhr

Überall in Europa verzögern sich Lieferungen - die Gründe: zu viele Containerschiffe auf einmal und Fachkräftemangel bei den Speditionen. Logistikexperten raten bereits zur Voraussicht.

Von Roman Rusch und Michael Grytz, ARD-Studio Brüssel

Henri Honkoop tippt auf seinen Bürobildschirm: Unzählige Schiffe sind zu sehen, die den Hafen von Rotterdam verstopfen, weil sie auf ihre Abfertigung warten. "Die Wartezeiten im Hafen variieren gerade von 24 Stunden bis zu 163 Stunden in der Spitze", sagt er. "Die Kapazitäten liegen dann still. Und die Nachfrage nach Schiffen und Transport wird nicht weniger, sondern nimmt eher zu."

Roman Rusch ARD-Studio Brüssel
Michael Grytz

Seit 25 Jahren übernimmt er hier mit seiner Firma Container von den großen Schiffen. Dann mietet er selbst Binnenschiffe und verteilt die Waren in Europa weiter. Doch das Geschäft läuft extrem zäh wegen der langen Wartezeiten in den Häfen. Mit weitreichenden Folgen: "Letztendlich wird das dann teurer. Und für den Konsumenten bedeutet das, dass er viel länger etwa auf ein Ersatzteil für seinen Rasenmäher warten muss", erklärt Honkoop.

Corona-Stillstand und "Ever Given" wirken fort

Das sieht auch Kawus Khederzadeh so. Er organisiert von Frankfurt aus Transporte auf dem Wasser und der Straße zwischen den Seehäfen und dem europäischen Hinterland. Rotterdam sei kein Einzelfall, meint er - sehr viele Containerhäfen in Europa könnten den Andrang der Schiffe gerade nicht bewältigen.

Kawus Khederzadeh | ARD-Studio Brüssel

Kawus Khederzadeh ist der Geschäftsführer eines Industrieparks in Frankfurt am Main. Bild: ARD-Studio Brüssel

Während der ersten Covid-Welle hätten viele Reedereien die Zahl der Schiffe reduziert, zumal auch China nicht weiter produziert habe - "als es dann wieder losging, hatte man dann nicht genug Kapazitäten", erklärt Khederzadeh. Der Rückstau der verspäteten Container führe jetzt dazu, "dass unsere Verkehrsträger nicht rechtzeitig und ordentlich abgefertigt werden."

Speziell bei den Schiffen wirke sich auch immer noch die Havarie des Containerschiffes "Ever Given" vom März im Suez-Kanal aus. Dadurch seien weltweite Lieferketten unterbrochen worden. Und als kleiner Binnenschiffer sei man in wichtigen Häfen wie Rotterdam ohnehin schon benachteiligt: "Die Schiffe werden immer größer und bringen immer mehr Container mit. Und so braucht man einfach mehr Zeit", erklärt der Experte. "Und wir sind halt die letzten in der Kette und da kann man halt mal uns auch ein bisschen länger stehen lassen." Aber der Beruf als Schiffsführer, Hafenarbeiter oder LKW-Fahrer müsse einfach auch attraktiver werden.

Der Industriepark Contargo in Frankfurt am Main | ARD-Studio Brüssel

Der Industriepark Contargo in Frankfurt am Main. Bild: ARD-Studio Brüssel

Schnelle Entspannung nicht absehbar

Für Livia Spera, Generalsekretärin der Föderation der Europäischen Transportarbeiter, ist das ein zentraler Punkt. Der Beruf sei einfach nicht mehr so attraktiv wie vielleicht noch vor 20 Jahren: "Man verwendet immer mehr Riesen-Containerschiffe, die nicht mehr 10.000 Container, sondern 25.000 Container bringen. Das staut sich dann über Straßen, Wasser- und Eisenbahnwege bis ins Inland. Hinzu kommt der Mangel an Lkw-Fahrern in ganz Europa."

Livia Spera | ARD-Studio Brüssel

Livia Spera kennt als Generalsekretärin der Föderation der Europäischen Transportarbeiter den Personalmangel. Bild: ARD-Studio Brüssel

Es gebe einen hohen Arbeitsdruck und lange Wartezeiten. Viele Leute bevorzugten Jobs, bei denen sie im eigenen Bett schlafen könnten und nicht zu Dumping-Preisen entlohnt würden, weil große Firmen oft Subunternehmen anheuerten, um die Preise künstlich niedrig zu halten.

Alle drei, Spera, Honkoop und Khederzadeh, rechnen nicht mit einer schnellen Entspannung der Situation. Die Rückstaus dürften noch bis ins erste Quartal 2022 reichen.

Mit Blick auf die Weihnachtseinkäufe gibt Khederzah daher eine klare Empfehlung: "Man sollte diesmal viel schneller dran sein als sonst." Sonst könnten es echtes Problem geben mit den Geschenken unterm Weihnachtsbaum.

Reportagen zu diesem und weiteren Themen sehen Sie am Sonntag, 17.10.2021 um 12.45 Uhr im Ersten in der Sendung "Europamagazin".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 17. Oktober 2021 um 12:45 Uhr im "Europamagazin".

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Moderation 16.10.2021 • 12:36 Uhr

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