Hand betastet Brotfladen | REUTERS

Not in Nordwestafrika Lebensmittelpreise als Existenzfrage

Stand: 16.04.2022 13:15 Uhr

Preise für Grundnahrungsmittel sind in vielen Teilen Afrikas ein brisantes Thema. Wie reagieren Regierungen auf die jüngste, auch durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Teuerungswelle?

Von Stefan Ehlert, ARD-Studio Rabat

"Gestern hat mich meine Mutter auf den Markt geschickt. Aber alles war so teuer", sagt Ibrahim Barack. "Das ist wegen des Fastenmonats Ramadan so, aber man sagt, das liege auch am Krieg in der Ukraine. Wenn das so weitergeht, werden wir hier im Niger eine Hungersnot bekommen." Der 15-jährige Oberschüler in Niger hat seinen Kommentar für das Interview sogar aufgeschrieben, so wichtig war es ihm, auf die Not in seiner Heimat hinzuweisen.

Stefan Ehlert ARD-Studio Rabat

Starker Anstieg der Preise

Der Hunger ist längst da im Sahel und betrifft bald 30 Millionen Menschen: Vertriebene, Dürreopfer, Arme, die sich ihren Bedarf nicht mehr leisten können. In Westafrika haben inzwischen auch Schulkinder längst mitbekommen, dass die bereits seit Jahren steigenden Preise für Brot, Speiseöl und Gemüse infolge des Krieges in der Ukraine weiter anzusteigen drohen.

Abeer Efeta ist Sprecherin des Welternährungsprogramms WFP für Nordafrika, aber auch für die Ukraine. Sie sagt, trotz langfristiger Lieferbindungen hätten die Märkte sofort auf den Krieg in der Ukraine reagiert. "Seit Beginn der Ukraine-Krise haben wir einen Anstieg der Lebensmittelpreise gesehen. Speziell beim Weizen waren es 25 Prozent", berichtet sie.

Ein brisantes Thema

So ähnlich wie die Spritpreise in Deutschland sind in vielen Teilen Afrikas die Preise für Grundnahrungsmittel ein hochpolitisches Thema. Vor dem Ramadan sah sich sogar die Regierung des sehr armen Landes Niger gezwungen, mit Preisobergrenzen für Importe die Kaufkraft der Bürgerinnen und Bürger zu stützen.

Hat es etwas gebracht? Mohamed Ama, Chef der Vereinigung zum Schutz der Verbraucherrechte in Niger, ist skeptisch. "Es ist wahr, der Staat hat etwas unternommen; aber wir glauben, der Versuch ist gescheitert. Auf dem Markt hat sich nicht viel bewegt", sagt er. "Nehmen sie zum Beispiel den Zucker: Da hat sich am Preis nichts verbessert, oder andere Grundnahrungsmittel - auf dem Markt hat sich da nichts getan."

Demonstrationen gegen Preissteigerungen

Von Hungerrevolten kann noch nicht die Rede sein. Aber sowohl in Niger als auch im etwas besser gestellten Marokko gibt es regelmäßig Demonstrationen gegen die Teuerung. Lahcen Oulhaj von der Universität Mohamed V. in der Hauptstadt Rabat erwartet, dass der Krieg in der Ukraine zu weiteren Preissprüngen führt: für Weizen und Speiseöl, aber auch im Energie- und Transportsektor. "Auch in den 80er-Jahren kam die Inflation von außen, damals hat man das mit Ausgleichszahlungen für Gas oder Mehl aufgefangen", sagt Oulhaj. "Das sollte man wieder auflegen wie in Frankreich und den Transportsektor und die Taxifahrer et cetera mit Schecks für Benzin ausstatten." Denn auch die Transportkosten schlügen sich am Ende in höheren Lebensmittelpreisen nieder.

Außerdem, sagt Abeer Efeta vom Welternährungsprogramm, werde Dünger teurer. Das aber wirke sich auf die Ernten der Zukunft aus. Subventionen müssten sich die vom Hunger betroffenen Staaten erstmal leisten können. "Lebensmittel zu subventionieren, bedeutet in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs, dass Ressourcen in Subventionen fließen und nicht in Entwicklung", so Abeer Efeta. Ein Teufelskreis sei das. Denn der Hunger berge politische Risiken. "Es wird immer die Sorgen geben, dass Nahrungsmittelkrisen und Hunger das Risiko politischer Unsicherheit und für Konflikte erhöhen wird."

Zumindest Reispreis noch weitgehend stabil

Doch der Sahelexperte der International Crisis Group, Richard Moncrieff, sagt, dass der Zusammenhang zwischen Brotpreisen und politischen Machtkämpfen extrem schwer zu fassen sei. "Die Zusammenhänge zwischen Inflation und politischer Instabilität sind sehr schwer zu belegen", so Moncrieff. "Es gibt eine sehr hohe Widerstandskraft in den afrikanischen Gesellschaften, und die Gründe für Gewalt und Unruhen liegen oft nicht in der Sorge um die nackte ökonomische Existenz."

Hilfsorganisationen warnen, dass schon jetzt die Hälfte der Notversorgung in Westafrika finanziell nicht gesichert sei. Zudem entstehen allein dem Welternährungsprogramm infolge der Teuerung bereits heute monatlich Mehrkosten von 71 Millionen US-Dollar für Hilfs- und Transportleistungen. Die gute Nachricht: Reis - auch ein Grundnahrungsmittel - ist bislang im Preis relativ stabil geblieben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. April 2022 um 06:17 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".