Kühe fressen in einem Stall | dpa
Analyse

Methan-Einigung auf Klimagipfel Müssen Milch und Fleisch teurer werden?

Stand: 04.11.2021 10:53 Uhr

Der Ausstoß von Methan soll laut der Einigung auf dem Weltklimagipfel bis 2030 drastisch sinken. Dafür müssten die EU-Staaten die Landwirtschaft grundlegend umstellen - und die Verbraucher ihre Ernährung.

Von Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel

Wenn sie etwas erreichen will, erklärt Ursula von der Leyen das gern gestenreich und mit anschaulichen Bildern. Jeder soll es verstehen. Das war auch beim Methan-Problem so, kurz vor der entscheidenden Gipfelrunde in Glasgow. Methan, so erklärte die EU-Kommissionspräsidentin, sei so etwas wie "eine Frucht, die am tiefsten am Baum hängt" - also relativ einfach zu pflücken, sollte das heißen. "Den Ausstoß von Methan zu reduzieren, ist eines der effizientesten Dinge, die wir tun können", sagte von der Leyen. Methan habe einen erheblichen Anteil an der Erderwärmung, könne aber auch schnell und effektiv reduziert werden.

Helga Schmidt ARD-Studio Brüssel

Methan gilt als Brandbeschleuniger der Klimakrise. Deshalb kann man mit der Reduzierung um 30 Prozent bis 2030 schnell etwas erreichen, so die Rechnung der Kommissionschefin. Für Europas Landwirtschaft würde das einen Kursschwenk bedeuten - eine Reform, gegen die sich die Agrarminister der EU immer gewehrt haben.

"Die Agrarminister haben das Thema bislang ausgeklammert", sagt die Europaabgeordnete Jutta Paulus. Die Grünen-Politikerin ist beim Thema Methan federführend im Parlament. In Glasgow hat sie die Abgeordneten vertreten. "Aus unserer Sicht ist es unerlässlich, dass sich die Landwirtschaft hier auch wird bewegen müssen", sagt sie.

Viel Methan entsteht in der Landwirtschaft

Der Löwenanteil des klimazerstörenden Methans entsteht in der Landwirtschaft. Es kommt aus den Mägen der Wiederkäuer. Immer mehr Kühe und Rinder auf immer weniger Fläche - aus Sicht Paulus' können die Klimaziele so nicht erreicht werden. "Aus unserer Sicht ist es nicht möglich, das Ziel zu erreichen, wenn wir die Tierbestände nicht reduzieren."

Zwar suche die Forschung nach Alternativen, sogar für die extensive Tierhaltung, "indem beispielsweise Katalysatoren eingesetzt werden, die dann über die Nüstern gehalten werden". Paulus findet es aber eher unrealistisch, damit zu einer wirksamen Methanreduktion zu kommen.

Verlagerung der Tierhaltung keine Lösung

Ein Drittel weniger Milchkühe in Europa, ein Drittel weniger Mastbullen - damit könnte der Methanausstoß deutlich zurückgefahren werden. Theoretisch ginge das auch schnell. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, warnt vor solchen Schnellschüssen. "Wenn wir die Tierzahlen in Europa reduzieren wollen, dann muss man den Welthandel mitdenken."  Da sei es einfach nicht sinnvoll, "die klimatisch relativ günstige deutsche Milchviehhaltung etwa durch eine Milchviehhaltung in Brasilien zu ersetzen". 

Wenn in den Supermarktregalen Milch und Fleisch aus Übersee lägen, wäre das fürs Klima kein Gewinn. Um heimische Produkte konkurrenzfähig zu erhalten, schlägt Lakner kurzfristig eine Grenzsteuer vor, die den Import von klimaschädlich erzeugten Lebensmitteln teurer macht.

Um die Klimakrise aber global einzudämmen, führt aus Sicht des Agrarökonomen kein Weg an veränderten Ernährungsgewohnheiten vorbei. "Wir müssen insgesamt von unserem hohen Niveau des Fleichkonsums runter." Weniger Fleisch sei gut für das Klima, nicht nur Rindfleisch, sondern auch Schweinefleisch. "Wir müssen uns die Frage stellen: Inwieweit ist es klimakompatibel, viel Rindfleisch und Milch zu konsumieren?" Dieser Bewusstseinswandel müsse politisch unterstützt werden.

Deutschland größer Milchlieferant Europas

Für Europas Agrarminister war das bisher ein Fremdwort. Noch beim jüngsten Reformversuch im vergangenen Jahr spielte der Beitrag der intensiven Landwirtschaft zur Klimakrise nur eine untergeordnete Rolle. Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner gehörte zu den Bremsern.

Mit rund vier Millionen Kühen ist Deutschland der größte Milchlieferant in der EU. Aber der Trend zur immer intensiveren Tierhaltung könnte durch den Druck der Klimakrise gestoppt werden. Kommissionschefin von der Leyen jedenfalls hat Europas Regierungen mit ihrer Initiative für 30 Prozent Methanabbau unter Zugzwang gesetzt.

Der künftigen Regierung in Berlin dürfte dabei eine Vorreiterrolle zukommen. Sie steht vor der Herausforderung, den Viehbestand zu reduzieren und gleichzeitig das Auskommen der Rindviehhalter einigermaßen zu sichern. Gelingen wird das nach Einschätzung von Experten aber wohl nur über höhere Preise für Milch und Fleisch. Wenn die Landwirte bessere Preise bekämen, so das Kalkül, könnten sie es sich leisten, weniger zu produzieren. Davon würde auch das Klima profitieren.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 04. November 2021 um 06:05 Uhr.