Rauchwolken steigen über dem Kohlekraftwerk in Hejin in der zentralchinesischen Provinz Shanxi auf. (Archivfoto vom 28.11. 2019) | AP
Hintergrund

Klimaschutz Rückt der globale Kohleausstieg näher?

Stand: 24.09.2021 13:29 Uhr

Nicht nur die Ankündigung Chinas zeigt: Die Zahl der neuen Kohlekraftwerke sinkt weltweit. Doch bestehende Anlagen im Land will Peking bislang nicht abschalten. Wie sieht es anderswo aus?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Die Kohle gilt global als "Klimakiller" Nummer Eins. Die Verbrennung des fossilen Brennstoffs, vor allem Braunkohle, ist laut Umwelt-Organisation Greenpeace für rund die Hälfte der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich. Soll das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens eingehalten werden, dürfte der Betrieb von Kohlekraftwerken nur noch neun Jahre lang laufen, besagt der kürzlich bekanntgewordene dritte Teil des IPCC-Weltklimaberichts.

Der Haken: Die Rechnung berücksichtigt keine neuen Anlagen, wie sie in Teilen der Welt noch gebaut und geplant werden. China, der mit Abstand weltgrößte Emittent klimaschädlicher Gase, will nun in einem Punkt umsteuern: Staatschef Xi Jinping kündigte in der UN-Generaldebatte an, keine neuen Kohlekraftwerke mehr im Ausland zu bauen. Chinesische Firmen und Banken waren in den vergangenen Jahren an zahlreichen Projekten in Afrika und Asien beteiligt.

Drastische Reduzierung der Emissionen

Umweltschützer begrüßen das mögliche Aus der Bauten im Ausland als wichtiges Signal - trotz vieler Unklarheiten hinsichtlich der Umsetzung und möglicher Alternativen. "Wenn man die noch nicht operationalisierten Kohlekraftwerke Chinas - und das sind seit 2017 viermal mehr als in Betrieb genommene - stoppen könnte, dann besteht für die Länder Ost- und Südostasiens tatsächlich eine Chance auf eine Zukunft mit erneuerbaren Energien", sagt Nora Sausmikat, Head of China Desk bei der Klimaorganisation Urgewald, im Gespräch mit tagesschau.de. Zudem würden der Welt 50 Jahre zusätzliche CO2-Emissionen erspart.

Denn der US-amerikanischen Denkfabrik Global Energy Monitor (GEM) zufolge könnte die Ankündigung 44 Kohlekraftwerke betreffen, für die eine staatliche Finanzierung in Höhe von 50 Milliarden Dollar vorgesehen war. Die Folge: eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 200 Millionen Tonnen pro Jahr.

Das Problem sei allerdings, dass etwa ein Viertel der neuen Projekte innerhalb des eigenen Landes umgesetzt werden solle, so Sausmikat. 238 Kohlekraftwerke (250 Gigawatt Kohlekraft) seien derzeit in China in der Entwicklung oder im Bau. Schätzungen zufolge sind das mehr als die Hälfte aller neuen Anlagen auf der Welt. Allein im laufenden Jahr genehmigten die chinesischen Behörden laut Greenpeace 24 neue Steinkohlekraftwerke. Ob auch damit hinsichtlich der angekündigten Klimaneutralität bis 2060 bald Schluss ist, sei aufgrund der Krise um den Immobilienkonzern Evergrande und der aktuellen wirtschaftlichen Situation fraglich, meint die Urgewald-Expertin.

Neubauten um 76 Prozent zurückgegangen

Aber dennoch: "So ein Statement von China kann andere Länder in der Region wie Korea oder Japan anspornen, dem nachzueifern, um nicht die Letzten zu sein." Es müsse nicht nur den Chinesen, sondern allen auf der Welt klar sein, dass jede neue Kohlemine und jedes neue Werk "die Klimaerwärmung katapultiert und in eine Katastrophe führt", so Sausmikat. Alle Länder müssten nun nachziehen und sofort aus der Kohle aussteigen - sonst könne die Einhaltung des Pariser Klimaziels nicht gewährleistet werden.

Zahlreiche Staaten haben die Planungen für neue Anlagen in den vergangenen Jahren bereits drastisch nach unten geschraubt, wie eine aktuelle Studie der Londoner Denkfabrik E3G in Zusammenarbeit mit GEM zeigt. Demnach ist die Zahl der angedachten Kohlekraftwerke auf der Welt seit 2015 um 76 Prozent zurückgegangen - eine Gesamtleistung von 1175 Gigawatt. Das gleiche einem "Kollaps der globalen Kohle-Pipeline", heißt es in der Analyse.

Insgesamt 44 Staaten hätten in den vergangenen sechs Jahren - seit dem UN-Klimagipfel in Paris - beschlossen, keine neuen Anlagen mehr zu bauen. Auch in China sei die geplante Stromkapazität aus der Kohleerzeugung um zwei Drittel geringer. In weiteren 40 Ländern gebe es zwar keine offizielle politische Entscheidung, Neubauten seien aber auch dort nicht geplant, schreiben die Autoren.

Vielerorts Investitions-Stopp

"Der generelle Trend bei den Neubauten geht relativ klar nach unten", erklärt Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut gegenüber tagesschau.de. Ohne diese Entwicklung hätte es die Ankündigung Chinas in der UN-Generaldebatte nach seiner Einschätzung nicht gegeben. Die Zeit der ungebremsten Zubauten sei vorbei.

Nahezu überall stehe der Kohleausstieg in der Klimapolitik ganz oben auf der Agenda, stellt der Wissenschaftler fest. Das zeige sich vielerorts im Verzicht auf Investitionen in den Neubau. Auch in den anderen beiden großen Finanzierer-Ländern Japan und Korea sei das zu erkennen. Bei der Stilllegung bestehender Werke sei das Bild dagegen gemischt.

"Ziele sonst nicht zu erreichen"

"In Europa wird die Kohle durch die aktive Politik zumindest in der Stromerzeugung bis 2030 verschwinden, weil die Ziele sonst nicht erreichbar sind", so der Energieexperte. Auch in den USA treibe der billige Gaspreis und die Beschlüsse einiger Staaten den Ausstieg voran, genauso wie in Südkorea. Keine Pläne zur Abschaltung gebe es dagegen bislang in Japan und China.

Insgesamt sieht der Experte aber eine Dynamik in Gang gesetzt. "Wir sind den ersten 30 Prozent von Klimapolitik, wo der Kohleausstieg das zentrale Element ist, sehr viel näher gekommen", sagt Matthes. "Auch durch die Ankündigung Chinas."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2021 um 11:41 Uhr.