Dampf und Rauch steigen aus dem RWE Braunkohlekraftwerk Niederaußem | dpa

Globale Klimaziele Bleibt die Kohle auf dem Vormarsch?

Stand: 07.10.2021 17:44 Uhr

In Europa sinkt die Zahl der Kohlekraftwerke. Trotzdem will weltweit fast die Hälfte aller Kohleförderer und Stromversorger weiter expandieren, wie eine Studie zeigt.

Von Lilli Hiltscher, tagesschau.de

Weltweit hat fast die Hälfte aller Unternehmen in der Kohleindustrie Expansionspläne. Das zeigt die heute veröffentlichte "Global Coal Exit List" der Umweltschutzorganisation urgewald, die sie gemeinsam mit 40 weiteren NGO-Partnern aufgelegt hat. "Noch immer sind neue Kohleförderprojekte mit über 1800 Millionen Tonnen jährlicher Produktionskapazität in der Pipeline", heißt es in der Analyse.

Wilfried Rickels vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) überraschen die Zahlen der Studie nicht: "Das Ausmaß der Kohlekraftwerke, die nach wie vor in Betrieb sind oder neu gebaut werden, ist einfach immer noch sehr groß."

Denn vor allem schon existierende Kohlekraftwerke sind laut dem Experten häufig jünger als zehn Jahre. Vorrangig in diese Kraftwerke investieren deshalb die Betreiber. Zwar werden weltweit immer weniger neue Kraftwerke geplant, trotzdem sind seit 2015 die installierten Kapazitäten von Kohlekraftwerken global um 157 Gigawatt gestiegen.

China, Indien, Indonesien und Vietnam sind die größten Kohlenationen

Urgewald veröffentlicht seit 2017 jährlich die "Global Coal Exit List". In diesem Jahr stehen 1030 Konzerne und deren Tochterunternehmen auf der Liste, die entlang der Wertschöpfungskette der Kohleindustrie arbeiten. Mehr als 500 dieser Konzerne verfolgen laut der Umweltorganisation weitere Ausbaupläne. Der Grund: Zwar steigen die Preise für Kohle, sie ist aber immer noch günstiger als andere Energieträger wie Erdgas.

Hauptakteure auf dem Kohlemarkt sind vor allem Länder in Südostasien, wie etwa China, Indien, Indonesien und Vietnam. Aber auch Australien und Russland bauen ihre Kohlegewinnung weiter aus, so Katrin Ganswindt von urgewald: "Im australischen Queensland sind sehr viele Projekte für neue Kohleminen in der Planung. Denn das Land setzt auf einen wachsenden Kohlemarkt in Asien. Ob sich das allerdings bewahrheitet, ist derzeit noch offen." Der Grund für den Ausbau in Australien sei das hohe Aufkommen von Steinkohle, erklärt der Experte vom Institut für Weltwirtschaft: "Dort hat man Klimaschutz jahrelange keine besonders hohe Bedeutung zugemessen. Das ändert sich zwar gerade, aber die Prozesse sind einfach sehr langsam."

Kohle gilt vielen als "Klimakiller"

Unklar ist, welche Auswirkungen die Ankündigung aus China hat, künftig keine Kraftwerke mehr im Ausland zu bauen. "Natürlich geht diese Ankündigung in die richtige Richtung, aber die Prozesse sind alle sehr langsam. Und im eigenen Land wird China weiterhin neue Kraftwerke bauen", dämpft der Experte des Kieler Instituts den Optimismus. Bei urgewald und anderen Umweltorganisationen hofft man indes, dass dies den Umschwung auf dem asiatischen Markt bringen wird. Denn in Ländern wie Bangladesch oder Pakistan wird über die Hälfte der neuen Kohleprojekte mit chinesischer Hilfe finanziert.

Das Thema ist vor allem angesichts der anstehenden Klimakonferenz in Glasgow brisant, denn Kohle gilt als "Klimakiller": Die Nutzung des fossilen Brennstoffs ist den Schätzungen von Greenpeace zufolge für etwa die Hälfte der jährlichen CO2-Emissionen verantwortlich. Darum fordern Umweltschützer wie urgewald seit langem einen Ausstieg aus der Kohle weltweit - und zwar bis spätestens 2040.

Europa in der Pflicht

Hier sieht Umweltschützerin Ganswindt Europa in der Pflicht, denn käme ein klares Signal für ein Ausstiegsdatum von hier, könne man damit ein klares Signal nach Asien senden. Immerhin werde dort zwar auch weiter an neuen Kraftwerken und Minen gebaut, doch steigt auch in diesen Regionen die Bereitschaft zu mehr Klimaschutz. Urgewald plädiert dafür, dass Europa bereits 2030 aus der Kohle als Energieträger aussteigt.

Dabei sei neben dem Ausstiegsdatum auch wichtig, dass die Minen auch tatsächlich geschlossen werden. "Ansonsten ist die positive Bilanz hinfällig", sagt Ganswindt. So sind in den USA zwischen 2011 und 2019 ein Drittel der Kohlekraftwerke stillgelegt worden, geschlossen wurden sie aber nicht. Viele wurden auf Gas umgestellt.