Blick auf das Stadion in Katar | dpa

Stadienbau in Rekordzeit Heile Arbeitswelt in Katar?

Stand: 13.10.2021 08:38 Uhr

In gut einem Jahr beginnt die Fußball-WM in Katar. Unbeeindruckt von weltweiter Kritik an den Arbeitsbedingungen haben die Bauherren die acht Stadien nun fast fertigstellen lassen - und bezeichnen die Umstände als fair.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Fast ist es geschafft. Nur letzte Handgriffe an Kabeln, Kameras und Datensystemen sind nötig. Noch ein Prozent fehlt bis zur Fertigstellung des Lusail-Stadions, wie es heißt. Es ist das größte der WM 2022, das letzte, das sich noch im Bau befindet: 30.000 Tonnen Stahl, die Anmutung einer Fanar-Laterne, viel High-Tech. Katars Glutzhitze wird mit einem ausgeklügelten technischen System auf 26 Grad heruntergekühlt. Fast 600 Millionen Euro kostet der Spielort des Finales mit 92.000 Sitzplätzen.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Mehr Kosmetik als Reform?

Für den Projektmanager ist das schon jetzt ein Anlass, stolz zu sein auf das Erreichte, zumal die Corona-Pandemie die Bauarbeiten massiv erschwert hat: "Nach meiner Beobachtung hat Katar im Vergleich zu früheren Turnieren neue Bestwerte bei der Fertigstellung aufgestellt", sagt Tamin El Abed.

Und doch reißt die Kritik an der WM im Zwergstaat nicht ab. Dank reicher Gasvorkommen stieg das Wüstenemirat zu einem der wohlhabendsten Länder der Erde auf. Der Zuschlag zur WM soll den globalen Anspruch unterstreichen. Schnell allerdings wurden Korruptionsvorwürfe laut. Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Zustände auf den Baustellen. Tausende ausländische Bauarbeiter würden zu Dumpingpreisen ausgebeutet. Viele seien wegen langer Arbeitszeiten bei extremer Hitze umgekommen.

Genaue Todeszahlen aber gibt es nicht. Oft bleibt die Ursache im Dunkeln. Es fehlen Autopsien. Bis heute liege auf den Baustellen vieles noch im Argen, meint Hiba Zayadin von der Menschenrechts-Organisation Human Rights Watch: "Nach dem, was wir gesehen haben, gehen sie beim Schutz ausländischer Arbeiter nicht weit genug. Sie werden noch immer ausgebeutet, erhalten viel zu oft nicht rechtzeitig Löhne, gar keine Löhne, Pässe werden einbehalten."

235 Euro Mindestlohn pro Monat

Allein am Lusail-Stadion sind noch immer etwa 2000 ausländische Arbeiter beschäftigt - in zwei Schichten täglich bis zu zehn Stunden, sechs Tage die Woche; oft Schwerstarbeit bei Temperaturen bis zu 50 Grad. Nach massiver Kritik wurden die Schutzvorschriften gegen die Hitze verbessert. Unternehmen, die den Lohn nicht rechtzeitig zahlen, werden bestraft. Ein gesetzlicher Mindestlohn von 235 Euro monatlich wurde eingeführt. Am Lusail-Stadion bekommen sie zudem auch kostenloses Essen, Wäscheservice, Internet, sogar drei Flugtickets zurück in ihre Heimat pro Jahr, weit mehr als in anderen Ländern der Region. Aber nicht gerade viel in einem Land mit so hoher Millionärsdichte.

Projektmanager El Abed räumt zwar ein, dass die Menschen in Katar höhere Löhne als anderswo bezögen. Den Vergleich von Arbeitern mit Spitzenverdienern aber hält er für unzulässig: "Die Tatsache, dass sich Leute hier teure Autos leisten können, hängt mit völlig verschiedenen wirtschaftlichen Faktoren zusammen. Das hat nichts miteinander zu tun."

"Alles ist gut"

Als Kronzeugen für die guten Arbeitsbedingungen im Stadion präsentiert der Projektmanager die Arbeitnehmervertreter. Einmal im Jahr werden sie gewählt, ein Vertreter für 200 Arbeiter. Freigestellt werden sie dafür allerdings nicht. Sie sollen Beschwerden und Forderungen entgegennehmen, sie mit dem Management lösen.

Viele scheint es nicht zu geben. Im Beisein ihrer Chefs nennen sie als einziges Problem zu dicke Linsen in den Gerichten. Die verschiedenen Volksgruppen hätten da unterschiedliche Vorlieben. Nach Gesprächen mit dem Management sei das Problem nun vom Tisch. Niemand wolle mehr Geld, auch sonst gebe es keine nennenswerten Beschwerden. "Alles ist gut", sagt Arbeitnehmervertreter Babul Mondal und lächelt. Die Zeit der Arbeiter am Lusail-Stadion ist ohnehin gezählt. Ob die besseren Arbeitsbedingungen in Katar allerdings von Dauer sind, ist völlig ungewiss.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 13. Oktober 2021 um 06:26 Uhr.