Ausgebranntes Fahrzeug in Almaty | REUTERS

Wirtschaftsbeziehungen Sorgenvoller Blick nach Kasachstan

Stand: 06.01.2022 18:11 Uhr

Mit Sorge blickt auch die deutsche Wirtschaft auf die Unruhen in Kasachstan. Das Land ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner in der Region - nicht nur beim Erdöl.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Offenbar Dutzende Tote und mehr als 1000 Verletzte: Kasachstan wird derzeit von beispiellosen Protesten und militärischem Einschreiten gegen Demonstranten schwer erschüttert. Auslöser der am Wochenende ausgebrochenen Unruhen war Unmut über deutlich gestiegene Treibstoffpreise an den Tankstellen der öl- und gasreichen Ex-Sowjetrepublik mit mehr als 18 Millionen Einwohnern.

"Die deutsche Wirtschaft blickt mit großer Sorge auf die aktuelle Situation in Kasachstan. Wir fordern dringend dazu auf, auf Gewalt zu verzichten und eine friedliche Beilegung des Konflikts anzustreben", sagt Oliver Hermes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Honorarkonsul des Landes Kasachstan in Dortmund, gegenüber tagesschau.de. Eine schnelle Beruhigung der Lage sei unabdingbar, um weiteres Blutvergießen, eine Destabilisierung des Landes und damit auch eine Beschädigung des Wirtschafts- und Investitionsstandorts Kasachstan abzuwenden.

Kasachstan auf Platz 53 der wichtigsten Handelspartner

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft arbeitet als Außenwirtschaftsverband seit 2016 mit Kasachstan zusammen. "Kasachstan ist flächenmäßig das neuntgrößte Land der Welt und gleichzeitig mit großem Abstand der wichtigste deutsche Handelspartner in Zentralasien", so Hermes weiter. Die Stabilität sei für die gesamte Region von großer Bedeutung - auch vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen in Afghanistan.

In der Rangfolge der Handelspartner im Außenhandel befand sich Kasachstan 2020 dem Statistischen Bundesamt zufolge auf Platz 53. Im Pandemiejahr war der Handelsumsatz noch auf rund 3,86 Milliarden Euro gesunken. In den ersten zehn Monaten 2021 wuchsen die kasachischen Exporte nach Deutschland dagegen um knapp 47 Prozent auf drei Milliarden Euro, was sich vor allem mit den gestiegenen Rohstoffpreisen erklären lässt. Die deutschen Exporte schrumpften gleichzeitig um mehr als sechs Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Damit ist Kasachstan eines der wenigen Länder, mit denen Deutschland ein Handelsdefizit hat.

"Bei den deutschen Einfuhren befindet sich Kasachstan auf Platz 45, bei den deutschen Ausfuhren auf Platz 60. In den postsowjetischen Staaten ist das Land nach Russland und der Ukraine der wichtigste Handelspartner", erklärt auch Viktor Ebel, Wirtschaftsexperte bei der bundeseigenen Außenhandelsgesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI) und zuständig für die Region Zentralasien, im Gespräch mit tagesschau.de. Nicht umsonst sei es der Standort der deutschen Außenhandelskammer (Delegation der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien) mit Sitz in Almaty.

"Verlässlicher Erdöllieferant"

Nach Angaben des Ost-Ausschusses exportiert Deutschland besonders Maschinen, chemische Erzeugnisse, Kfz und Kfz-Teile, elektronische Erzeugnisse sowie Elektrotechnik nach Kasachstan. An der Spitze der Ausfuhrgüter stehen laut GTAI-Experte Ebel Maschinen mit einem Anteil von knapp 30 Prozent. Andersherum werden aus dem Land unter anderem Metalle, chemische Erzeugnisse und vor allem Erdöl importiert.

"Kasachstan war in den vergangenen 20 Jahren ein verlässlicher Erdöllieferant", betont Ebel. Im Jahr 2020 seien etwa 7,5 Millionen Tonnen Rohöl aus Kasachstan nach Deutschland exportiert worden. Das seien circa neun Prozent der gesamten deutschen Ölimporte. Damit liege Kasachstan an sechster Stelle der wichtigsten Lieferländer.

Zudem verfügt das Land über viele weitere Rohstoffe, darunter die für die Energiewende und Hochtechnologie wichtigen Seltenen Erden. Bereits 2012 gingen Deutschland und Kasachstan eine Partnerschaft im Rohstoff-, Industrie- und Technologiebereich ein.

Vorreiter bei Wirtschaftsreformen in Zentralasien

Etwa 480 deutsche Unternehmen sind dort aktiv. Das deutsche Investitionsvolumen liegt bei 1,3 Milliarden Euro, schätzt der Ost-Ausschuss. "Was das Investitionsklima angeht, ist Kasachstan führend in der Region", sagt Ebel. Das liege daran, dass die Republik in den 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre mit Privatisierungen und der Sicherung von Investitionen ein Vorreiter bei Reformen gewesen sei. Zudem seien mit westlichen Firmen sogenannte Production-Sharing-Agreements (Produktions-Teilungs-Abkommen) abgeschlossen worden, die Investitionen und die Modernisierung des Rohstoffsektors ermöglichen. Ab 2010 seien einige Maßnahmen jedoch wieder rückgängig gemacht worden.

Die kasachische Wirtschaft bestehe zu großen Teilen aus Bergbau und der Gewinnung von Erdöl sowie Erdgas. Daneben spiele auch das verarbeitende Gewerbe, die Bauindustrie, und die Landwirtschaft für deutsche Firmen eine Rolle. Darunter sind einige bekannte Namen wie der Baustoffhersteller Knauf, der Industriegasekonzern Linde, der Landmaschinenhersteller Claas, Siemens Energy und Heidelberg-Cement prominent vertreten. Zudem wurde Ebel zufolge eine allgemeine Krankenversicherung eingeführt, wodurch viele Krankenhäuser ihre Medizintechnik auf den neuesten Stand bringen. Auch diese Nische biete deutschen Unternehmen Chancen.

Eine große Bedeutung hat Kasachstan ebenfalls als Transitland. Schließlich führt hier beispielsweise die Eisenbahnlinie von Deutschland nach China, dem wichtigsten deutschen Handelspartner. Das Land ist deshalb Teil des chinesischen Großprojekts "Neue Seidenstraße". Damit sollen die Kosten für den Transport nach Europa gesenkt werden. Gerade während der Corona-Krise, als viele Häfen innerhalb Asiens dicht gemacht haben, und als der Suez-Kanal blockiert war, sei der Transport per Schienen und Straße über Kasachstan sehr wichtig gewesen, so Ebel.

Wichtiger Partner für grüne Energie

Dünn besiedeltes Land, viel Sonne und Wind: Gute Bedingungen bietet Kasachstan darüber hinaus für den Ausbau erneuerbarer Energien. "Allein aufgrund seiner Größe hat das Land ein unglaubliches Potenzial für sämtliche erneuerbaren Energien - sowohl für Wasserkraft, Windkraft als auch Solarenergie", sagt Ebel. Deshalb sei Kasachstan, wo die Stromerzeugung bis 2030 zu 15 Prozent grün sein soll, ein wichtiger Partner in der Energiewende. Momentan würden daher viele Projekte realisiert werden.

So plant etwa der deutsche Investor und Projektentwickler Svevind Energy GmbH mehrere großflächige Solaranlagen und Windparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 45 Gigawatt in den ausgedehnten Steppengebieten West- und Zentralkasachstans. Der Strom soll überwiegend für die Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden, der nach Deutschland weiterverkauft werden kann.

Aus all diesen Gründen blickt die deutsche Wirtschaft sorgenvoll auf die aktuellen Entwicklungen in dem zentralasiatischen Staat. Ebel vergleicht das Ganze mit einem Nachbarland Kasachstans: "Die Situation in Kirgistan, wo es in den vergangenen Jahren häufiger zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen ist, hat bei Investoren und Unternehmen für Verunsicherung gesorgt." Daraufhin hätten dort viele westliche Kapitalgeber ihr Geld abgezogen. In Kasachstan sprächen die Größe des Marktes und die Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion, aus der viele Investoren und Handelspartner kommen, zwar für eine geringere Eskalationsstufe. Problematisch werden könnte es allerdings schon.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Januar 2022 um 14:00 Uhr.