Die Büste von Karl Marx steht in der Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus“ im Deutschen Historischem Museum.  | picture alliance/dpa

Neue Karl-Marx-Ausstellung Kapital und Kontroversen

Stand: 10.02.2022 08:07 Uhr

Karl Marx war von Technologie fasziniert - und kritisierte ihre Folgen. Er wurde zur Ikone stilisiert, war aber ein Mann voller Widersprüche, wie eine neue Ausstellung in Berlin zeigt.

Von Mirja Fiedler, RBB

Alle 15 Minuten ertönt das Rattern von Dampfmaschinen aus Lautsprechern neben einem Transmissionsrad aus einer Berliner Fabrik von Anfang des 20. Jahrhunderts. Wenn Besucher einen schwarzen Stein reiben, riecht es im Deutschen Historischen Museum auf einmal nach Maschinenöl.

Mirja Fiedler

"Es geht um die Wucht der Industrialisierung", erklärt die Kuratorin der neuen Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus" in Berlin, Sabine Kritter. "Er war einerseits begeistert von Technologien. Andererseits kritisierte er scharf die Armut, die damit verbunden war."

Viele Facetten

Karl Marx sei ein Mann voller Widersprüche und mit vielen Facetten gewesen, sagt der Historiker Jürgen Herres, der auch an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Marx-Engels-Gesamtausgabe gearbeitet hat. Marx sei zwar Autor des 1848 veröffentlichten "Manifests der Kommunistischen Partei", das Regimen weltweit als Vorbild gedient habe. Gleichzeitig habe der Aktivist Parteien eher als Modeerscheinungen bezeichnet. Das betreffende Interview sei nie in der DDR veröffentlicht worden, ergänzt Herres.

Marx habe eher auf Gewerkschaften und nicht auf Parteien gesetzt, erläutert Kuratorin Kritter. Doch seine Ideen seien im 20. Jahrhundert von Ideologen vereinnahmt worden. Das zeigt zum Beispiel die wuchtige Marmorbüste des staatenlosen Europäers deutscher Herkunft, die als Staatsgeschenk der Volksrepublik Rumänien im so genannten Karl-Marx-Jahr 1953 an die DDR ging. Die Ausstellung konzentriert sich aber auf Krisen und Konflikte, als Marx lebte.

Unvollendetes Werk

"Wir beleuchten Karl Marx, bevor sein Werk durch seinen Freund Friedrich Engels bekannt wurde", sagt der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Raphael Gross. Elf Menschen hätten den Philosophen 1883 in London zu seinem schlichten Grab getragen. Erst später sei er zu einer Ikone stilisiert worden.

Unvollendet und umstritten sei Marx' Werk, erklärt Kuratorin Kritter. Das Museum präsentiert sein persönliches "Das Kapital"-Exemplar - inklusive handschriftlicher Hinweise, in denen er Gedanken revidiert habe. "Den einen, den eigentlichen Karl Marx gibt es nicht", meint die Kuratorin. Die Ausstellung zeigt, wie der Philosoph sich dafür einsetzte, dass Juden anderen Bürgern gleichgestellt werden. Andererseits heißt es auf einer Schautafel im Museum: "Marx griff bei seiner Kritik am Finanzkapital dennoch auf gängige antijüdische Stereotype zurück." Auch habe Marx sich für soziale Rechte von Frauen eingesetzt, nicht aber für politische, sagt Kritter.

Antisemitismus, Revolution und Gewalt

"Alles ist in Bewegung", schreibt seine Frau Jenny Marx ihm über die Trierer Wallfahrt 1844 in einem Brief. "Die Läden sind alle neu aufgeputzt", hört der Ausstellungsbesucher an dieser Station im Museum. Religions- und gesellschaftskritische Kontroversen zählen neben Antisemitismus, neuen Technologien, Revolution und Gewalt, Naturzerstörung, globalen Wirtschaftskrisen sowie internationalen Protest- und Emanzipationsbewegungen zu den sieben Themen, mit denen die Ausstellung sich noch bis zum 21. August beschäftigen wird.

Darin will die Kuratorin alle Sinne ansprechen. Auf den 500 Quadratmetern im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums können Besucher auch in einer kreisrunden Installation Platz nehmen und sich dort laut Museum mit den Gerüchen des Kapitalismus umwehen lassen. An einer Videostation erklären comicartige Figuren, dass Marx bemängelte, dass nur einige Menschen vermögend seien und Produktionsmittel hätten. Außerdem sei die Produktion am Gewinn und nicht am Bedürfnis der Menschen orientiert.

Weitere Ausstellung über Wagner geplant

"Zwei Linien schienen mir spannend zu sein - Karl Marx politisch links, sein Zeitgenosse Richard Wagner rechts", sagt der Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, Raphael Gross. Auch der umstrittene Künstler und Unternehmer Richard Wagner sei zur Ikone erhoben worden. Deswegen plant das Deutsche Historische Museum vom 8. April bis 11. September 2022 eine weitere Ausstellung in Berlin - "Richard Wagner und das deutsche Gefühl".

Über dieses Thema berichteten am 08. Februar 2022 Deutschlandfunk um 17:36 Uhr und Deutschlandfunk Kultur um 17:50 Uhr und 23:40 Uhr.