Kaffeeplantage in Brasilien | Matthias Ebert

Brasiliens Ernte geringer Teurerer Kaffee wegen Extremwetter

Stand: 01.09.2021 10:44 Uhr

Erst Trockenheit, dann Schnee und Kälte: Wetterextreme in Brasilien sorgen für steigende Kaffeepreise - auch in Deutschland. Die Produzenten versuchen, die Kosten durch massiven Pestizideinsatz niedrig zu halten.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Fabio Moreira steht am Rande seiner endlos wirkenden Kaffeefelder und ist froh, dass zumindest seine Ernte problemlos abläuft. Der Verwalter der Fazenda São José, durch die die Grenze der Bundesstaaten São Paulo und Minas Gerais verläuft, hat turbulente Monate hinter sich. Erst herrschte zu Jahresbeginn eine extreme Trockenheit in Brasiliens Hinterland, von wo der größte Teil der deutschen Kaffeeimporte stammt. Marken wie Tchibo und Lavazza beziehen einen großen Teil ihrer Arabica-Bohnen aus dieser Region Brasiliens. Das Land ist der größte Kaffeeproduzent der Welt. Die Dürre sorgte für extrem niedrige Pegelstände in den Stauseen dieser Gegend. Die Folgen dieser Trockenheit waren sogar in Argentinien und Paraguay zu spüren, wo die Flüsse Paraguay und Paraná teilweise nicht mehr per Schiff befahrbar waren.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Auf Trockenheit folgten Schnee und Kälte

Fabio legt seine Stirn in Falten, wenn er an die ungewöhnlich niedrigen Temperaturen denkt, die später - im Juli - auftraten. An vielen Orten der Region fiel Schnee. Raureif bedeckte die hügelige Landschaft. Temperaturen um den Gefrierpunkt entlaubten viele Kaffeepflanzen. Mancherorts fiel die gesamte Ernte aus. Brasilien wird deshalb laut Schätzungen 22 Prozent weniger Arabica-Kaffee exportieren können, weshalb bereits jetzt der Preis deutlich gestiegen ist - auch in deutschen Supermarktregalen.

Fabio hatte Glück. Seine Ernte konnte er größtenteils retten. "Die Pflanzen, die an Hanglagen wachsen und per Hand geerntet werden, leiden seltener unter frostigen Temperaturen", erklärt der Fazenda-Manager. Die größten Sorgen machte er sich um die weitaus größeren Kaffeefelder, die mit einer riesigen blauen Maschine geerntet werden. Die Pflanzen wachsen in schnurgeraden Reihen auf flachem Terrain, durch die sich die Maschine mühsam durcharbeitet. Dabei werden die Sträucher unter dem Gefährt gerüttelt und geschüttelt, bis die rötlichen Kaffeebohnen durch Kanäle in eine riesige Wanne geblasen werden.

Maschine bei der Kaffeeernte in Brasilien | Matthias Ebert

Mit solchen Maschinen werden die Kaffeebohnen im flachen Terrain geerntet. Bild: Matthias Ebert

Einsatz von Pestiziden

Einer von Fabios wichtigsten Kunden ist Tchibo in Deutschland. Um den Preis für die Produktion der Bohnen der Sorte "Feine Milde" niedrig zu halten, setzt er zahlreiche Pestizide ein. "Wir müssen Chemikalien einsetzen, um zum Beispiel gegen die Kaffeerost-Krankheit vorzugehen", erklärt er. "Es gibt viele Schädlinge, die wir mit Pestiziden bekämpfen müssen. Ohne diese Fungizide gegen Pilzbefall, Insektizide gegen Schmetterlinge und Herbizide funktioniert unser Anbau nicht." Wie viele und welche Pestizide er einsetzt, will er nicht verraten. Dies sei ein Betriebsgeheimnis.

Der Agrarökologe Rogerio Lopes aus Minas Gerais kritisiert den monokulturellen Kaffeeanbau unter Einsatz von Agrargiften. "Zwischen den Reihen der Kaffeesträucher wächst wegen der Pestizide nichts mehr", erklärt Lopes. "Außerdem töten diese systemischen Insektizide und Fungizide nicht nur die unerwünschten Schädlinge, sondern auch alle anderen Insekten, die sich durch Kaffeepflanzen ernähren."

Kritik an Arbeitsbedingungen

Mit den Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf den Menschen beschäftigt sich der Gewerkschafter Jorge Ferreira. Er hilft chronisch kranken Arbeitern, die nach jahrelanger Arbeit auf den Feldern arbeitsunfähig geworden sind. "Seit 2018 lässt Brasiliens Regierung jedes Jahr mehr Pestizide zu", sagt Jorge. "Deshalb werden auf den Kaffeeplantagen mittlerweile mehr Agrargifte eingesetzt. Sie können damit die Produktion steigern und machen höhere Gewinne."

Jorge kümmert sich auch um Opfer der teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, die immer wieder aufgedeckt werden. Auch in der Nähe der Stadt Guaxupé in Minas Gerais, einem der wichtigsten Zentren für den Export nach Deutschland, gibt es Fazendas, auf denen sklavenartige Arbeitsbedingungen festgestellt wurden. Das Gut "Córrego da Prata" steht wegen schlechter Behandlung von 15 Arbeitern auf der schwarzen Liste der brasilianischen Regierung für moderne Sklaverei. 2018 wurde dort bei einer Kontrolle ein minderjähriger Erntehelfer aufgespürt - zudem gaben die Arbeiter an, 90 Tage ohne Pause und meist 16 Stunden am Tag arbeiten zu müssen.

Trotz einer Strafzahlung läuft die Produktion dieser Fazenda bis heute auf Hochtouren. Laut einem Vorarbeiter verkaufen sie den Kaffee weiter an Exportfirmen, die die Bohnen nach Europa verschiffen.

Schild des Gutes "Córrego da Prata" in Brasilien | Matthias Ebert

Das Gut "Córrego da Prata" wurde wegen sklavenartiger Arbeitsbedingungen offiziell geschlossen, doch die Produktion läuft dort weiter. Bild: Matthias Ebert

Problem beim monokulturellen Kaffeeanbau

Für den Agrarökologen Lopes gibt es noch ein weiteres Problem beim monokulturellen Kaffeeanbau in der Region. "Die Agrargifte bleiben nicht nur im Boden und an der Pflanze. Sie gelangen in den Wasserkreislauf und damit in unsere Flüsse, in Wasserreservoirs und ins Grundwasser." Diese Folgen müssten deutsche Konsumenten kennen, sagt Lopes.

Die Wetterextreme der vergangenen Monate lassen den Landwirt Fabio Moreira schon jetzt düster auf das kommende Jahr schauen. Denn viele junge Pflanzen konnten den niedrigen Temperaturen nicht standhalten. Deshalb haben viele Landwirte ihre Erwartungen für die Ernte 2022 nach unten korrigiert. Von einer Erholung des Kaffeepreises gehen sie nicht aus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 27. Juli 2021 um 10:05 Uhr.