Scanvorgang mit dem digitalen Impfzertifikat, dem Grünen Pass, in Italien | EPA

Italien Ohne den "Grünen Pass" geht nicht viel

Stand: 04.09.2021 09:02 Uhr

In Italien ist das Covid-Impfzertifikat Voraussetzung für Besuche im Museum oder Fitnesstudio und das Essen in der Kantine. Nun sind die Regeln noch verschärft worden - eine Herausforderung auch für Unternehmen.

Von Ilanit Spinner, ARD-Studio Rom

Alle 72 Stunden müssen sich die ungeimpften Mitarbeiter der Firma Suba Seeds in der Nähe von Cesena testen lassen - auf eigene Kosten. 25 Euro zahlt man für den Abstrich am Eingang des Firmengebäudes. Ausnahmen gibt es bei dem italienischen Hersteller von Biosamen keine. Wer sich nicht daran hält, wird entlassen. Einheitliche Regeln gibt es in Italien nicht. Jedes Unternehmen kann selbst entscheiden, wie die Maßnahmen umgesetzt werden.

Ilanit Spinner ARD-Studio Rom

Mittagspause unter freiem Himmel

Der "Grüne Pass" ist seit August Voraussetzung für den Zugang zu den Betriebskantinen. Wer keinen QR-Code vorzuweisen hat, muss draußen bleiben. Einige Firmen haben für ihre Mitarbeiter Tische und Zelte im Freien aufgebaut und bieten Lunchpakete an. Die meisten aber haben den Zugang zur Firmenkantine für Nichtgeimpfte einfach verboten.

So auch der schwedische Möbelgigant Ikea in Piacenza im Norden Italiens. Mehr als die Hälfte der 1200 Beschäftigten ist nicht geimpft. Derzeit essen die Angestellten auf dem Boden vor dem Gebäude. Angelo Colombini von der italienischen Gewerkschaft CISL fordert endlich klare Gesetze: "Das ist doch ein irrer Widerspruch", sagt er. "Ich gehe zur Arbeit und muss meinen 'Grünen Pass' nicht vorzeigen; gehe ich aber Mittagessen in meiner eigenen Betriebskantine, muss ich plötzlich einen digitalen Impfpass nachweisen." Colombini hält die neuen Regeln für rechtswidrig und verlangt von der Regierung die Rechte aller Arbeitnehmer zu schützen, ob geimpft oder nicht.  

Keine staatliche Hilfe mehr bei Quarantäne

Zudem hat die Regierung die finanziellen Hilfen für Mitarbeitende, die in Quarantäne müssen, eingestellt. So werden den Beschäftigten bis zu 1000 Euro vom Lohn abgezogen, wenn sie nicht arbeiten dürfen. Das gilt auch für Angestellte, die sich mit dem Coronavirus infizieren, selbst wenn sie vollständig geimpft sind. Davon betroffen sind schon jetzt gut 200.000 Arbeitnehmer, die in den ersten sechs Monaten dieses Jahres an Corona erkrankt sind oder unter Quarantäne standen.

Auch hier fordern die Gewerkschaften den Staat auf, Geld in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, dass die Mitarbeiter ohne finanzielle Einbußen zu ihrer Arbeit zurückkehren können. So war es im vergangenen Jahr unter der Regierung von Ex-Ministerpräsident Giuseppe Conte geregelt.     

Strengere Corona-Regeln

Auch im öffentlichen Verkehr gibt es seit dem 1. September neue Maßnahmen: Wer mit Langstreckenbussen oder im Bahnverkehr mit Hochgeschwindigkeits- sowie Intercity-Zügen reist, braucht einen Nachweis, dass er gegen Covid-19 geimpft, negativ getestet oder genesen ist. Zudem ist in Italien der "Grüne Pass" nun auch für Reisende auf Inlandsflügen Pflicht. Wer mit der Fähre zwischen zwei italienischen Regionen unterwegs ist, also etwa vom Latium nach Sardinien, braucht ebenfalls einen Nachweis. Schon jetzt sind die Strafen für Verweigerer heftig: Wer ohne "Grünen Pass" erwischt wird, dem droht ein Bußgeld zwischen 400 und 1000 Euro.

Umstritten sind auch die Einschränkungen für Beschäftigte an Schulen und Universitäten. Ohne QR-Code dürfen die Angestellten die Gebäude nicht mehr betreten. Nach fünf Tagen werden sie suspendiert und bekommen keinen Lohn mehr. An den Universitäten gilt die Nachweispflicht für Studierende und alle, die dort arbeiten; also auch für Menschen in der Lehre oder Forschung.

Italiener demonstrieren gegen den Grünen Pass (Archiv) | EPA

Bereits vor einem Monat gab es in Italien Demonstrationen gegen den Grünen Pass, so wie hier Anfang August in Mailand. Bild: EPA

Für Museen, Fitnessstudios, Konzerte, Stadien und den Innenbereich in Restaurants ist der "Grüne Pass" bereits seit 6. August Pflicht. Die Regierung hat damit auf die gestiegenen Corona-Infektionszahlen reagiert. Betreiber oder Gastronomen, die sich nicht an die Regeln halten, riskieren zusätzlich zu einer Geldstrafe eine Schließung des Lokals von bis zu zehn Tagen. Im Vorfeld der nun geltenden Regeln hatten landesweit Impf- und "Grüner-Pass"-Gegner teils heftig gegen die Maßnahmen demonstriert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Juli 2021 um 13:00 Uhr.