Israelische Flagge | REUTERS

Arabische und jüdische Israelis Aussöhnung als Wirtschaftsfaktor

Stand: 21.06.2021 18:04 Uhr

Nach dem Regierungswechsel in Israel steht die Vielparteienkoalition vor schweren Aufgaben, allen voran der Aussöhnung zwischen Israelis und Arabern. Die würde dem Land auch wirtschaftlich helfen.

Von Till Rüger, Muhamed Abofani und Mike Lingenfelser, ARD-Studio Tel Aviv

Erstmals sind arabische Abgeordnete Teil einer Regierungskoalition in Israel. Die islamische Ra'am-Partei von Mansour Abbas lieferte die entscheidenden Stimmen für die sogenannte "Koalition des Wandels" von Naftali Bennett und Yair Lapid. Mit einer hauchdünnen Mehrheit von nur einer Stimme wurde so Langzeit-Premier Benjamin Netanyahu vom Likud abgewählt. Ein historischer Moment für eine unterschätze Minderheit. Inzwischen stellen die arabischen Israelis etwa 21 Prozent der Staatsbürger in Israel - und ihre Zahl wächst. Offiziell haben sie die gleichen Rechte und Pflichten wie jüdische Israelis. Doch viele fühlen sich benachteiligt, etwa bei der Jobvergabe oder bei der Ausbildung.

Till Rüger
Mike Lingenfelser ARD-Studio Tel Aviv

Gefühl von Bürgern zweiter Klasse

Die Dörfer und Wohngebiete der arabischen Israelis haben zudem meist eine schlechtere Infrastruktur. Sie leiden unter hoher Kriminalität, in deren Bekämpfung die Polizei bislang versagt hat. Viele israelische Araber sehen sich deshalb als Bürger zweiter Klasse.

In seiner Antrittsrede vor der Knesset, dem israelischen Parlament, sagte der neue Premierminister Bennet von der rechten Yamina-Partei, seine neue Regierung schlage ein neues Kapitel der Beziehungen zu den arabischen Mitbürgern auf. Er wolle Missverhältnisse in der Ausbildung aufheben und die Wohnungsnot der Beduinen im Süden lindern. Jeder habe das Recht in Würde zu leben.

Während des elftägigen Raketenbeschusses aus dem Gazastreifen brach der Gegensatz noch deutlicher auf als sonst. Viele Städte und Dörfer mit gemischter Bevölkerung aus arabischen und jüdischen Israelis wie Lod, Akko oder Jaffo erlebten die schlimmsten Unruhen seit Jahrzehnten. Der tiefe Riss wurde selbst dort sichtbar, wo beide Gruppen bisher weitgehend friedlich zusammenlebten.

Tiefes Misstrauen mit historischen Wurzeln

Fast alle arabischen Israelis lebten vor der Gründung Israels 1948 innerhalb des heutigen Staatsgebietes. Im arabisch-israelischen Krieg 1948 flohen sie nicht und wurden auch nicht vertrieben. Viele sehen sich als Schwestern und Brüder der Palästinenser im Westjordanland oder Gazastreifen.

Nach den jüngsten Unruhen mieden viele jüdische Israelis die arabischen Wohngebiete, auch einige Gebiete von Jaffo, dem Stadtteil im Süden von Tel Aviv. Bis zu 70 Prozent weniger jüdische Gäste als vor dem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen hatten die Lokale und Restaurants in Jaffo zeitweise gemeldet. Die Regierung verhängte während der Unruhen Ausgangssperren und riegelte ganze Straßenzüge ab, tat sonst aber wenig gegen das tiefsitzende gegenseitige Misstrauen.

Arabische Israelis als wichtiger Wirtschaftsfaktor

Anders private Initiativen. Der israelische Versicherungskonzern Harel beispielsweise plakatierte großflächig an Tel Avivs Stadtautobahn in hebräischer und arabischer Sprache: "Die beste Versicherung gegen Gewalt ist Koexistenz." Viele weitere Firmen folgten dem Beispiel mit Werbespots und Zeitungsanzeigen. Denn die arabischen Israelis sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Erst in den späteren 1970er-Jahren begann eine sichtbare Zahl an arabischen Israelis mit einem Studium an einer israelischen Universität, vor allem in den Bereichen Ingenieurwesen, Pharmazie und Lehramt. Anfang der 1990er-Jahre ging es in Israel dann bergab mit der Landwirtschaft und der Textilbranche. Dort waren viele arabische Israelis tätig.

Plakat in Israel | Till Rüger

"Die beste Versicherung gegen Gewalt ist Koexistenz" - Plakat des Konzerns Harel. Bild: Till Rüger

Gleichzeitig kamen russische Einwanderer ins Land. Mehr als eine Million neue Wohnungen mussten gebaut werden, und so bekamen die arabischen Israelis Zugang zu einer neue Wirtschaftsbranche: Wohnungsbau, Straßenbau, Strom- und Gasmanagement.

Ausgesperrt aus der Software-Branche

Um das Jahr 2000 gab es in Israel dann ein kleines High-Tech Wunder: Viele israelische Software-Firmen konnten sich weltweit durchsetzen. Aber diese Branche blieb den arabischen Israelis versperrt, weil sie unter anderem mit Sicherheitsaspekten zu tun hatte. Viele arabische Informatiker wurden nicht fest angestellt.

Seitdem suchten sich die arabischen Israelis fast nur Berufe aus, in denen sie auch sicher einen Job finden konnten, zum Beispiel in der Medizin oder Pharmazie. Viele sahen in einer fundierten Ausbildung den einzigen Weg, um sich wirtschaftlich zu verbessern.

Die arabischen Dörfer in Israel konkurrieren inzwischen untereinander darum, wer mehr Ärzte pro 1000 Einwohner hat. Pharmazie und Medizin werden oftmals von den gut ausgebildeten Ärzten und Pharmazeuten aus der arabischen Minderheit dominiert.

In den vergangenen Jahren haben die arabischen Israelis erneut die High-Tech-Branche entdeckt. Diese leidet in Israel an Unterbeschäftigung, und viele Start-Ups suchen verzweifelt nach gut ausgebildeten Mitarbeitern - eine neue Chance für die arabischen Israelis.

Ungleiche Verteilung der Arbeitskräfte

Betrachtet man die Gesamtzahl der Beschäftigten, dann kommen die jüdischen Israelis auf einen Anteil von gut 83 Prozent. Das hieße im Umkehrschluss, dass die arabischen Israelis zusammen mit der großen Zahl an asiatischen Gastarbeitern weniger als 17 Prozent der Beschäftigten im Land ausmachen.

Schaut man sich anhand der Zahlen der israelischen Statistikbehörde genau an, wo und wie arabische Israelis heute beschäftigt sind, sieht die Verteilung wie folgt aus: 13 Prozent sind nicht qualifiziert, 42 Prozent sind qualifizierte Arbeiter in der Industrie und im Bau. Zwei Prozent arbeiten in der Landwirtschaft, 15 Prozent im Dienstleistungsbereich, drei Prozent in der Verwaltung, fünf Prozent sind Ingenieure, elf Prozent Akademiker und fünf Prozent führen ein Unternehmen.

Die Erwerbsbeteiligung der jüdischen Israelis ab 15 Jahren lag 2019 bei 65,0 Prozent, die der arabischen Israelis ab 15 Jahren - vor allem wegen der deutlich geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen - nur bei 43,4 Prozent.

Versöhnung als oberstes Ziel

Die Versöhnung der beiden Bevölkerungsgruppen dürfte - auch aus wirtschaftlichen Gründen - eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Regierung von Premier Bennett und seinem Vize Yair Lapid von der liberalen Zentrumspartei werden.

Erst wenn sich der inner-israelische Konflikt beruhigt hat, so Nahostbeobachter, kann die neue Regierung auch wieder Richtung Westjordanland und Gaza schauen und den völlig zum Erliegen gekommenen Friedensprozess mit den Palästinenser angehen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Juni 2021 um 12:00 Uhr.