Großer Bazar in Teheran im Iran | AFP

US-Austritt vor vier Jahren Irans Wirtschaft hofft auf neuen Atomdeal

Stand: 08.05.2022 04:01 Uhr

Mehr Sicherheit - aber auch mehr Handel: Viele iranische Unternehmen warten dringend auf eine Wiederbelebung des Atomabkommens. Die Sanktionen versperren ihnen den Zugang zu Maschinen und Märkten.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul 

"Kurz vor dem Durchbruch" oder "Kurz vor dem Aus": Diese Schlagzeilen liest und hört man seit Monaten, wenn es um die Verhandlungen um das Atomabkommen mit dem Iran geht. US-Präsident Donald Trump hatte es heute vor vier Jahren im Papierkorb der Geschichte entsorgt, sein Land trat aus. Jetzt versuchen die verbliebenen Partner, es da wieder herauszuholen. Sie alle eint ein Ziel: Teheran soll keine Atomwaffen bauen können.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Unternehmer müssen viele Klippen umschiffen

Viele Iranische Firmen hoffen trotz des Hin und Hers, durch ein Atomabkommen wieder besser international ins Geschäft zu kommen, auch wenn sie sich mit der Isolation durch die strengen Sanktionen arrangiert haben. So wie Reza Yasavoli. Der 59-Jährige blättert die großen schweren Seiten des neuesten Buches seines Teheraner Verlags um.

"Wir haben versucht, dieses Buch wissenschaftlich zu produzieren. Dieses Papier, das zwischen den Seiten dieses Buches verwendet wird, ist eine der härtesten Arbeiten, die jemals geleistet wurden, weil dieses Papier nicht leicht verfügbar ist - sowohl in Bezug auf den Preis, als auch auf die Menge", sagt Yasavoli nicht ohne Stolz. "Wir mussten es jedoch verwenden, um dieses Buch zu produzieren, und das hat den Preis dieses Buches erhöht." 

Yasavoli sitzt im dunklen Anzug in einem kleinen Zimmer des Traditionshauses in der Innenstadt auf einem schlichten gelben Sofa, in der Ecke ein Elektroheizer. Er erzählt davon, wie schwer es war, dieses Buch über Perserteppiche in hoher Qualität zu produzieren. "Die Sanktionen decken ein breites Spektrum ab. Sie haben es uns fast unmöglich gemacht, Papier zu importieren. Wir brauchen Hochglanzpapier, um unsere Bücher zu drucken. Das wird aber leider nicht im Iran produziert. Wir müssen das Ausland fragen, aber wir haben aufgrund von Einschränkungen Probleme mit der Bezahlung." Denn internationaler Zahlungsverkehr ist aufgrund der US-Sanktionen nicht möglich.

PLATZHALTER US-ANGEBOT

Geschäftspartner im Ausland stoppen Verhandlungen

Yasavolis Hände streichen immer wieder über die bunten Hochglanzseiten des Werkes im goldfarbenen Einband. Irgendwie haben sie es doch geschafft, an das Papier zu kommen - aus Fernost. Seit einem Jahr verhandelt der Iran mit den verbliebenen Partnern des Atomabkommens darüber, es wiederzubeleben. Dann würden die Sanktionen fallen. "Das würde sich psychologisch positiv auf die Menschen auswirken. Es würde dazu führen, dass sie wieder Energie bekommen würden auch für ihre Arbeit", ist Yasavoli sich sicher.

Nur: Danach sieht es nicht aus. Seit rund zwei Monaten ist Verhandlungspause in Wien. Auf technischer Ebene sei alles geklärt, heißt es aus Teheran. Nur politische Fragen seien noch offen, vor allem ein zentraler Streitpunkt: Die Iranischen Revolutionsgarden sollen runter von der Terrorliste der USA.

Mohammad Ali Hashemi hat das edle Buch über Perserteppiche in seiner Druckerei am Stadtrand von Teheran produziert. Seine Maschinen sind in die Jahre gekommen, die letzte neue hat er vor vier Jahren bekommen, erzählt er. "In den letzten Jahren haben wir uns zwei Maschinen ausgesucht, eine aus Deutschland und die andere aus Lettland. Wir wollten sie in den Iran importieren, um ältere Maschinen zu ersetzen." In beiden Fällen habe das nicht geklappt. "Wir hätten die Maschinen gebraucht. Aber die Verkäufer haben sich plötzlich aus Angst vor Sanktionen zurückgezogen und aufgehört, mit uns zu verhandeln."

Von SWIFT abgeschnitten

Von seinem Büro im ersten Stock aus kann Hashemi durch eine große Scheibe die Produktionshalle überblicken. 60 Mitarbeiter hat er. Damit die Geschäfte laufen, muss er eigentlich investieren und modernisieren, erklärt der junge Mann in Karohemd und Jeans. Auch er hofft darauf, dass der Iran und die USA wieder zum Atomdeal zurückkommen. "Die Wirtschaft begrüßt jedes Abkommen, das Handel erleichtert und Umsatz steigert. Was aber auch zählt, ist, dass es nachhaltig und effektiv ist", sagt Hashemi.

Der Iran ist nicht das einzige Land, das vom internationalen Zahlungssystem SWIFT abgeschnitten ist. Der Westen hat Russland wegen des Ukraine-Kriegs ähnlich sanktioniert - woraufhin Teheran Beratung angeboten hatte, man habe schließlich jahrelange Erfahrung. Ob die beiden Länder tatsächlich enger zusammenrücken? Druckereichef Hashemi zuckt mit den Schultern: "Wie sich die jüngsten Ereignisse auf unsere wirtschaftliche Situation oder den Erfolg der Verhandlungen auswirken, wird so stark von der Politik beeinflusst, das kann ich nicht bewerten."

Iran als möglicher Öl-Lieferant

Der Iran könnte aber auch versuchen, die Lücke Russlands zu füllen und Öl nach Europa liefern. Dafür müssten die Sanktionen fallen, sprich: ein Durchbruch in Wien kommen. Davon würde auch Verleger Yasavoli direkt profitieren. Denn wenn eine Einigung über das Atomabkommen erzielt würde, könnte er seine Produkte auch wieder im Ausland anbieten. "Deshalb haben wir dieses Buch in zwei Sprachen veröffentlicht. Ich habe die aktuellen Sanktionen und die Probleme beim Verkauf solcher Bücher einfach ignoriert. Denn ich hoffe einfach immer noch."

Yasavoli streicht nochmal über den goldfarbenen Einband des Buches. Dann legt sich aber eine Traurigkeit über sein Gesicht, die man in diesen Tagen oft im Iran sieht. "Dieses Buch ist hier praktisch inhaftiert, es ist dazu verdammt, im Iran zu bleiben. Es kommt hier nur raus, wenn es einer mit ins Ausland nimmt."

 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 005. März 2022 um 15:00 Uhr.