Huawei Store mitten in Teheran | Katharina Willinger, BR

US-Sanktionen China füllt die Lücke im Iran

Stand: 09.04.2021 16:27 Uhr

In Wien wird derzeit über die Zukunft des Atomabkommens mit dem Iran verhandelt. Das Land ist wirtschaftlich weitgehend isoliert, die meisten europäischen Firmen haben sich zurückgezogen - eine Lücke, die China nun füllt.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul, zurzeit Teheran

Wer schon einmal in Teheran war, kennt die überfüllten Straßen mit teils kilometerlangen Staus. Man hat Zeit, sich die Menschen neben oder hinter sich in Ruhe anzuschauen, schließlich wird oft bis an die Stoßstange aufgefahren. Auffällig: Immer öfter sitzen die Fahrer in chinesischen Pkw-Modellen. Auf großen Werbetafeln am Straßenrand machen die Hersteller für die Autos Werbung: Vom schlichten Kleinwagen bis hin zum sportlichen SUV ist alles dabei. Der Preis ist dabei wesentlich günstiger als der europäischer oder koreanischer Modelle. Der Grund: Mittlerweile wird im Iran produziert, oft in Kooperation mit lokalen Marktführern.

Katharina Willinger ARD-Studio Istanbul

Unter anderem in einem Werk, in dem der deutsche Automobilhersteller Volkswagen produzieren wollte. Nach Abschluss des Atomabkommens 2015 wurden Verträge mit einem iranischen Partner auf den Weg gebracht. Doch noch bevor es los ging, gab der Wolfsburger Konzern im Herbst 2018 bekannt, man ziehe sich aus dem Iran zurück. Kurze vorher waren die USA unter Trump aus dem Atomdeal ausgestiegen und hatten Wirtschaftssanktionen gegen die Islamische Republik verhängt.

Werbung von chinesischen Autos in Kooperation mit iranischen Herstellern | Katharina Willinger, BR

Der iranische Autohersteller Bahman Group kooperiert schon seit 2013 mit der chinesischen Firma FAW Group. In Teheran wirbt er für ein Geländewagen-Modell. Bild: Katharina Willinger, BR

China bietet an, was dem Iran fehlt

Die meisten deutschen Firmen zogen sich damals schnell aus dem Iran zurück, obwohl die übrigen Vertragspartner des Abkommens, darunter auch Deutschland, weiter daran festhielten. Angekündigt war die Schaffung einer alternativen Handelsplattform, um europäischen Unternehmen weiterhin den Handel mit dem Iran zu ermöglichen. Der Plan ging nicht auf.

Rund 80 Prozent seiner europäischen Kunden habe er nach 2018 verloren, erzählt Cyrus Razzaghi, der ausländische Firmen berät, die im Iran investieren wollen. Er spricht von einer Orientierung des Irans gen Osten: "Der Iran hat beschlossen, dass er nicht ewig darauf warten kann, dass das Atomabkommen wiederbelebt wird. Das Land muss sich dringend entwickeln. Wir brauchen Technologie, Handelspartner - und China erfüllt das."

Cyrus Razzaghi, Investmentberater | Katharina Willinger, BR

Cyrus Razzaghi berät Unternehmen, die auf dem iranischen Markt Fuß fassen wollen. Bild: Katharina Willinger, BR

"Dauerhafte und strategische" Partnerschaft

Rund 400 Milliarden Dollar will China in den nächsten 25 Jahren in den Iran investieren. Vor allem in die Bereiche Energie, Verkehr und Telekommunikation, meist geht es um Geschäfte staatlicher Unternehmen. Im Gegenzug verpflichtet sich der Iran dazu, günstig Öl zu liefern. China ist abhängig von Erdölimporten, schon jetzt stammen rund 40 Prozent aus der Region im Persischen Golf. Die Partnerschaft ist für China Teil seiner ambitionierten Initiative "One Belt, One Road", die an die historische Seidenstraße anknüpft.

Chinas Außenminister Wang Yi besuchte während einer Reise durch den Nahen Osten vorvergangene Woche auch den Iran und unterzeichnete das bilaterale Mega-Abkommen. Bei seinem Besuch stichelte er Richtung USA: Die Partnerschaft mit dem Iran sei "dauerhaft und strategisch" und nicht mit einem Telefonanruf hinfällig. Auch militärische Zusammenarbeit solle es geben. Wie die aussehen soll, blieb unklar.

Dass China den Iran nutzt, um seinen Einfluss in der Region gegenüber den USA zu stärken, davon ist Cyrus Razzaghi, der Teheraner Investmentberater, überzeugt: "China geht es darum, die Machtverhältnisse auszugleichen. Deshalb baut man auch die strategisch gelegenen Häfen des Irans auf dem Weg Richtung Afrika aus", sagt er. "Es sieht derzeit nach einer Win-Win-Situation für Iran und China aus. Aber der Teufel steckt in den Details, und die kennen wir nicht."

Bevölkerung sieht den Deal skeptisch

Details sind tatsächlich wenige bekannt, die Bevölkerung im Iran macht das misstrauisch. "Niemand hat uns etwas zu den Einzelheiten des Vertrags erklärt. Wenn es stimmt, was man so hört, dann hat die Führung das ganze Land den Chinesen übergegeben", bemerkt ein Passant in Teheran. Ein anderer fügt hinzu: "Ich hoffe, dass es endlich auch mal der Bevölkerung etwas bringt, ansonsten nützt uns dieser Deal überhaupt nichts."

Misswirtschaft, Korruption und die US-Sanktionen haben zu einer desolaten Lage im Land geführt: Arbeitslosigkeit und Inflation steigen, die Währung liegt am Boden. Viele Produkte aus Ausland sind extrem teuer, da sie nur über Umwege ihren Weg ins Land finden. Nicht im Falle chinesischer Ware: An vielen Ecken der Hauptstadt haben chinesische Elektromärkte eröffnet, darunter große Flagship-Stores von Huawei und Xiaomi. Mittlerweile ist China der wichtigste Handelspartner für den Iran.

Die Qualität chinesischer Ware hat im Iran jedoch nicht den besten Ruf. Während Läden Werbung mit "Made in Germany" oder "Italy" oder anderen westlichen Ländern machen, ist "Made in China" maximal auf den Produktetiketten zu finden. "Viele Iraner aus der Handelsbranche, aber auch Ingenieure, sind in Deutschland, Österreich oder Frankreich ausgebildet", erklärt Razzaghi. "Sie haben diese Affinität für europäische Qualität und Innovationen, und man bevorzugt, mit Europa Geschäfte zu machen."

Das liegt bislang jedoch in weiter Ferne. In Wien laufen derzeit Gespräche über die Zukunft des Atomabkommens. Mit am Verhandlungstisch sitzt übrigens auch China.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. März 2021 um 12:00 Uhr.