Arbeiter steht in einem Stahlwerk vor einem Hochofen | dpa
Interview

Klimaschutz der Industrie "Technologische Umbrüche stehen an"

Stand: 09.09.2021 08:07 Uhr

Auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft muss die Industrie ihre Emissionen stark senken. Das erfordere technologische Umbrüche, sagt Sonja Peterson vom IfW Kiel im Interview. Die Industrie müsse dabei unterstützt werden.

tagesschau.de: Warum sind Branchen wie die Stahl- oder die Zementindustrie bedeutsam für den Klimaschutz?

Sonja Peterson: Die energieintensive Industrie ist in Europa für etwa ein Fünftel der Treibhausgasemissionen verantwortlich, in Deutschland für noch etwas mehr. Und während im Stromsektor die Emissionen in den letzten Jahren stark reduziert wurden, sind sie im Industriesektor nur sehr wenig zurückgegangen. Wenn wir eine zunehmend klimaneutrale Wirtschaft anstreben, muss natürlich auch die Industrie die Emissionen reduzieren.

Sonja Peterson vom IfW in Kiel | Michael Stefan
Zur Person

Sonja Peterson arbeitet seit 2002 in verschiedenen Funktionen am Institut für Weltwirtschaft (IfW). Derzeit leitet sie die dort die Service Unit "Forschungsmanagement & Transfer". Seit 2017 ist sie zusätzlich Honorarprofessorin an der Kieler Universität. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die europäische und internationale Klimapolitik.

tagesschau.de: Stehen denn die entsprechenden Technologien dafür schon bereit?

Peterson: Tatsächlich ist die Herausforderung in der Industrie, dass es nicht mehr mit einfachen Effizienzgewinnen getan ist, sondern dass technologische Umbrüche anstehen - etwa Wasserstoff oder auch die CO2-Speicherung. Diese Technologien sind weit genug entwickelt, sodass Unternehmen in sie investieren können. Aber sie sind eben noch deutlich teurer als die bisherigen Technologien.

tagesschau.de: Inwiefern braucht es aus Ihrer Sicht staatliche Förderung für den Umbau?

Peterson: Es ist zum Beispiel deutlich teurer, Stahl aus grünem Wasserstoff herzustellen als mit bisherigen Technologien. Das ist ein Problem. Wenn wir in Europa vorangehen in der Klimapolitik, und andere Länder machen das nicht, ist es teurer, in Europa zu produzieren. Dann besteht die Gefahr, dass die Stahlindustrie abwandert. Das ist nicht das, was wir wollen. Zum einen gibt es etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze in der energieintensiven Industrie in Europa. Zum anderen ist auch dem Klima nicht geholfen, wenn die Emissionen im Ausland produziert werden. Deshalb ist es wichtig, die hiesige Industrie zu unterstützen.

"CO2-Bepreisung eins der wichtigsten Instrumente"

tagesschau.de: Welche Instrumente zur Förderung des Klimaumbaus der Industrie halten Sie für sinnvoll?

Peterson: Es muss einen klaren Rahmen geben. Die Industrie muss wissen, dass wir es ernst meinen mit der Dekarbonisierung, um sich darauf einzustellen. Eines der wichtigsten Instrumente dafür ist sicher eine Bepreisung von CO2 und anderen Treibhausgasen. Dadurch entstehen Anreize und es lohnt sich, in neue Technologien zu investieren.

tagesschau.de: Wie sollen andere Länder außerhalb der EU dazu bewegt werden, da mitzuziehen?

Peterson: Es ist sehr wichtig, dass die EU einen starken Fokus auf internationale Kooperationen setzt. Es hilft eben wenig, wenn nur in Europa stringente Klimapolitik betrieben wird. Zum einen geht es um gleiche Wettbewerbsbedingungen, zum anderen ist auch das Klimaproblem ein globales.

tagesschau.de: Wie realistisch wäre denn ein internationaler Klimaclub?

Peterson: Es gibt da positive Entwicklungen. China steigt gerade ein in die CO2-Bepreisung, allerdings noch zu einem sehr niedrigen Preis und für die Industrie soll er erst noch kommen. Die USA haben jetzt einen Präsidenten, der klimapolitisch ambitioniert ist. Diese internationale Kooperation in den Vordergrund zu rücken, halte ich für zentral. Ein Klimaclub ist natürlich ein mittelfristiges Ziel. Aber es lohnt sich auf jeden Fall, das mit aller Kraft zu versuchen.

"Internationale Kooperationen wichtig"

tagesschau.de: Die EU diskutiert ja auch über die Einführung eines sogenannten Grenzausgleichs, also eine CO2-Abgabe beispielweise für treibhausgasintensiven Stahl aus anderen Ländern. Wäre das eine gute Idee?

Peterson: Für eine Übergangszeit kann das ein Instrument sein, das Anreize dafür setzt, auch anderswo klimafreundlicher zu produzieren. Es könnte ein Mittel sein, um faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Aber der Grenzausgleich ist nicht so leicht umzusetzen und könnte handelspolitische Gegenmaßnahmen hervorrufen. Deshalb ist es so wichtig, internationale Kooperationen anzustoßen.

tagsschau.de: Ein anderes Instrument, das diskutiert wird, sind die sogenannten Differenzverträge. Halten Sie die für sinnvoll?

Peterson: Die Verträge geben den Unternehmen die Verlässlichkeit, dass sich Investitionen in den Klimaschutz lohnen. Das schafft Investitionssicherheit, indem höhere Betriebskosten ein Stück weit subventioniert werden. Ich sehe das aber nicht unbedingt als ein Instrument für die internationale Wettbewerbsfähigkeit, sondern eher für die Innovationsförderung.

tagesschau.de: Besteht nicht die Gefahr, dass der Staat in eine Dauersubventionierung der Industrie hineinkommt?

Peterson: Es besteht bei Subventionen immer die Gefahr, dass sie nicht rechtzeitig zurückgefahren werden. Das haben wir auch bei den erneuerbaren Energien gesehen, wo zu spät die hohe Förderung zurückgefahren wurde. Wenn man eine begrenzte Laufzeit festlegt, kann aber eine Dauersubventionierung verhindert werden. Ich würde angesichts der Dringlichkeit des Problems im Zweifelsfall lieber etwas zu viel fördern als zu wenig.

Das Interview führte Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio, für tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Juli 2021 um 18:50 Uhr.