Kristalina Georgieva | AP
Interview

IWF-Chefin Georgieva "Ein Bravo an die deutsche Bevölkerung"

Stand: 29.11.2022 18:57 Uhr

Die Welt befindet sich wirtschaftlich in einem schwierigen Umfeld. Wie der Internationale Währungsfonds in einer solchen Zeit helfen kann und wie er die Ukraine unterstützt, sagt IWF-Chefin Georgieva im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Frau Georgieva, welche Rolle kann Deutschland bei einem Wiederaufbau der Ukraine und bei dessen Finanzierung einnehmen?

Kristalina Georgieva: Wir sind zwar noch nicht an einem Punkt, an dem man schon von Wiederaufbau sprechen könnte, aber die Planungen dafür müssen jetzt beginnen. Und Deutschlands Rolle besteht etwa darin, diese Planungen zu unterstützen und Lektionen aus der Vergangenheit beizusteuern von Ländern, die solche Prozesse schon durchlaufen haben, damit die Ukraine auch mit Erfolg diesen Weg beschreiten kann.

Kristalina Georgiewa, Direktorin des Internationale Währungsfonds (IWF) | picture alliance/dpa/XinHua
Zur Person

Seit Oktober 2019 ist Kristalina Georgieva geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zuvor war sie unter anderem Chefin der Weltbank, Vizepräsidentin der Europäischen Kommission für Haushalt und Humanressourcen sowie Kommissarin für internationale Zusammenarbeit, humanitäre Hilfe und Krisenreaktion.

tagesschau.de: Über welche Summen sprechen wir bei der Finanzierung dieses Weges? Die Chefin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat bereits 18 Milliarden Dollar pro Jahr aus EU-Mitteln angekündigt. Aber der Bedarf wird ja insgesamt viel höher liegen.

Georgieva: Diese 18 Milliarden müssen so schnell wie möglich auf den Weg gebracht werden. Denn die ukrainische Bevölkerung und die ukrainische Wirtschaft haben Hilfe bitter nötig. Ob solche Summen ausreichen, wird sich zeigen. Wir haben keine Kristallkugel, in der wir sehen könnten, wie sich dieser Krieg entwickelt. Doch dieses Signal vonseiten Europas ist schon einmal sehr vielversprechend. Zumal vonseiten der Vereinigten Staaten ein Angebot in derselben Höhe gekommen ist. 36 Milliarden Dollar sind keine triviale Summe.

Doch da werden noch andere internationale Geldgeber hinzukommen müssen - sowohl Spendengeber als auch internationale Organisationen. Was das betrifft, schauen wir, der IWF, ebenfalls nach Möglichkeiten, die ukrainische Wirtschaft zu unterstützen. Wir haben gerade erst ein Projekt beendet, das über die nächsten Monate einen Plan dafür entworfen hat, wo wir helfen können.

"Müssen uns Reformen für die Zukunft ausdenken"

tagesschau.de: Wie wird diese Hilfe konkret aussehen und in welcher Höhe wird sie stattfinden?

Georgieva: Bislang hat der IWF 2,7 Milliarden Dollar als Notfallhilfen gewährt. Damit sind wir mit Abstand der größte Einzel-Geldgeber unter den internationalen Organisationen bei Ukraine-Hilfen. Wir planen auch andere Arten von Finanzierung, die der Ukraine zugutekommen. Weitere zwei Milliarden Dollar kommen auf diese Weise zustande.

In die Zukunft gerichtet zielen wir darauf ab, ein neues Programm für die Ukraine aufzulegen. Das Entscheidende dabei ist nicht allein das Geld, sondern eher die politische Beratung, die ukrainische Behörden und Institutionen von uns bekommen. Diese sehen sich Herausforderungen gegenüber, die es so noch nicht gab.

Nur ein Beispiel: Bargeld. Eines der Probleme ist die Möglichkeit, Bargeld zur Verfügung zu stellen, während das Bankensystem im Alltag unter den aktuellen Bedingungen kaum funktionieren kann - wegen der russischen Bombardements. Die Lösung, die wir gemeinsam gefunden haben, bestand darin, Bargeld aus Ladengeschäften für die Geldautomaten zu nutzen statt den Umweg über die Banken zu gehen.

Und dann noch ein Beispiel aus der politischen Beratung: Wie können Staatseinnahmen erhöht werden? Der einfachste Weg war der über die Mehrwertsteuer. Daran haben wir sogar vor dem Krieg schon gearbeitet. Das ist auch ein Beispiel dafür, wie sich Reformen aus der Vergangenheit heute auszahlen. Nun müssen wir uns Reformen für die Zukunft ausdenken, die für eine kriegsgeschädigte Wirtschaft funktionieren können.

"Große Entschlossenheit bei der Ukraine"

tagesschau.de: Haben wir es nicht weltwirtschaftlich mit einem perfekten Sturm zu tun, der sich da zusammengebraut hat? Die Kombination aus steigenden Zinsen und relativ hoher Inflation, die Energiekrise, anhaltende Problemen im weltweiten Handel und den Lieferketten sowie Rohstoffmangel: Macht all das nicht jede Art von Hilfe schwieriger?

Georgieva: Die Entschlossenheit ist groß bei Staat und Bevölkerung der Ukraine - und bei ihren Partnerländern. Ja, dies ist eine weltweit schwierige Zeit: Die Inflation ist sehr hartnäckig und das bedeutet, die Zentralbanken müssen Kurs halten, um sie zu drücken. Mit ihren Maßnahmen kühlen sie dann allerdings wiederum die wirtschaftliche Erholung herunter.

In so einem Umfeld müssen wir uns klar machen, dass es schwierig ist für viele Menschen in der Welt. Aber am schwierigsten ist die Lage für Menschen, die ihren Alltag unter Bombardierungen leben. Sie leben mit hohen Risiken für sich selbst, ihre Kinder und ihre Familien.

tagesschau.de: Die Akzeptanz für den IWF war nicht immer hoch in den Ländern, denen er half. Wie optimistisch sind Sie da in Sachen Ukraine?

Georgieva: Seit der Corona-Krise haben wir da einen bemerkenswerten Wandel erlebt, weil wir in vielen Fällen schnell geholfen haben. Und zwar in 96 Ländern weltweit. Dadurch haben viele den IWF als Helfer erlebt, der auf der Seite der Geschädigten steht. Außerdem haben wir vielen Ländern geholfen, die Wirkung äußerer Schocks zu bewerten. Denn ein solcher Schock war ja das Coronavirus - das kam von außen auf die Länder zu und nicht aus ihrem Innern.

Wir konnten vielen Ländern helfen, sich widerstandsfähiger zu machen gegen solche externen Schocks. Seit Beginn des Kriegs gegen die Ukraine haben wir von 16 Ländern Hilfsanträge bekommen und bewilligt. 36 weitere Anträge bearbeiten wir gerade. Kurz gesagt: Der IWF von heute ist nicht mehr der aus Großmutters Zeiten, sondern er ist mit der Zeit gegangen.

"Deutschland war sehr effizient"

tagesschau.de: Deutschland hat heute einen Handel mit Katar über Flüssiggaslieferungen abgeschlossen: Wie bewerten Sie das?

Georgieva: Deutschland hat in bemerkenswerter Weise die eigene Energieversorgung diversifiziert, seit Russland die bisherigen Gaslieferungen gestoppt hat. Jeder Schritt dabei war ein Schritt in die richtige Richtung. Deutschland war ebenfalls sehr effizient darin, Energie zu sparen. Der Gasverbrauch der vergangenen drei Monate lag um 15 Prozent niedriger als im gleichen Jahreszeitraum über die vergangenen fünf Jahre gerechnet.

Also: Ein Bravo an die deutsche Bevölkerung. Sie zeigt Entschlossenheit und angesichts der Klimakrise - das sollte sie auch weiter tun, das wird gebraucht!

Das Interview führte Alfred Schmit, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. November 2022 um 22:45 Uhr.