Türkische Lira-Scheine | REUTERS

Preise steigen rasant Türkei ächzt unter hoher Inflation

Stand: 06.04.2022 11:10 Uhr

Die Inflation in der Türkei ist auf mehr als 60 Prozent gestiegen. Für die Wirtschaft wird das zunehmend zum Problem. Die Regierung setzt aber weiter auf niedrige Zinsen, um Investitionen anzuschieben.

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Auch wenn kaum jemand gute Inflationszahlen erwartet hat: Der neue Höchststand seit der Regierungsübernahme durch die AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan vor 20 Jahren befeuert die Debatten darüber. Im Fernsehen streiten sich ein Journalist und der Rechtsprofessor Ersan Sen lauthals. Sen sagt, 59 Prozent der Menschen kämen mit ihrem Geld nicht mehr aus. "Und weitere 27 Prozent sagen, dass sie so gerade eben noch hinkommen."

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Wie schlimm es für sie wirklich ist, beschreiben Menschen auf einem Markt in Istanbul. Sie sprechen von bis zu 50 Prozent Teuerung in wenigen Wochen. Ein Mann erzählt, dass er die Preissteigerungen genau beobachtet. "Ich gehe zweimal pro Woche auf den Markt, montags und donnerstags. Und ich kaufe immer an denselben Ständen ein. Aber selbst zwischen Montag und Donnerstag steigen die Preise", sagt er.

Regierung spricht von gut laufendem Handel

Hört man dagegen dem türkischen Finanzminister Nureddin Nebati zu, scheint alles halb so wild zu sein. In einer Rede nach Bekanntgabe der neuen Inflationsrate klingt er, als wolle er sagen: "Krise - was für eine Krise?". Die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft liege bei etwa 79 bis 80 Prozent, sagt Nebati. "Und der Handel läuft gut."

Tatsächlich leben die Wirtschaft und die Menschen in der Türkei nicht erst seit Bekanntgabe der neuen Zahlen mit einer hohen Inflation. Seit Jahren liegt sie im zweistelligen Bereich. Aber das frisst Rücklagen von Firmen und die Ersparnisse der Menschen im Land gleichermaßen auf.

Experten erwarten weiteren Anstieg

Eine Entspannung der Lage sehen Fachleute wie Hakki Öztürk von der renommierten Bahcesehir-Universität nicht. "Die Inflation kann auf 70 Prozent hochgehen und fällt dann ein wenig zurück", sagt er. "Im besten Fall wird sie zum Jahresende bei etwa 45 bis 50 Prozent liegen - im besten Fall."

Auch für die Wirtschaft wird das zunehmend zum Problem. Zwar sind die Personalkosten niedrig. Dafür sind die Preissprünge in anderen Bereichen umso größer. Allein im Transportbereich etwa weist die amtliche Statistik eine Inflationsrate von rund 100 Prozent im Jahresvergleich aus. International zuletzt stark gestiegene Energiepreise wirken in der rohstoffarmen und von Importen abhängigen Türkei wie ein Katalysator.

Niedrige Zinsen für mehr Investitionen

Verantwortlich sei vor allem die Regierung, sagt Experte Öztürk. Sie habe allen wirtschaftswissenschaftlichen Grundsätzen zum Trotz die Zinsen immer weiter gesenkt. "Wenn es keine Zinssenkungen gegeben hätte, wären weder der Wechselkurs so schlecht noch die Inflation so stark gestiegen - noch wären die Zinsen für Staatsanleihen sowohl in Dollar als auch in Türkischer Lira so hoch", sagt Öztürk.

Niedrige Zinsen für mehr Investitionen - das ist Kern des sogenannten türkischen Wirtschaftsmodells. Bis es wirkt, braucht es seine Zeit, meint Finanzminister Nebati. Richtig ist: Die Zinsen sind gemessen an der Inflation niedrig. Und auch der Wechselkurs der Lira zu anderen Währungen hat sich stabilisiert - wenn auch auf niedrigem Niveau.

Und es werde weitergehen, sagt Nebati: "Als nächstes wird die Landwirtschaft mehr produzieren. Auch wegen des guten Wetters wird es hier einen Boom geben. Zudem lebt der Handel - und der Krieg wird hoffentlich bald enden. Und: Unsere Einnahmen aus dem Tourismus werden unsere Erwartungen übertreffen."

Sorgen in der Tourismusbranche

Dabei sorgen sich wegen des Krieges in der Ukraine gerade die Tourismusunternehmer. Denn zuletzt kamen noch einige Millionen Russen und Ukrainer in die Türkei. Ukrainer dürften vorerst kaum mehr kommen.

Doch all das ist nicht Schuld an der Misere, in der die Opposition das Land sieht. Schuld - so der Sprecher der größten Oppositionspartei CHP, Faik Öztrak - habe allein die Regierung. "Sie sagten, dass sie die Türkei zu einer der zehn größten Volkswirtschaften machen würden. Aber sie bringen sie nur unter die zehn Länder mit der höchsten Inflation der Welt", so Öztrak. "Wer ist für all das verantwortlich? Wer steht in diesem Land an der Spitze der Regierung? Natürlich: Recep Tayyip Erdogan."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. April 2022 um 08:26 Uhr.