Tomaten werden auf einem Basar in Istanbul ausgestellt.  | REUTERS
Reportage

Inflation in der Türkei Wenn das Leben zu teuer ist

Stand: 17.09.2021 08:04 Uhr

In der Türkei steigen die Preise so rasant, dass für viele selbst einfachste Alltagsgüter zu teuer werden. Der Unmut auf die Regierung nimmt zu. Währenddessen wächst die Wirtschaft.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Deutschland kämpft mit einer Inflation von knapp vier Prozent. In der Türkei liegt sie bei knapp 20 Prozent. Lebensmittel sind innerhalb eines Jahres um 30 Prozent teurer geworden, Mieten in Istanbul hätten sich fast verdoppelt, berichten türkische Medien. Die Tourismus-Saison, die Entspannung bringen sollte, hat die Erwartungen vieler nicht erfüllt.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Ahu hetzt den Berg hoch in einem Istanbuler Arbeiterviertel. Sie muss zu ihrem nächsten Job zum Putzen. Aber das will sie dann doch noch loswerden: "Die Wirtschaftslage ist beschissen. Da muss man nicht lange drumherum reden. Jede Woche steigen die Preise, jede Woche! Im Supermarkt, überall! Man wechselt heute 100 Lira und sie gehen weg, als wären es zehn. Deswegen kaufe ich alles nur noch in kleinen Mengen und seltener."

30 Cent Gewinn pro 30 Eier

Habibs kleiner Lebensmittel-Laden ist ein paar Straßen weiter. Bis unter die Decke stapeln sich Klopapier, Konserven und Nudeln. Im Regal liegt Weißbrot, daneben Paletten mit Eiern:

Eine Palette kostet bei mir 28 Lira - das ist recht günstig. Ich kaufe die Palette selber für 25 Lira im Großhandel. Ich verdiene drei müde Lira dran. Die Konsequenz? Wer früher 10 Eier kaufte, kauft heute nur noch sieben.

Umgerechnet 30 Cent Gewinn pro 30 Eier. Er traut sich gar nicht, die Preise stark zu erhöhen. Habib muss sich so schon von seinen Kunden einiges anhören:

Ich kriege einen Anschiss, weil die Preise ständig steigen. Und dafür geben sie mir die Schuld. Dabei sollten sich die Vorwürfe an die Politiker richten. Was soll ich machen? Wenn ich selber teurer einkaufe, muss ich selber auch teurer verkaufen.

Lira in der Krise

Nebenbei bedient er eine Frau mit zwei kleinen Mädchen. Das eine hat sich Brause aus einer Schachtel vor der Kasse genommen. Die Frau fragt, was sie kostet. Als Habib den Preis nennt, legt sie sie zurück. Schließlich kramt sie noch ein paar Münzen raus und kauft sie doch.

Kamuran sitzt vor seiner kleinen Schreiner-Werkstatt und gönnt sich mit einem Freund ein Glas Tee. Der Ruf des Muezzin lässt ihn unbeeindruckt. Der 46-jährige schimpft:

Das darf doch nicht wahr sein - Alk und Zigaretten sind so teuer geworden. Das macht uns echt fertig. Ich gehe ein Bier trinken, und die verlangen 20 Lira. Was verdient ein Tagelöhner? 80 oder 100 Lira am Tag. Wenn der drei Bier trinkt und eine Packung Zigaretten kauft, ist das ganze Geld weg. Dafür arbeitet der einen ganzen Tag lang. Soll der sich am Abend zur Entspannung denn nicht mal mehr ein Bierchen leisten dürfen?

Die Lira hat in den letzten Jahren massiv an Wert verloren. Kamuran verarbeitet Material, das teilweise aus dem Ausland kommt und deshalb immer teurer wird. "Ich habe momentan 16.000 Lira Schulden auf meiner Kreditkarte. Ich kann nicht viel zur Haushaltskasse beisteuern. Was ich tun kann, ist gerade mal Brot, Eier, Milch und sowas mitzubringen. Ich wohne nicht in Miete. Wäre das nicht der Fall - wir könnten uns nicht über Wasser halten."

Währenddessen Rekordzuwachs beim Wirtschaftswachstum

Erdgas und Strom sind in den letzten drei Jahren in der Türkei um rund 120 Prozent gestiegen, berichten türkische Medien, Lebensmittel allein innerhalb eines Jahres um 30 Prozent. Die Mieten in Istanbul explodieren gerade.

Die Regierung, die Politiker sind schuld. Wer sonst. Ganz sicher nicht die Bürger. Die Währungspolitik, der Wertverfall der türkischen Lira. Ich war auch schon in anderen Ländern. So etwas wie hier habe ich nirgendwo gesehen.

Währenddessen meldet das türkische Statistikamt einen Rekordzuwachs beim Wirtschaftswachstum von knapp 22 Prozent für das zweite Quartal im Vergleich zum Vorjahr, dem Pandemiejahr. Die Arbeitslosenquote liegt nach offiziellen Angaben bei zwölf Prozent. Knapp jeder vierte Jugendliche hat keinen Job.

Solidarität überlebenswichtig

Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündet dazu stolz: "Bei der Beschäftigung sind die Zahlen heute noch besser als vor der Pandemie. Hoffentlich werden wir auch die Inflation in kürzester Zeit unter Kontrolle kriegen und Wucherpreise und extreme Preisanstiege in den Supermärkten verhindern. Durch unseren Kampf gegen Kostenanstiege und gegen Wucherer werden wir den Wohlstand unserer Bürger noch weiter voranbringen."

Im Istanbuler Arbeiterviertel quält sich eine alte Bettlerin den Berg hoch. "Eine kleine Hilfe, bitte! In Gottes Namen! Bitte, bitte..! In Gottes Namen!" Sie bleibt vor einer Kiste Nektarinen stehen, die nicht mehr ganz frisch aussehen. Was die kosten, will sie wissen. Nichts, die sind um sonst, sagt der Händler. Wer geben kann, der gibt. Die Solidarität unter den Türken ist für manch einen in diesen Tagen fast schon überlebenswichtig.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. September 2021 um 05:51 Uhr.