500-Zloty-Geldscheine | picture alliance / Pawel Supernak/PAP/dpa

Polens hohe Inflation Mit Preissprüngen aus der Pandemie

Stand: 08.06.2021 08:12 Uhr

Die polnische Inflationsrate liegt weit über der deutschen - bei inzwischen mehr als fünf Prozent. Das sei in vielerlei Hinsicht eine Folge der Pandemie, sagen Experten. Doch wann wird die Zentralbank reagieren?

Von Martin Adam, ARD-Studio Warschau

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, da drängt ein anderes Thema auf die Titelseiten polnischer Zeitungen. "Warum so teuer?", fragt die "Gazeta Wyborcza". Die "Rzeczpospolita" antwortet: "Wir bezahlen das Wachstum mit Inflation."

Martin Adam ARD-Studio Warschau

Tatsächlich tritt in Polen gerade ein, wovor Finanzexperten in Deutschland noch warnen: Die Inflationsrate steigt - aktuell auf ein Zehn-Jahres-Hoch von deutlich mehr als fünf Prozent, nach der vereinheitlichten europäischen Berechnung. Das ist einer der höchsten Werte in der Europäischen Union. Zum Vergleich: In Deutschland lag die Inflationsrate im Mai bei 2,5 Prozent.

Geldentwertung deutlich spürbar

Die Geldentwertung des polnischen Zloty sei deutlich spürbar, erklärt der Finanzmarktexperte Pawel Majtkowski. "Im Vergleich zum vorigen Jahr sind zwar die Löhne um zehn Prozent gestiegen, die Preise von Obst und Gemüse aber um 20 Prozent. Also die Teuerung spüren wir schon", sagt er. "Dazu kommen höhere Produktionskosten, Transportkosten und eben die Kosten für die höheren Löhne."

All das schlägt sich auf die Preise nieder. Am deutlichsten zeigt sich die Inflation bei Kraftstoffen. Benzin und Diesel für private Autos sind, laut nationalem Statistikamt, innerhalb eines Monats um über 30 Prozent teurer geworden.

"Polnische Wirtschaft steht gut da"

Aber keine Panik, das sei alles normal und Folge der Corona-Pandemie, erklärt die Wirtschaftsberaterin Lidia Adamska. "Die Inflation in Polen spiegelt Prozesse wider, die wir weltweit in der Post-Covid-Landschaft sehen. Aber die polnische Wirtschaft steht gut da", sagt sie. "Das Bruttoinlandsprodukt wächst, die Beschäftigungs- und Arbeitslosenzahlen stimmen auch optimistisch."

Es sind verschiedene Faktoren die die polnische Währung derzeit belasten, nur manche haben tatsächlich mit der Corona-Pandemie zu tun: Die niedrigen Zinsen, die die Wirtschaft stabilisieren sollen, machen Geld billig. Es ist in großen Mengen verfügbar, was immer die Gefahr einer Entwertung birgt. Nach dem rasanten Einbruch voriges Jahr ziehen zudem die Rohölpreise wieder an, was Benzin und Diesel teurer werden lässt.

Dazu kommen aber höhere Lebensmittelpreise, weil sich auch die polnische Landwirtschaft nicht von den vergangenen beiden Dürrejahren erholt hat. Eine schlechte Ernte bedeutet hohe Preise. Mit Restaurants und Hotels, die auch in Polen langsam wieder öffnen, steigt zudem die Nachfrage.

Anhebung des Mindestlohns zeigt Wirkung

Auswirkungen hat auch die politische Entscheidung, Anfang des Jahres den Brutto-Mindestlohn auf 18,30 Zloty pro Stunde zu erhöhen, umgerechnet etwa 4,10 Euro. Das soll den polnischen Wirtschaftsaufschwung gerechter verteilen. Gerade die vom Corona-Lockdown gebeutelte Dienstleistungsbranche reicht die höheren Lohnkosten aber an die Kunden durch. Das heißt unter dem Strich: Alles wird teuer.

Aber es werde sicherlich bald gegengesteuert, vermutet der Wirtschaftsexperte Ignacy Morawski. "Die Inflation ist gewissermaßen der Preis für die niedrige Arbeitslosigkeit", sagt er. "Ich vermute, die Zentralbank wird bald die Zinsen erhöhen, um die Inflation zu kontrollieren." Wann genau das passieren wird und wie weit die Inflation noch steigt, dafür will in Polen bislang aber kaum jemand eine Prognose abgeben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juni 2021 um 13:43 Uhr.