Die Skyline von Hongkong, durch einen Zaun mit Stacheldraht hindurch betrachtet | REUTERS

Neues Wahlrecht in Hongkong Auch die Wirtschaft spürt die Folgen

Stand: 11.03.2021 10:49 Uhr

Nicht nur für die Demokratiebewegung hat das neue Wahlrecht für Hongkong massive Folgen. Auch der Wirtschaftsstandort verliert an Attraktivität. Viele ausländische Firmen überlegen, sich zurückzuziehen.

Von Birgit Eger, ARD-Studio Shanghai, z. Zt. in Köln

Hongkong ist nicht mehr dabei. Vergangenes Jahr stand die Sonderverwaltungszone noch auf Platz 2 des Index der Heritage Foundation. Die US-amerikanische Stiftung kürt jedes Jahr die Orte mit der größten wirtschaftlichen Freiheit. Für 2021 ist Hongkong zum ersten Mal ausgelistet, denn die Stadt sei in ihren Entscheidungen nicht mehr autonom, so die Begründung der Stiftung.

Das kann Paul Chan, Finanzsekretär Hongkongs, so nicht akzeptieren: "Wenn man objektiv auf Hongkong schaut, unter der Vereinbarung von 'einem Land, zwei Systeme' und unter den Bedingungen des wirtschaftliche Wettbewerbs, dann muss ich sagen: Es gibt weiterhin einen freien Kapitalfluss, einen freien Fluss von Information und von Gütern, der Hongkong-Dollar bleibt eine unabhängige Währung und an den US-Dollar gebunden, wir halten uns hier an die Gesetze, die Rechtsprechung wird respektiert. Es tut mir wirklich leid, aber ich stimme der Bewertung nicht zu."

Etwa 700 Firmen aus Deutschland angesiedelt

Ausländische Unternehmen denken da anders. Diese Woche meldete sich der Chef einer japanischen Broker-Firma zu Wort: Ohne Freiheit keine Finanzgeschäfte, verkündete er. Sein Unternehmen werde sich aus Hongkong zurückziehen. Die politischen Einschränkungen seien eben nur ein Aspekt der Veränderungen, befürchtet Katja Drinhausen, Hongkong-Expertin vom Merics China-Institut. Das Sicherheitsgesetz sei nur der Anfang gewesen: "Es ist eben das Gesamtpaket der Maßnahmen, die von Peking angestoßen werden, die auch die Pressefreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz betreffen, die eben Hongkongs Attraktivität als Wirtschaftsstandort langfristig aushöhlen könnten."

Zur Zeit haben etwa 700 deutsche Firmen in Hongkong ihren Sitz. Oft sind es Handelsniederlassungen, die dort ihr China-Geschäft mit der ganzen Welt abwickeln. Bisher dachten alle, dass auch China von Hongkongs Sonderstatus profitiere, weshalb Peking die Sonderverwaltungszone nicht antasten würde. Doch diese Haltung scheine sich gerade zu ändern, sagt Finanzexperte Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Er hat an der Hongkonger Universität geforscht und sagt, man habe bereits in den vergangenen Wochen und Monaten genau verfolgen können, dass die Kommunistische Partei eine neue Strategie entwickelt hat. "Die heißt im Grunde nichts anderes, als dass China sich von der Weltwirtschaft und von der Welt abwenden möchte", so Dieter. Das habe natürlich auch Auswirkungen auf den Finanzplatz, denn: "Ein China, das nach innen schaut, das sich von der Weltwirtschaft partiell abkoppelt, das braucht natürlich auch dieses Hongkong, dieses Tor zu den Weltfinanzmärkten nicht mehr in gleichem Maße."

"Exodus" ausländischer Firmen?

Nach einer Umfrage der Amerikanischen Handelskammer von vergangenem Herbst, sind 40 Prozent der US-Firmen in Hongkong unzufrieden über die Zukunftsaussichten und überlegen wegzuziehen. Tatsächlich haben im vergangenen Jahr etwa 12.000 Menschen die Stadt verlassen. Zum ersten Mal seit eineinhalb Jahrzehnten sank die Bevölkerungszahl Hongkongs. Es sind vor allem die gut Ausgebildeten, die sich jetzt in Singapur, Australien oder Europa niederlassen. Auch deutsche Experten haben Hongkong den Rücken gekehrt; ob aus politischen Gründen oder weil die Einschränkungen durch die Corona-Krise zu groß wurden, das lässt sich noch nicht sagen.

Dafür kann man seit einigen Jahren einen Trend feststellen: Mehr Firmen aus der Volksrepublik lassen sich in Hongkong nieder und bringen ihre eigenen Angestellten mit. "Was ich aus dem Finanzsektor höre ist, dass die Festlandchinesen, die nach Hongkong kommen, das genauso gut können, oftmals noch eine Sprache mehr sprechen", erklärt Finanzexperte Dieter. "Sie können Englisch, Mandarin, sie können Kantonesisch. Sie sind hochqualifiziert, sie können diesen Spagat. Da würde ich kein großes Problem sehen." Damit könnte sich auch Hongkongs Arbeitswelt sukzessive verändern: Westlich geprägte Hongkonger, die lange einen wichtigen Standortvorteil bildeten, verlassen die Stadt. Sie werden ersetzt durch gut ausgebildete Festlandchinesen. Je nach Branche macht der Personalwechsel dann keinen Unterschied mehr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2021 um 11:00 Uhr.