Joe Biden | picture alliance/dpa/AP

Machtwechsel im Weißen Haus Was die deutsche Wirtschaft erwartet

Stand: 20.01.2021 09:23 Uhr

Mit US-Präsident Biden dürfte der Ton in den angespannten transatlantischen Handelsbeziehungen freundlicher werden. Doch Experten glauben: In der Sache wird sich nicht viel ändern.

Von Klaus-Rainer Jackisch, HR

Hannover gilt als Mekka der deutschen Keks-Industrie. Seit rund 130 Jahren produziert das Familienunternehmen Bahlsen dort Gebäck und Leckereien aller Art - und ist damit Marktführer in ganz Europa. 133.000 Tonnen Süßgebäck stellen die Hannoveraner jedes Jahr in ihren sechs Werken in Deutschland und Polen her. Das entspricht täglich rund 50 randvoll bepackten Lastkraftwagen.

Doch nicht nur die Europäer essen gerne Kekse: Auch und gerade die US-Amerikaner greifen bei diesen Süßwaren genüsslich zu - insbesondere, wenn sie "made in Germany" sind. Deshalb sind die USA nach Europa auch der wichtigste Auslandsmarkt für die Branche.

Ein Leibniz-Butterkeks des Bahlsen-Konzerns

Leidet unter den Sonderzöllen der USA: Der Kekshersteller Bahlsen.

Umsätze eingebrochen

Doch für Bahlsen und Co. läuft das Geschäft mit den Vereinigten Staaten derzeit eher mau. Denn die von Donald Trump verhängten Sonderzölle in Höhe von 25 Prozent treffen die Branche hart. Rund 30 Prozent beträgt der Umsatzeinbruch im USA-Geschäft im ersten Halbjahr 2020 - bitter für die ansonsten erfolgsverwöhnte Süßwarenbranche.

Auf das Jahr gerechnet dürfte das Minus zwar deutlich geringer ausfallen, weil auch Lebkuchen in die Kategorie fallen, auf die es keine Zölle gibt und von denen mehr verkauft wurden. Dennoch hätten die Strafzölle "jahrelange harte Arbeit zunichte gemacht", sagt Karsten Daum, zuständig für Außenhandelsfragen beim Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) in Bonn. Dadurch wurden die deutschen US-Exporte in diesem Bereich "auf den Stand vor zehn Jahren zurück katapultiert".

Viele Branchen leiden unter Sonderzöllen

Auch andere Branchen können ein Lied von Trumps Zöllen singen. Zwar gab es im gesamten deutsch-amerikanischen Handel trotz der Streitigkeiten während der vierjährigen Amtszeit keinen Einbruch - im Gegenteil, die deutschen Ausfuhren in die USA stiegen sogar um rund zehn Prozent, und das Land steht weiterhin an oberster Stelle der deutschen Exporteure. Doch Branchen, die es getroffen hat, spüren Trumps Nadelstiche deutlich. Dazu gehören neben den Herstellern von Keksen auch die von Käse, Wein und Butter sowie die Produzenten von Stahl und Aluminium.

Das weiß auch Frank Sportolari, Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, kurz AmCham. Und er weiß auch, wozu der Handelskrieg im deutsch-amerikanischen Wirtschaftsverhältnis noch geführt hat: zu großer Unruhe, Zurückhaltung und Unsicherheit. "In den Umfragen bei unseren Mitgliedern sagen die Unternehmen seit drei bis vier Jahren, es herrsche eine unberechenbare Atmosphäre", sagt Sportolari im Interview mit dem Hessischen Rundfunk. "Das sagt schon sehr viel aus." Denn diese Atmosphäre sei Gift für das transatlantische Verhältnis und belaste den Handel, der sich sonst deutlich stärker entwickelt hätte. 

Erfüllt Biden die hohen Erwartungen?

Mit dem Amtswechsel im Weißen Haus verknüpfen sich deshalb große Hoffnungen. Joe Biden kennt Deutschland und die Europäer gut und schätzt den alten Kontinent als verlässlichen Partner. Er weiß auch um die Bedeutung des Marktes von rund 450 Millionen Menschen in der EU. Doch Illusionen gibt sich auch der amerikanische Chef-Lobbyist im transatlantischen Handel nicht hin: "Die Demokraten sind nicht unbedingt bekannt dafür, die Partei des Freihandels zu sein", sagt AmCham-Chef Sportolari. Wenn es um die Interessen der amerikanischen Wirtschaft gehe, sei auch Biden ein harter Verhandlungspartner.

Tatsächlich stehen traditionell gerade die Demokraten eher für Protektionismus als für Freihandel, betont auch Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Sie neigen zu dem Narrativ, dass der amerikanische Arbeiter das Opfer der Globalisierung geworden sei" und deshalb beschützt werden müsse. Wie er gehen viele Beobachter davon aus, dass Biden keine Eile an den Tag legen werde, die von Trump verhängten Zölle wieder einzumotten. Der neue US-Präsident dürfte deutlich mehr auf die Gewerkschaften im Land hören als seine Vorgänger. Und die halten Schutzzölle zur Absicherung von Arbeitsplätzen für notwendig. "Biden wird einen verbindlicheren Ton anschlagen und nicht so erratisch vorgehen," sagt Chefvolkswirt Krämer, am Inhalt werde sich aber nicht viel ändern.

Corona wird wohl andere Prioritäten erzwingen

Das sieht man auch beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) so und verweist auf ganz pragmatische Umstände: Biden werde zumindest am Anfang keine hohe Priorität auf den Handel legen, heißt es in einem Positionspapier, "weil zunächst unmittelbare Maßnahmen für die heimische Wirtschaft im Fokus stehen werden". Die Coronavirus-Krise hat der US-Wirtschaft schwer geschadet und rund 45 Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Im Zuge der Erholung im Sommer wurde davon nicht einmal die Hälfte ersetzt. Für den Neuen im Weißen Haus ist die erste Priorität also erst einmal, die Wirtschaft wieder ans Laufen zu bringen.

Wenig Hoffnung kann sich die deutsche Wirtschaft auch auf eine schnelle Wiederbelebung der Gespräche über ein transatlantisches Handelsabkommen machen. Biden war als Vizepräsident von Obama maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt. Ihm ist nur zu bewusst, dass TTIP vor allem wegen des Widerstands der Deutschen nicht zustande kam. Die Ablehnung bezog sich dabei nicht nur auf gechlorte Hühnchen, sondern war deutlich substantieller. Entsprechend gering dürfte Bidens Interesse an einer Neuauflage der Verhandlungen sein - zumal für ihn derzeit auch die Klimadebatte einen höheren Stellenwert hat. Handelsabkommen der US-Demokraten dürften daher eher unter der Prämisse stehen, höhere Umwelt- und Arbeitsschutz-Standards zu verwirklichen, als Zölle abzubauen.

So machen sich auch Deutschlands Kekshersteller wenig Hoffnungen auf eine baldige Belebung des US-Geschäftes. Man glaube schon, der neue US-Präsident werde das Blatt "in Sachen transatlantischer Gesprächkultur zum Besseren wenden", sagt auch Süßwaren-Fachmann Daum. Doch bei der Handelspolitik werde auch der neue Präsident nicht zimperlich sein und "klare Kante zeigen".

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Januar 2021 um 06:37 Uhr.