London, Skyline des Finanzzentrums Canary Wharf | picture alliance / empics

Finanzmärkte nach Truss-Rücktritt Vertrauen muss wieder aufgebaut werden

Stand: 21.10.2022 12:57 Uhr

Investoren warten nach den heftigen Marktturbulenzen der vergangenen Wochen nun ab, wie es in Großbritannien weitergeht. Die schlechte wirtschaftliche Lage des Landes sorgt weiter für Unsicherheit

Von Bianca von der Au, tagesschau.de.

Insgesamt ist nach dem Rücktritt der britischen Premierministerin Liz Truss die Reaktion an den Finanzmärkten "fairly muted" geblieben - also ziemlich stumm geschaltet, so drückt es ein britischer Analyst aus. Anleger und Investorinnen warten nun erstmal ab, was als nächstes kommt.

An den Finanzmärkten hatten diese knapp sechs Wochen Truss-Regierung für ein wildes Auf und Ab gesorgt. Wie etwa der Blick auf die Kurstafel des Index der 100 größten börsennotierten Unternehmen in Großbritannien zeigt, der gestern leicht im Plus geschlossen hat. Der FTSE 100 lief seit Amtsantritt von Truss Anfang September in einem Zick-Zack-Kurs nach unten, während die Renditen für britische Staatsanleihen stiegen und das Pfund zusehends an Wert verlor.

Das Pfund könnte weiter stark schwanken

Selbst langjährige Börsenprofis der City of London haben so etwas noch nicht erlebt, wie CMC-Markets Chef-Analyst Michael Hewson gegenüber der BBC berichtet: "Die Ereignisse der vergangenen zwei, drei Wochen - ich verliere schon das Zeitgefühl - waren sehr außergewöhnlich. Und kurz nach der Ankündigung der Premierministerin, zurückzutreten, sehen wir schon eine positive Reaktion im Anleihemarkt und eine positive Reaktion beim Pfund."

Das Pfund legte kurz nach Truss Ankündigung gegenüber dem US-Dollar wieder zu und kletterte zeitweise auf über 1,13 Dollar, um dann aber wieder auf 1,11 Dollar zu fallen. Heute zu Handelsbeginn ging es für die britische Währung wieder auf 1,14 Dollar. So volatil könnte es weitergehen, glauben Devisen-Experten wie etwa Sonja Marten von der DZ-Bank, denn die grundsätzliche Unsicherheit angesichts eines drohenden Wirtschaftsabschwungs in Großbritannien bleibt.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank erklärt die Marktturbulenzen der vergangenen Wochen gegenüber tagesschau.de so: "Das sagt uns, dass die internationalen Anleger, die Menschen an den Finanzmärkten, das Vertrauen in Großbritannien ein bisschen verloren haben. Dieses Vertrauen war ja schon durch den Brexit angeknackst, eine Entscheidung, die man außerhalb Großbritanninens oftmals nicht nachvollziehen konnte und die auch wirtschaftlich für das Land schlecht ist."

Steuern eher erhöhen als senken?

In dieser Lage wollte die Truss-Regierung Wachstum auf Pump ankurbeln, zugleich die Steuern für Unternehmen im großen Stil senken - und das Ganze durch Schulden gegenfinanzieren. Die Reaktion der Finanzmärkte fiel eindeutig aus, Anleger flohen aus britischen Staatsanleihen, entsprechend mehr musste der Staat zahlen, um sich zu verschulden. Die Bank of England griff ein und kaufte die Schuldenpapiere auf.

Mit dem Rücktritt von Truss sind die Pläne erstmal vom Tisch. Die Regierung müsse nun erstmal für Vertrauen sorgen, sagt Martin Lück, Kapitalmarktstratege beim Vermögensverwalter Blackrock. "Und dieses Vertrauen gewinnt sie am besten dann zurück, wenn sie ein solides Budget, einen soliden Haushalt vorlegt, der solide durchfinanziert ist." Der Nachfolger oder die Nachfolgerin in der Downing Street müsse deswegen eher daran denken, die Steuern zu erhöhen als sie zu senken.

Mehr dazu wird am 31. Oktober bekannt werden - dann nämlich wird Großbritanniens Finanzminister Jeremy Hunt seine finanzpolitischen Pläne vorstellen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Oktober 2022 um 12:00 Uhr.