Folgen der Brexit-Abstimmung | picture-alliance/dpa

Geplanter Freihandel mit USA Großbritannien hebt EU-Sonderzölle auf

Stand: 09.12.2020 18:23 Uhr

Um ein Freihandelsabkommen mit den USA voranzutreiben, hebt Großbritannien EU-Sonderzölle auf US-Produkte auf. Denn das Abkommen mit den USA ist wichtig für die Unabhängigkeit der Briten.

Damit Großbritannien ein Freihandelsabkommen mit den USA aushandeln kann, hat London von der EU verhängte Sonderzölle auf US-Produkte aufgehoben. Dieser Schritt zeige, dass es dem Vereinigten Königreich ernst sei, ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten zu erzielen, teilte die britische Regierung mit. "Wir wollen diesen Konflikt deeskalieren und zu einer Verhandlungslösung kommen, damit wir unsere Handelsbeziehungen mit den USA vertiefen und einen Schlussstrich ziehen können", sagte die Ministerin für internationalen Handel, Liz Truss. Die Aufhebung soll vom 1. Januar 2021 an gelten.

Unabhängig werden von der EU

Für Großbritannien wäre ein Freihandelsabkommen mit den USA angesichts des Brexits äußerst wichtig. Ansonsten fielen für den bilateralen Handel die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) an, die teils hohe Zölle vorsehen. Als unabhängige Handelsnation habe Großbritannien laut Truss wieder die Fähigkeit, Zölle den eigenen ökonomischen Interessen gemäß zu gestalten und damit der britischen Wirtschaft zu nützen. Die Gespräche laufen noch.

Das Ziel Großbritanniens ist klar: Nach dem EU-Austritt möchte man unabhängiger von der Europäischen Union werden. "Die schiere Größe der EU legt nahe, dass sie bei künftigen Verhandlungen die Oberhand über eine Handelsmacht mittlerer Größe wie Großbritannien behalten wird", stellt Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei der Berenberg Bank, fest.

London | picture alliance / Photoshot

London von oben: Handelsmacht mittlerer Größe Bild: picture alliance / Photoshot

Für die britische Wirtschaft ist die EU der bei weitem der wichtigste Handelspartner. Laut Berechnungen des Ifo-Instituts wickelte Großbritannien im vergangenen Jahr 50 Prozent seiner Importe und 47 Prozent seiner Exporte mit den EU-Staaten ab. Im September hatte Truss gesagt, dass man sich bei den Handelsbeziehungen künftig stärker auf Regionen und Länder konzentrieren werde, die schneller wachsen würden.

Boeing, Airbus, Whiskey

Die Regierung in London behalte sich das Recht vor, die Sonderzölle wieder einzuführen, falls es keine Fortschritte bei den Verhandlungen mit den USA gebe, teilt das Handelsministerium weiter mit. Außerdem blieben die Zölle in Kraft, die die EU als Reaktion auf US-Sonderabgaben auf Stahl- und Aluminiumimporte verhängt hatte.

Von den EU-Sonderzöllen im Fall Boeing betroffen sind unter anderem US-Exporte von Nahrungs- und Genussmitteln wie Tomatenketchup, Nüsse, Rum und Wodka, aber auch Videospiel-Konsolen, Traktoren, Schaufellader und Flugzeuge.

Die EU hatte die von der Welthandelsorganisation WTO genehmigten Sonderabgaben wegen unerlaubter Subventionen für den US-Flugzeugbauer Boeing erhoben. Zuvor hatten die USA ihrerseits wegen unerlaubter Subventionen für den europäischen Flugzeugbauer Airbus Sonderzölle erhoben, unter anderem auf schottischen Whisky. Die Whisky-Exporte in die USA brachen daraufhin um 30 Prozent ein.

"Wir arbeiten daran"

Auch mit der EU laufen noch immer die Verhandlungen über ein Handelsabkommen. Aktuell sieht es danach aus, als seien die Gespräche festgefahren. "Es gibt nach wie vor die Chance eines Abkommens, wir arbeiten weiter daran", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel heute im Bundestag. Die EU sei aber bei nicht zu akzeptierenden Bedingungen von britischer Seite auch darauf vorbereitet, einen "Weg ohne Austrittsabkommen" zu gehen.  

Angela Merkel | picture alliance/Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel Bild: picture alliance/Michael Kappeler/dpa-pool/dpa

In den Beziehungen zur EU würden dann ebenfalls die WTO-Regeln gelten. "Dies käme einem Schlag ins Kontor für die britische Wirtschaft gleich", meint  Dirk Steffen, Leiter der Abteilung Kapitalmarktstrategie bei der Deutschen Bank. Der Schock wäre aber wohl nur von vergleichsweise kurzer Dauer, so der Fachmann. Die zu erwartende Abwertung des Pfund Sterling käme den exportorientieren Unternehmen in Großbritannien entgegen.

ts

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. Dezember 2020 um 13:30 Uhr.