Leere Regale in einem englischen Supermarkt | picture alliance/dpa/PA Wire

Leere Supermarktregale "Pingdemic" hat Großbritannien im Griff

Stand: 22.07.2021 16:05 Uhr

In Großbritannien werden immer mehr Menschen von der offiziellen Corona-App in Pflichtquarantäne geschickt. "Pingdemic" heißt das Phänomen, dass für volle Mülltonnen und leere Supermarktregale sorgt.

Die hohe Zahl an Menschen in coronabedingter Quarantäne stellt Großbritannien derzeit vor echte Probleme. Mehreren Supermärkten fehle es an Personal, um ihre Regale zu befüllen, berichten britische Medien. In den sozialen Netzwerken kursieren bereits Fotos von leeren Regalen. In manchen Orten fällt der BBC zufolge außerdem die Leerung der Mülltonnen aus. Auch die Polizei warnt vor längeren Wartezeiten, da viele Kräfte ausfallen.

Schätzungen zufolge sollen sich derzeit rund 1,7 Millionen Briten für zehn Tage selbst isolieren, da sie entweder an Covid-19 erkrankt sind oder als enge Kontakte von Infizierten "gepingt", also benachrichtigt wurden.

NHS-Covid-APP auf einem Smartphonedisplay | picture alliance / NurPhoto

Die Corona-App des britischen Gesundheitsdienstes NHS verschickt automatische Nachrichten an Covid-Gefährdete. Bild: picture alliance / NurPhoto

Sorgen quer durch alle Branchen

Der britische Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng äußerte sich besorgt: Er wisse, dass es Engpässe gebe. Gegenüber der BBC unterstrich er aber, dass man die Vorfälle nicht verallgemeinern könne: "Ich möchte nicht, dass die Menschen den Eindruck bekommen, dass jedes Regal in jedem Supermarkt leer ist. Das ist nicht der Fall", sagte Kwarteng. Man beobachte die Lage.          

Dem Wirtschaftsverband British Retail Consortium ist das zu wenig: Die Regierung müsse schnell handeln, denn es werde immer schwieriger, die Öffnungszeiten einzuhalten und die Regale aufzufüllen. Auch die Fleischindustrie beklagt die schwierige Situation. Die britischen Nahrungsmittelzulieferer seien am Rande des Versagens, es bestünde ein kritischer Engpass an Arbeitern, teilte ein Verband mit.

Auch andere sind betroffen: Der Ölkonzern BP hat einem BBC-Bericht zufolge in Großbritannien vereinzelt Tankstellen vorübergehend geschlossen, da wegen eines Mangels an Lastwagenfahrern der Kraftstoff knapp geworden ist. Man habe eine "Handvoll" Filialen schließen müssen, aber die meisten hätten innerhalb eines Tages ihren Betrieb wieder aufnehmen können. Außerdem sei die Lieferkette dadurch belastet, dass etliche Mitarbeiter wegen Kontakten zu Corona-Infizierten in Quarantäne bleiben müssten.

Die Fallzahlen steigen

Die "Pingdemic", wie das Phänomen von britischen Medien bezeichnet wird, hat in Großbritannien eine Debatte darüber ausgelöst, ob vollständig Geimpfte der Pflichtquarantäne entgehen können und sich stattdessen täglich testen dürfen. Ab Mitte August soll diese Regelung gelten.

Bislang gelten Ausnahmen jedoch nur für Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Pilotprojektes oder etwa für Beschäftigte des Gesundheitsdienstes. Viele Branchen, darunter das British Retail Consortium sowie die Fleischindustrie, fordern weitere Ausnahmen für ihre Beschäftigten.      

Regierungsangaben zufolge sind in Großbritannien 69,1 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zweifach geimpft. Gleichwohl lässt die Delta-Variante die Corona-Zahlen trotz hoher Impfquote im Vereinigten Königreich weiter steigen. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 472,3 (Stand:21. Juli). In der Woche vom 15. bis zum 21. Juli haben sich dort rund 334.000 Menschen infiziert, ein Plus von knapp 36 Prozent zur Vorwoche.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Juli 2021 um 15:00 Uhr.