Erntehelfer sortieren Radieschen in der Grafschaft Norfolk. | picture alliance / empics

Nach dem Brexit Personalnot der Briten spitzt sich zu

Stand: 14.09.2021 15:28 Uhr

Ob bei der Ernte, in der Pflege oder hinter dem Lkw-Lenkrad - nach dem Brexit wächst in Großbritannien der Mangel an Arbeitskräften. Inzwischen gibt es mehr als eine Million unbesetzte Stellen.

Von Gabi Biesinger, London

Bis Oktober herrscht noch Hochbetrieb bei der Ernte in der britischen Landwirtschaft. Doch Ally Capper, Besitzerin der Stocks Farm in Herefordshire guckt sehr deprimiert auf die Saison zurück. Bis zu einem Drittel zu wenig Arbeitskräfte gebe es in Branche, auch bei ihr auf dem Bauernhof seien die Früchte verrottet, erklärte sie in der BBC - und zwar wegen des Personalmangels.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

"Wir haben in der Gegend per Anzeige 73 Erntehelfer gesucht, wir hatten neun Bewerbungen, davon war dann nur noch eine Frau verfügbar, die dann auch einen anderen Job bekam", so die Landwirtin. "Wir haben keine einzige britische Arbeitskraft einstellen können. Durch Vermittler haben wir jetzt Polen, Rumänen, Bulgaren, Russen, Ukrainer, sehr freundliche, hart arbeitende Saisonkräfte, nicht so viele, wie wir wollten, aber wir werden mit der Ernte fertig."  

      

Zehntausende Visa reichen nicht

Insgesamt 30.000 Visa stellt die britische Regierung weiter für ausländische Helfer im Erntesektor zur Verfügung. Doch das sei viel zu wenig, beklagt Ally Capper. "British jobs for british people" - die eigenen Arbeitskräfte in den eigenen Arbeitsmarkt zu holen oder zurückzuholen, das war eine Forderung, die in der Debatte vor dem Brexit-Referendum auch immer eine wichtige Rolle spielte. Doch die Post-Brexit, Post-Corona-Wirklichkeit sieht anders aus.

Diese Erfahrung macht auch Daniel Brown, der einen Wäscheservice für Londoner Hotels betreibt. 60 Kunden habe er früher gehabt, nun habe er einigen kündigen müssen. Ihm fehlen 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und es liegt nicht an schlechter Bezahlung. Der durchschnittliche Wochenverdienst legte von Mai bis Juli um mehr als acht Prozent zum Vorjahreszeitraum zu.  

Zahl der Erwerbstätigen auf Vorkrisenniveau

"Es gelingt uns nicht, Beschäftigte zu finden", sagt Brown. "Es gibt schlicht keine Interessenten wegen des Brexit. Eine Zimmerreinigungskraft im Hotel bekam gewöhnlich neun Pfund in der Stunde. Inzwischen werden 15 Pfund die Stunde geboten und man findet trotzdem niemanden."    

Die wirtschaftliche Erholung schreitet in Großbritannien schneller voran als etwa in Deutschland. Das bedeutet gleichzeitig eine Rekordlücke an offenen Stellen: Mehr als eine Million Arbeitskräfte wurden in den vergangenen drei Monaten dringend gesucht. Die Zahl der Erwerbstätigen in Großbritannien liegt nach einem Rekordanstieg im August wieder über dem Vor-Corona-Niveau. Sie stieg nach Angaben des britischen Statistikamtes ONS im August um 241.000 zum Vormonat auf 29,1 Millionen. Die Arbeitslosenquote sank auf 4,6 Prozent. Experten zufolge trägt der Mangel an Arbeitskräften auch zu einem schnelleren Lohnwachstum bei.

"Einwanderungspolitik unter ideologischen Gesichtspunkten"

Drängend ist nach dem Brexit und wegen der Corona-Krise etwa der Mangel an Lkw-Fahrern, in vielen Branchen kommt es derzeit zu Lieferengpässen. 100.000 zusätzliche Fahrer würden gebraucht, rechnete der Branchenverband Road Haulage Association vor. Ändere sich das nicht, könnten die Preise steigen und die Inflation anheizen. Beschleunigte Zulassungsverfahren für Fahrer sollen nun Abhilfe schaffen. Aber die Logistikbranche hält das für nicht ausreichend und fordert auch Sondervisa für ausländische Arbeitskräfte, wie bei den Erntehelfern.

Landwirtin Ally Capper ist angesichts des Arbeitskräftemangels in vielen Bereichen ernüchtert. Denn aus ihrer Sicht wurde ein an vielen Stellen gut funktionierender wirtschaftlicher Kreislauf ohne guten Grund geopfert. In jeder Gesellschaft gebe es Jobs etwa in Hotels, in Wäschereien oder in der Pflege, "die nicht für jeden etwas sind, dabei sind sie nicht mal notwendigerweise schlecht bezahlt", sagt sie. "Bisher hatten wir eine Win-Win Situation, weil wir Menschen aus anderen Ländern geholt haben, die sich mit diesem Geld dann in der Heimat ihr Haus gebaut haben, die Ausbildung ihrer Kinder sichergestellt haben. Wir haben das als Nation immer so gehalten, aber inzwischen findet Einwanderungspolitik nur noch unter ideologischen Gesichtspunkten statt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 17:14 Uhr.