Gazprom-Zentrale in Moskau | picture alliance / dpa
Hintergrund

Russischer Energie-Lieferant Die Macht des Gazprom-Konzerns

Stand: 15.02.2022 08:16 Uhr

Mit seinen weltgrößten Reserven dominiert Gazprom Europas Gasmarkt. Der russische Konzern verdient Milliarden - nicht nur mit Energie, auch mit Finanzgeschäften und Medien. Selbst im Fußball mischt das Unternehmen mit.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Wie mächtig ist Gazprom? Das fragen sich viele deutsche Verbraucher, die mit Gas heizen, angesichts des russischen Truppenaufmarsches an der Grenze zur Ukraine. Wenn wegen neuer Sanktionen Russland den Europäern den Gashahn abdreht, könnte es zu empfindlichen Engpässen auf dem Energiemarkt kommen, so die Befürchtungen - mit direkten Folgen für die Haushalte.

Denn der Gazprom-Konzern sitzt auf den größten Erdgasreserven der Welt und kontrolliert den deutschen Gasmarkt. Täglich liefert der russische Weltmarktführer gut 272 Millionen Kubikmeter nach Deutschland. Und sollte die neue Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 in Betrieb gehen, dürfte es noch mehr werden.

Mehrere Gasspeicher und Fernleitungsnetze

Alleine in Deutschland betreibt Gazprom mehrere Gasspeicher. Der größte davon befindet sich im niedersächsischen Rheden, den der russische Konzern 2015 der BASF-Tochter Wintershall Dea abkaufte. Er wird von der Tochterfirma Astora betrieben. An drei weiteren Gasspeichern ist Gazprom beteiligt - an den Standorten Etzel und Jemgum in Ostfriesland sowie in Haidach bei Salzburg.

Durch die Jamal-Pipeline fließt russisches Gas nach Deutschland, Nord Stream 1 ist in Betrieb, Nord Stream 2 nicht. Die South Stream-Pipeline kam nie zustande. Die Erdgasspeicher in Rehden, Haidach, Jemgum und Etzel betreibt Gazprom teils in Kooperation mit europäischen Konzernen.

Durch die Jamal-Pipeline fließt russisches Gas nach Deutschland, Nord Stream 1 ist in Betrieb, Nord Stream 2 nicht. Die South Stream-Pipeline kam nie zustande. Die Erdgasspeicher in Rehden, Haidach, Jemgum und Etzel betreibt Gazprom teils in Kooperation mit europäischen Konzernen.

Auch die Netze befinden sich teilweise in russischer Hand. Gazprom ist zusammen mit Wintershall Dea an vier Fernleitungsnetzen beteiligt. Das wichtigste Joint-Venture ist die Nord Stream AG mit Sitz im schweizerischen Zug, die die Pipelines Nord Stream 1 und 2 betreibt. Gazprom hält 51 Prozent Anteile an der Nord Stream AG. Den Rest teilen sich Wintershall Dea, die zu E.ON gehörende PEG Infrastruktur (je 15,5 Prozent) sowie die niederländische N.V. Nederlandse Gasunie und der französische Versorger Egie (je 9 Prozent).

Aktuell verfügt Gazprom über Pipelines mit einer Länge von über 170.000 Kilometern. Über sie versorgen die Russen insgesamt 30 Länder mit Erdgas.

Wingas als zentrale Vertriebsgesellschaft

Den knapp gewordenen Rohstoff fördert Gazprom nicht nur in Russland. Auch in den Niederlanden nutzt der Konzern Erdgas - zusammen mit Wintershall Dea. Die deutsche BASF-Tochter ist zum wichtigsten Partner der Russen geworden. Das 2015 gemeinsam gegründete Unternehmen Wingas gehört inzwischen zu 100 Prozent Gazprom. "Wingas dient Gazprom als zentrale Vertriebsgesellschaft in Europa und hat eine wesentliche Bedeutung", sagt Heiko Lohmann, Mitarbeiter beim Energiefachdienst Energate.

Weltweit wurden 2021 fast 515 Milliarden Kubikmeter Gas gefördert. Das waren fast 14 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Gazprom-Chef Alexej Miller spricht vom besten Jahr seit 2013. Er rechnet mit dem besten Finanzergebnis der Geschichte. Laut Gazprom sind 60 Prozent der Exportmengen an die Gaspreise an den Spotmärkten gekoppelt.

Ex-Stasi-Offizier als Chef der Pipeline-Gesellschaft

Zu den wichtigsten Absatzmärkten zählt Deutschland. Dorthin wurden 2021 über zehn Prozent mehr Erdgas verkauft. Das Deutschland-Geschäft steuert die Tochter Gazprom Germania. Chef (CEO) der Nord Stream 2 AG ist Matthias Warnig. Der ehemalige hochrangige Stasi-Offizier gilt als alter Freund des russischen Präsidenten Wladimir Putin. In der Öffentlichkeit tritt Warnig selten auf, bisweilen allenfalls im Stadion des Fußball-Zweitligisten Schalke 04. Der Manager sitzt im Aufsichtsrat von Schalke - schließlich ist Gazprom Sponsor des Ruhrpott-Klubs. Das lässt sich der Konzern gut 15 Millionen Euro im Jahr kosten.

Gazproms wichtigste Verbindung in die deutsche Politik dürfte über Gerhard Schröder und sein Netzwerk laufen. Der Alt-Kanzler der SPD ist Vorsitzender des Gesellschafterausschusses der Nord Stream AG und Präsident des Verwaltungsrats bei der Nord Stream AG. Bald dürfte Schröder auch im Aufsichtsrat des Gazprom-Konzerns sitzen. Er soll ab Ende Juni Timur Kulibajew, einen Schwiegersohn des ehemaligen kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew, ersetzen.

Aufsichtsrat als verlängerter Arm des Kremls

Großen Einfluss wird Schröder dort kaum ausüben. "Die unabhängigen Mitglieder des Aufsichtsrats erfüllen eine rein dekorative Funktion", sagt der Russland-Experte Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin gegenüber tagesschau.de. "Der Gazprom-Aufsichtsrat setzt die Entscheidungen des Kremls um. Er wird von Mitgliedern der russischen Regierung und Gazprom-Managern dominiert."

Die eigentlichen strategischen Entscheidungen werden in Moskau gefällt - von Präsident Putin. Entscheidend für das Management von Gazprom "ist nicht der Aufsichtsrat, sondern die Termine beim russischen Präsidenten", sagt Experte Kluge. Schließlich besitzt der russische Staat die Mehrheit an Gazprom mit 50 Prozent Anteilen plus einer Aktie. Putin bestimmt mit, wie viel Gas der Konzern ins Ausland liefert.

Seine ausführende Hand ist Gazprom-Chef Alexej Miller. Der 60-Jährige, der als enger Vertrauter Putins gilt, führt seit gut 20 Jahren den Gazprom-Konzern. Er hat ihn von einem reinen Gasförderer zu einem Konglomerat umgebaut.

Alexej Miller | picture alliance/dpa/TASS

Gilt als Vertrauter des russischen Präsidenten: Alexej Miller Bild: picture alliance/dpa/TASS

Milliardenerlöse mit Sendern und Banken

Längst verdient Gazprom nicht mehr sein gesamtes Geld mit Erdgas. Um weniger abhängig zu sein von den schwankenden Rohstoffpreisen, mischt der Konzern inzwischen auch im Medien- und Finanzgeschäft mit. Gazprom Media besitzt neun landesweite Fernsehkanäle, 29 Spartenkanäle, zehn Radiosender und zwei Verlage. Das Mediengeschäft von Gazprom erwirtschaftet gut 1,2 Milliarden Euro.

Seit 1990 hat Gazprom auch seine eigene Bank: die Gazprombank. Sie verfügt über ein Privatkunden- und Firmenkundengeschäft, eine Investmentbanking -Sparte sowie Abteilungen für Devisen- und Rohstoffhandel.

Enge Grenzen in der Konzernpolitik

Doch Miller dürfte in den unternehmerischen Entscheidungen der Konzernspitze alles andere als frei sein. Als Russland den Putin-kritischen Fernsehsender NTW zwangsverstaatlichte, musste Gazprom Media ihn eingliedern. Und im heimischen russischen Erdgasmarkt sind Gazprom bei der Preisgestaltung enge Grenzen gesetzt.

Dass der Kreml die Konzernpolitik maßgeblich bestimmt, hat auch historische Gründe. Gazprom war einst ein reiner Staatskonzern. Er ging 1989 aus der Abteilung des Ministeriums für Gasförder- und Gastransportindustrie der Sowjetunion hervor.

Entscheidungen gegen kommerzielle Logik

Gazprom sei auch heute kein rein wirtschaftlich getriebenes Unternehmen, das nach Gewinnmaximierung strebe, sagt der Energie-Experte Michail Krutichin von der Moskauer Agentur RusEnergy. Es gebe auch ein zweites politisches Gazprom, das sich mitunter zu Lasten von kommerziellen Interessen verhalte. So hätte der Konzern Schätzungen zufolge 2021 mindestens ein Drittel mehr Erdgas nach Europa liefern können, tat dies aber nicht aus politischen Gründen.

Zwar ist Gazprom seit einigen Jahren an der Börse. Doch das Interesse der Großinvestoren für die Aktie ist inzwischen deutlich abgekühlt. Seit 2008 hat sich der Kurs mehr als halbiert. Zuletzt machte die Aktie aber wieder Boden gut. 2021 gewann der Titel fast 70 Prozent.

Eine erste Version dieses Artikels haben wir korrigiert - und klargestellt, dass Matthias Warnig Chef (CEO) der Nord Stream 2 AG ist, nicht von Gazprom Germania.

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Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk Nova am 17. Januar 2022 um 22:03 Uhr und Deutschlandfunk Kultur am 02. Februar 2022 um 12:51 Uhr.