Blick auf die Kühlanlagen und die Gasverdichter des Untergrund-Gasspeichers der VNG AG. | dpa

Forscher zum Gasmangel Risiko einer Gaslücke gesunken

Stand: 28.06.2022 13:38 Uhr

Die Gefahr einer Lücke bei der Gas-Versorgung ist nach Einschätzung führender Wirtschaftsforscher seit April deutlich gesunken - dank stärker gefüllter Speicher. Ein sofortiger Lieferstopp von russischem Gas hätte aber weiter massive Folgen.

Nach Einschätzung mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute ist die Wahrscheinlichkeit einer Versorgungslücke mit Gas in den vergangenen drei Monaten deutlich gesunken. Das ist das Ergebnis ihrer Simulationen zur weiteren Entwicklung der Versorgungslage. Die Konjunktur in Deutschland bleibe aber durch eine mangelnde Gasversorgung weiterhin bedroht, erklärten die Forscher.

Selbst bei ausbleibenden Lieferungen von russischem Gas wäre die Situation in Deutschland in den kommenden Monaten demnach weniger kritisch als noch im April. Der Hauptgrund für die relative Entspannung liegt in der Tatsache, dass die Gasspeicher in Deutschland inzwischen zu rund 60 Prozent gefüllt sind, im April waren es nur 30 Prozent.

Kein Engpass bei gedrosselten russischen Lieferungen

Auch in Szenarien, in denen die derzeit auf 40 Prozent gedrosselten russischen Lieferungen fortgesetzt werden, sehen die Forscher wenig Gefahr. "Dann droht auch bei ungünstigen Konstellationen kein Gasengpass für die Industrie", so die Institute in ihrer Analyse.

Zwar wären dann Ende 2023 die Gasspeicher nur noch zu 14,1 Prozent gefüllt, nach 60,6 Prozent im Dezember 2022. "Damit wäre die deutsche Wirtschaft im Jahr 2024 deutlich schlechter mit Gas versorgt", so die Institute. "Allerdings dürften dann auch weitere Lieferquellen in Reichweite kommen, die in der Simulation noch nicht berücksichtigt sind."

Bei Lieferstopp drohen Wachstumseinbußen

Anders sieht die Situation allerdings bei einem sofortigen Lieferstopp aus. Dann nämlich sei die Versorgung der Industrie gefährdet. Träte dieser Fall ein, dann ergebe sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent im kommenden Jahr eine Gaslücke von mindestens 23,8 Terawattstunden (TWh) - "im sehr unwahrscheinlichen schlechtesten Fall fehlen sogar fast 160 TWh".

Produktionsausfälle in den gasintensiven Industrien und ihren unmittelbaren Abnehmern würden zu einem Wertschöpfungsverlust von rund 46 Milliarden Euro führen, im schlimmsten Fall sogar von 283 Milliarden Euro. Das entspricht bis zu einem Zehntel der deutschen Wirtschaftsleistung des vergangenen Jahres.

Kosten an Verbraucher weitergeben

Die Wirtschaftsforscher von IfW, ifo, RWI und IWH fordern die Politik dazu auf, eine "Anpassung an den Energieschock" in Wirtschaft und Gesellschaft zu ermöglichen. Die gestiegenen Beschaffungskosten für Energieträger sollten zeitnah an die Verbraucher weitergegeben werden, "denn dann sinkt der Energieverbrauch, und die günstigeren Konstellationen der Gasverfügbarkeit werden wahrscheinlicher." Statt staatlicher Prämien für Energiesparen sollten eher bedürftige Haushalte durch gezielte Transfers unterstützt werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. Juni 2022 um 13:03 Uhr.