Hochspannungskabel und Masten in Frankreich. | picture alliance / NurPhoto

Mögliche Engpässe im Winter Frankreich bangt um Stromversorgung

Stand: 02.09.2022 08:21 Uhr

Frankreich gewinnt normalerweise einen Großteil seines Stroms aus Kernkraft. Doch rund die Hälfte der Atomreaktoren steht still. Droht nun eine Rationierung der Energie?

Von Julia Borutta, ARD-Studio Paris

Alle Zeichen stehen auf Sparsamkeit. "Wir müssen damit anfangen, Energie zu sparen - überall, immer und sofort", sagt Wirtschaftsminister Bruno Le Maire - und nimmt seine Landleute in die Pflicht. "Jeder muss sich dafür verantwortlich fühlen, seinen Verbrauch zu drosseln." Denn sonst, so die große Befürchtung, wird Frankreich gezwungen sein, wertvolles Gas zu verstromen. "Es sind die vermeintlich kleinen Gesten: Etwa die Heizung runter regeln, zuhause, im Laden, in den Unternehmen, in der Verwaltung natürlich", so Le Maire.

Julia Borutta ARD-Studio Paris

Ein Drittel der Haushalte heizt mit Strom

Rund 35 Prozent der Haushalte in Frankreich heizen mit Strom. In Deutschland sind es nur rund fünf Prozent. Sinkt die Temperatur im Winter um nur ein Grad, braucht es die Leistungskraft von zweieinhalb Atomreaktoren, um den entsprechend steigenden Strombedarf zu decken. "Elektrosensibilität" nennen das die Fachleute - die Achillesferse des französischen Heizmodells. Zumal derzeit etwa die Hälfte aller 56 Kernreaktoren keinen Strom liefert. Aufwendige Wartungen und unvorhergesehen Korrosionsschäden sind die Hauptgründe dafür. 

Elektrizität ist also plötzlich Mangelware in Frankeich und muss teuer eingekauft werden. Kostete die Megawattstunde am Großmarkt vor einem Jahr noch rund 85 Euro - wurde sie am 30. August für ein historisches Hoch von über 1000 Euro gehandelt. Auch die leistungsstarken Wasserkraftwerke, die in Frankreich normalerweise rund 20 Prozent der Stromproduktion ausmachen, liefern in diesem Jahr aufgrund der Hitze und des geringen Niederschlags deutlich weniger Strom. Der Wirtschaftsminister warnt: "Die Sparsamkeit muss die erste Etappe sein, bevor wir anfangen, über Rationierung von Energie für die Wirtschaft zu sprechen - von solch schwierigen und brutalen Maßnahmen."

Vertrieben aus dem "Stromparadies"

Das gefürchtete Wort Rationierung hatte kürzlich erstmals Premierministerin Elisabeth Borne bei einer Rede vor dem Arbeitgeberverband in den Mund genommen: "Jedes Unternehmen muss aktiv werden und noch im September seinen eigenen Energie-Sparplan vorlegen", mahnte Borne an. "Wenn die Unternehmen sich nicht verantwortungsbewusst zeigen, werden wir im Winter gezwungen sein, einen geringeren Verbrauch vorzuschreiben. Und wenn wir rationieren müssen, wären die Unternehmen als erste betroffen."

Auch Privathaushalte könnten in letzter Konsequenz betroffen sein - die Premierministerin schließt nicht aus, dass die Verbraucher zur Not zwei Stunden am Tag auf den Strom aus der Steckdose verzichten müssen. Strom als wertvolles Gut, wo er doch bislang in Frankreich immer vergleichsweise günstig war. "Historisch gesehen ist Frankreich ein Stromparadies", sagt Patrice Geoffron, Professor für Wirtschaft an der Universität Dauphine PSL in Paris. "Das hat dazu geführt, dass private Verbraucher und auch mittelständische Unternehmen nicht gerade vorbildlich mit der Elektrizität umgegangen sind."

Sparen soll belohnt werden

Doch Stromspardruck über den Preis gibt es vorerst nicht. Die Regierung wird ihren Tarifschutzschild für private Haushalte auch in den kommenden Monaten aufrechterhalten. Dieser deckelt die Preissteigerung für Strom auf vier Prozent im Vergleich zu Oktober 2021. Das kostet den Staat rund 16 Milliarden Euro. Stattdessen ruft die Regierung die Energieversorger auf, Anreize zum Energiesparen zu schaffen, um Stromengpässe zu vermeiden. Das Prinzip: Wer seine Waschmaschine über Nacht laufen lässt, zahlt weniger.

Außerdem sollen die erneuerbaren Energien schneller ausgebaut werden. Und in Zukunft wird Algerien seine Gaslieferungen nach Frankreich drastisch steigern. Einen Blackout riskiert Frankreich also nicht, meint Energieprofessor Geoffron. "Man organisiert den Mangel, aber es wird keine ungeplanten Stromausfälle geben. Trotzdem eine schwierige Situation, die einigermaßen traumatisch für die Franzosen wird." Traumatisch - oder nützlich, um die "radikale Entwicklung" einzuleiten, die die Regierung angekündigt hat.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 02. September 2022 um 11:45 Uhr.