Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal in Thüringen | dpa

Existenzsorgen in der Wirtschaft Wie hohe Energiepreise die Firmen belasten

Stand: 13.03.2022 11:31 Uhr

Die explodierenden Energiepreise machen vielen Branchen in Deutschland zu schaffen. Für einen Teil der Firmen könnte das zu Existenzproblemen führen. Andere beschleunigen ihre Veränderungsprozesse.

Von Susanna Zdrzalek, WDR

Die Firma Kabel Premium Pulp & Paper in Hagen: 560 Mitarbeiter produzieren hier hochwertiges Papier für Illustrierte, Magazine und Schulbücher. Das Papier wird mit Dampf, Infrarotwärme und Heißluft getrocknet. Ohne Erdgas läuft hier nichts. Mehr als 500 Millionen Kilowattstunden Strom verbrauche die Firma pro Jahr, sagt Martin Schröder, der bei dem Papierhersteller für den Bereich Energiewirtschaft zuständig ist. Das ist etwa so viel wie alle Privathaushalte einer 500.000-Einwohner-Stadt. Und so wie die Privathaushalte muss auch Schröder nun viel mehr Geld für diesen Strom ausgeben.

Susanna Zdrzalek

Unternehmen muss Preise an Kunden weitergeben

Es habe Tage gegeben in den vergangenen Wochen, an denen sich der Energiepreis sprunghaft um bis zu 50 Prozent erhöht habe. "Wir erleben hier gerade so eine Art kleine Weimarer Republik", sagt Schröder. Die gestiegenen Energiekosten muss das Unternehmen über den Papierpreis an seine Kunden weiterreichen. Die andere Option wäre, gar nicht mehr zu produzieren. Bislang würden die Kunden das mitmachen. Ob das so bleibt, weiß Schröder aber nicht.

In skandinavischen Ländern wie Finnland würden Papierhersteller ihre Maschinen mit Strom aus Kernkraft oder Wasserkraft versorgen; dadurch hätten sie deutlich niedrigere Energiekosten und könnten günstiger produzieren. In diesen Ländern habe man sich frühzeitig darum gekümmert, in Energiefragen autark zu werden. Anders als Deutschland, das stark vom Import von Kohle, Öl und Erdgas abhängig sei, so Schröder.

Chemie-Branche besorgt wegen Preissteigerungen

Auch die chemische Industrie zählt zu den sogenannten "energieintensiven Industriezweigen". Auch sie blicke mit Sorge auf die immer weiter steigenden Preisen, sagt Uwe Wäckers, stellvertretender Geschäftsführer vom Verband Chemischer Industrie NRW. In Nordrhein-Westfalen sitzen etwa 30 Prozent der Chemieunternehmen Deutschlands, darunter viele Mittelständler. Für ihre chemischen Produkte benötigen sie Kohlenstoff. Der wird aktuell noch überwiegend aus fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas oder Kohle gewonnen.

Damit die Produktion überhaupt läuft, brauchen die Firmen Energie aus Erdgas. "Wir sind auf eine stabile, sichere Energieversorgung angewiesen, und zwar 24 Stunden, rund um die Uhr, an jedem Tag im Jahr", sagt Wäckers. Anders als die Papierhersteller könnten die Chemiebetriebe ihre aktuellen Mehrkosten für Erdgas, Öl und Kohle aber nicht eins zu eins an die Abnehmer, wie etwa die Automobilindustrie, weitergeben, erklärt er. "Wenn wir Produkte nicht mehr zu einem bestimmten Preis produzieren können, aber jemand im Ausland kann das leisten, dann wird sich der Markt dorthin verschieben."

Prozess hin zu erneuerbaren Rohstoffen dauert noch

Wäckers ist davon überzeugt, dass aktuell und auch mittelfristig genügend fossile Rohstoffe nach Deutschland geliefert werden können. "Wenn aber die Chemiebranche einmal nicht mehr produzieren kann, weil es zum Beispiel nicht mehr ausreichend Energie gibt, könnte es zu einem Dominoeffekt kommen", glaubt er. Denn die Chemieunternehmen sind wichtige Lieferanten für nahezu sämtliche Industriebereiche.

Zwar hat sich die Branche auf den Weg gemacht hin zu erneuerbaren Rohstoffen. Bis dieser Prozess abgeschlossen ist, werden aber wohl noch viele Jahre vergehen. Wäckers könnte sich vorstellen, dass die aktuelle Situation nochmal Dynamik in diesen Umwandlungsprozess bringt. "Andererseits sind unsere Unternehmen auch schon mit Hochdruck dabei". Großkonzerne wie Bayer werden es seiner Ansicht nach ganz sicher durch die Energiekrise schaffen. "Nicht wenige Chemiefirmen haben aber kaum noch finanziellen Spielraum und stehen wirtschaftlich schon jetzt mit dem Rücken an der Wand." Aus seiner Sicht könnte es für den einen oder anderen mittelständischen Betrieb existenzbedrohend werden.

Backwaren verteuern sich um bis zu zehn Prozent

Auch Bäckereien treffen die teuren Energiepreise. Der Dortmunder Bäckermeister Stefan Mühlenbäumer benötigt Strom und Gas, um seine drei Öfen zu beheizen. Für den Strom zahlt er aktuell 2500 Euro im Monat, das sind 700 Euro mehr also noch im Dezember. Beim Gas rechnet er sogar mit einer Preiserhöhung von 50 Prozent. Um seine Bäckerei weiter betreiben und seine 14 Mitarbeiter bezahlen zu können, hat er seine Backwaren verteuert. Im Schnitt zahlen Kunden hier jetzt zehn Prozent mehr für Brot, Brötchen und Kuchen als noch im vergangenen Jahr.

Für Mühlenbäumer sind die aktuellen Preissteigerungen ein Anreiz, über Strom-Alternativen nachzudenken. Er möchte zeitnah eine Photovoltaikanlage auf das Dach seiner Bäckerei bauen lassen. "Angesichts der aktuellen Energiepreise würde sich so eine Investition viel schneller amortisieren, somit wird es für uns immer interessanter, das zu machen", so der Bäckermeister.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Radio MV am 11. März 2022 um 16:00 Uhr.