Abu Hasiras sitzt hinter seinem Fischstand in Gaza-Stadt. | Eva Lell/ARD-Studio Tel Aviv

Traditionsberuf in Gaza Fischfang unter widrigen Umständen

Stand: 09.08.2021 18:01 Uhr

Die Fischerei ist ein Traditionsberuf in Gaza und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Doch die Fischer im Palästinensergebiet leiden massiv unter den wirtschaftlichen Folgen der Spannungen mit Israel. 

Von Eva Lell, ARD-Studio Tel Aviv

Ein ganz normaler Vormittag im Hafen von Gaza-Stadt. Ali Moati ist in seinem Fischerboot unterwegs. "Wenn wir zum Fischen rausfahren, ist es wichtig, dass wir die Netze und Angeln dabei haben, Futter, um die Fische anzufüttern - und genügend Benzin oder Diesel", erzählt er. Zwei bis 24 Stunden sind die Fischer unterwegs. "Das Boot gehört meinem Vater, normalerweise fahren wir mit unseren Leuten und zehn Fischern raus", sagt Moati. 4000 Fischer gibt es noch im Gazastreifen. Vor 20 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viel. Bis zu 70.000 Menschen leben direkt oder indirekt von der Fischerei. Doch viele Fischer leben unterhalb der Armutsgrenze.

Ali Moati mit Sohn Abdel am Steuer seines Schiffes | Eva Lell/ARD-Studio Tel Aviv

Ali Moati mit Sohn Abdel am Steuer seines Schiffes. Bild: Eva Lell/ARD-Studio Tel Aviv

Angst vor Beschuss

Mit an Bord von Moatis Fischerboot ist auch Ziad Jarbua. Die Männer in seiner Familie sind seit Generationen Fischer, erzählt er. "Ich habe diesen Beruf von meinem Vater geerbt, der von seinem Vater." Jarbua fährt täglich raus, wenn es das Wetter zulässt - und wenn Israel die Fischereizone nicht sperrt. Das war zuletzt während der militärischen Auseinandersetzung zwischen radikalen Palästinensern im Gazastreifen und der israelischen Armee im Mai der Fall. Zurzeit beträgt die Fischereizone zwölf Seemeilen, also rund 22 Kilometer. Sobald es politische Spannungen gibt, wird die Fischereizone eingeschränkt - auf sechs oder neun Seemeilen.

"Wir haben viel Erfahrung, wir können die Entfernung mit den Augen einschätzen oder die Tiefe des Meeres messen. Heutzutage gibt es auch Technik, die hilft", sagt Jarbua. Seine Kollegen und er haben aber auch Angst, denn immer wieder werden Fischer, die die Zone verlassen, von der israelischen oder ägyptischen Armee beschossen. "Falls es einen technischen Defekt an Bord gibt, werden wir manchmal von der Strömung jenseits der erlaubten Zone getrieben", erzählt der Fischer. "Dann kommen israelische Patrouillenboote und können schießen."

Kein Strom, kein Eis

Die Angst ist immer mit dabei auf dem Boot, das bestätigt Hishem Bakkr. Er ist der Chef der Fischereigewerkschaft in Gaza-Stadt. "Die Fischer leiden sehr unter den Schwankungen der Fischereizone zwischen sechs, neun und zwölf Seemeilen", sagt Bakkr. "Die Kollegen sind unsicher und haben Angst vor den Israelis." Auch am Fang spüren die Fischer die Einschränkung der Zone. Bei zwölf Seemeilen fangen sie durchschnittlich fünf Tonnen am Tag; wenn die Zone halbiert ist, sind es nur eineinhalb Tonnen. Auch in Gaza merken sie, dass das Mittelmeer überfischt und belastet ist. "Die Umweltfaktoren spielen eine große Rolle", bestätigt Gewerkschafter Bakkr. "Früher gab es mehr Fische im Mittelmeer. Früher haben wir täglich 15 bis 20 Tonnen gefangen, heute gerade mal ein Viertel."

Seit der Auseinandersetzung im Mai haben die Fischer ein weiteres Problem - und zwar an Land. "Das hier ist die einzige Eisfabrik im Gazastreifen", demonstriert Bakkr in einer großen Halle und öffnet die Tür zu einem Kühlraum. "Wir beliefern alle Fischer im Gazastreifen mit Eis, damit sie an Bord ihren Fang kühlen können. Durch einen Raketenangriff auf ein Nachbarhaus ging unsere Solaranlage kaputt, die Fabrik steht jetzt zeitweise still." Die Fabrik kann ohne Solaranlage also nur den Strom nutzen, der allen in Gaza zu Verfügung steht. Regelmäßig wird der Strom für acht Stunden abgeschaltet, dann produziert die kleine Fabrik kein Eis; es muss dann teuer aus dem Ausland zugekauft werden.

Tyseer Abu Hasira | Eva Lell/ARD-Studio Tel Aviv

Die Lage für die Fischer in Gaza wird zunehmend schlechter, berichtet Tyseer Abu Hasira. Bild: Eva Lell/ARD-Studio Tel Aviv

Fisch als Luxusgut

An der Fischerei zeigt sich Gazas Situation: Viele Fischer sind arm, und viele Menschen in Gaza können sich den Fisch nicht leisten. Tyseer Abu Hasira ist Fischhändler in der Markthalle am Hafen von Gaza-Stadt. Er berichtet, dass die Lage nach und nach schlechter geworden sei. "Sogar die Angestellten und Händler, die Arbeit haben, sogar denen geht es nicht so gut", sagt er. Und auch für ihn bedeutet das, dass die Geschäfte schlecht gehen. "Wie Sie sehen, sind kaum Kunden da. Fisch ist sehr teuer für die Bevölkerung. Die Wirtschaftslage ist sehr schlecht, die Leute haben keine Kaufkraft." Die Durchschnittsbevölkerung kann sich höchstens Sardinen leisten. Andere Fische wie Doraden, Hai oder Rochen sind den Wohlhabenden vorbehalten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2021 um 05:14 Uhr.