Ein Kran bringt im Hafen von Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien Autos von einem Containerschiff an Land. | dpa

Exportgeschäft Deutsche Firmen noch abhängiger von den USA

Stand: 21.10.2021 14:31 Uhr

Die Konjunktur in China kühlt sich ab, gleichzeitig wird der US-Markt wichtiger für die deutschen Exporteure. Doch bei hoher Inflation schwächt sich die Wirtschaft auch dort ab.

Von Klaus-Rainer Jackisch, hr

Es ist beige, etwas in die Jahre gekommen und heute längst als digitale Version in papierloser Form erhältlich - doch seine Bedeutung ist in den vergangenen Jahren immer stärker gestiegen: das "Beige Book", der Konjunkturbericht der US-Notenbank, in dem die zwölf regionalen Zentralbanken der Vereinigten Staaten die Stimmung der Unternehmen beschreiben und damit ein Gesamtbild der künftigen Wirtschaftsentwicklung zeichnen. Eigentlich war es mal rot und hieß "Red Book", als der damalige US-Notenbankchef und spätere Botschafter in Deutschland, Arthur Burns, es Anfang der 1970er Jahre ins Leben rief. Doch akribische Beobachter fanden heraus, dass der Umschlag eben beige und nicht rot ist - und so heißt der Konjunkturbericht seitdem "Beige Book".

Klaus-Rainer Jackisch

"Es fehlt an allem"

Achtmal im Jahr wird es veröffentlicht, gestern war es wieder soweit: Danach zieht die Inflationsrate in den USA auf jetzt 5,4 Prozent an, während sich die Wirtschaftsentwicklung in den nächsten Monaten etwas abschwächt. Insgesamt bleibe der Ausblick für die nähere Zukunft aber positiv, auch wenn der Optimismus verhaltener ist, so die Notenbanker.

Carsten Brzeski, Chefvolkswirt Deutschland der niederländischen ING Bank, sieht die Ursachen dieser Entwicklung vor allem in Lieferengpässen und beim mangelnden Nachschub: "Es fehlt aktuell an allem. Es fehlt an Arbeitskräften, es fehlt an Rohstoffen und es fehlt an Immobilien. Der Arbeitsmarkt hat sicher erholt. Wir sehen in den USA, dass viele Leute auch frühzeitzeitig in Rente gegangen sind." Und genau die reißen jetzt eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt, was die Löhne nach oben treibt und die Inflation zusätzlich anfacht. Die US-Konjunktur könnte also besser laufen, wenn es diese Probleme nicht gäbe.

Transatlantische Handelsbeziehungen erholen sich

Diese Entwicklungen haben auch große Bedeutung für die deutschen Unternehmen. Denn in den vergangenen Monaten hat sich Abhängigkeit von der US-Konjunktur wieder vergrößert. Das liegt vor allem daran, dass sich die Wirtschaft in China abgekühlt hat und es mit Peking, gerade in Handelsfragen, immer größere Spannungen gibt, so Brzeski: "Die USA waren vor der Pandemie, in der Pandemie trotz Donald Trump, trotz Handelskriegen immer noch der wichtigste Handelspartner für uns. Wir exportieren in die USA mehr als nach China, und mit der Abkühlung der chinesischen Wirtschaft wird das noch wichtiger sein."

Mit Erleichterung sieht man deshalb hierzulande, dass auch die Regierung in Washington zunehmend daran interessiert ist, die Handelsbeziehungen zu Deutschland und Europa wieder zu verbessern. Das durch die Trump-Regierung ramponierte Verhältnis soll wieder auf eine konstruktive Basis gestellt werden.

Erst vor wenigen Wochen wurde in Pittsburg ein gemeinsamer Handels- und Technologie-Rat von USA und EU gegründet. Dabei geht es unter anderem um die Versorgung mit Halbleitern und eine gemeinsame Haltung zu China - ein Land, das immer stärker als Aggressor angesehen wird und zunehmend auch die Handelsrichtlinien unterläuft. "Wir betrachten das als einen Bereich für sehr fruchtbare Zusammenarbeit, weil unsere Interessen und Probleme zurzeit die gleichen sind", sagte US-Handelsministerin Gina Raimondo während des Treffens.

Exportwirtschaft im Spannungsfeld

Doch ganz reibungslos ist das Verhältnis zu den USA weiterhin nicht: US-Präsident Joe Biden steht innenpolitisch unter Druck - nicht nur von den Republikanern, sondern auch den eigenen Demokraten. In Handelsfragen bleibe er hart, wie ING-Banker Brzeski betont: "Joe Biden ist zwar netter und freundlicher im Ton, aber in der Sache genauso unerbittlich wie Donald Trump. Es wird also etwas dauern, bis das Porzellan, dass in den letzten Jahren unter Donald Trump zerschlagen wurde, wieder repariert wird."

Die deutsche Wirtschaft sieht sich damit immer stärker im Spannungsfeld der internationalen Konflikte: Während China auf allen Ebenen die Muskeln spielen lässt und die Wirtschaft des Landes abkühlt, wird die Abhängigkeit von den USA immer größer, während auch dort die Konjunktur etwas an Schwung verliert und die Handelsbeziehungen weiterhin Reibungspunkte haben.

Diese Entwicklungen dürften in den kommenden Wochen auch die Börsen bewegen - wie auch eine andere Botschaft des "Beige Book": Angesichts der Lage in den USA dürfte die US-Notenbank langsam die Kehrtwende in der Geldpolitik einleiten, ihre Konjunkturhilfen und Anleihekäufe reduzieren. Das heißt: Die goldenen Zeiten am Aktienmarkt könnten langsam zu Ende gehen. Die Farbe rot würde da, zumindest aus Sicht vieler Anleger, vielleicht doch besser passen.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 21. Oktober 2021 um 15:20 Uhr.