Evergrande Zentrale in Shenzhen | picture alliance / ASSOCIATED PR

Fällige Zinszahlung Aufatmen im Fall Evergrande

Stand: 22.10.2021 10:25 Uhr

Der hochverschuldete chinesische Immobilienkonzern Evergrande soll sich Medienberichten zufolge mit einer längst überfälligen Zinszahlung Luft verschafft haben. Ist das mehr als ein Zeitgewinn?

Der taumelnde chinesische Immobilienkonzern hat offenbar eine fällige Anleihezinszahlung in Höhe von 83,5 Millionen Dollar auf ein Treuhandkonto geleistet. Das melden die Nachrichtenagenturen Reuters und Bloomberg unter Berufung auf einen Insider. Zuvor hatte auch die staatliche chinesische Finanzzeitung "The Securities Times" von der Zinszahlung berichtet. Das Unternehmen selbst hat sich dazu bislang nicht geäußert.

Die Zahlungsfrist wäre am Samstag endgültig abgelaufen. Eigentlich war das Geld am 23. September fällig, jedoch galt eine Nachfrist von 30 Tagen. Die Nichtzahlung der Zinsen hätte zu einem formellen Zahlungsausfall des Unternehmens führen und einen Zahlungsverzug für andere Dollar-Anleihen von Evergrande auslösen können.

Ansteckungsgefahren umstritten

Über die möglichen Folgen, auch für die globalen Finanzmärkte, sind sich die Fachleute uneins. Einige Experten befürchten, dass ein Kollaps von Evergrande schwerwiegende Auswirkungen haben könnte für Chinas Wirtschaft und darüber hinaus. Denn durch einen Zusammenbruch des Immobilienkonzerns würde die chinesische Wirtschaft deutlich an Tempo verlieren, sind Experten überzeugt. Die Konjunktur des Landes ist für die Erholung der Weltwirtschaft ein wesentlicher Faktor.

Liu Zhongrui, Manager in der Statistikabteilung der chinesischen Bankenaufsicht CBIRC, vertrat hingegen die Einschätzung, dass die Probleme von Evergrande nicht auf den ganzen Immobiliensektor ausstrahlen würden, da das Wirtschaftswachstum anhalte. Allerdings versuchen die Behörden in China derzeit offensichtlich, die Finanz- und Immobilienbranche zu beruhigen.   

Mehr als 300 Milliarden Dollar Schulden

Evergrande gilt als das am höchsten verschuldete Immobilienunternehmen weltweit. Der Konzern sitzt auf einem Schuldenberg von umgerechnet mehr als 300 Milliarden Dollar. Das Management muss dringend Geld auftreiben, um Banken, Zulieferer und Anleihengläubiger fristgerecht bezahlen zu können. Die aktuelle Zahlung verschafft dem Konzern lediglich mehr Zeit: In den kommenden Wochen und Monaten werden weitere Zinszahlungen für Anleihen fällig

Bis zuletzt war ungewiss gewesen, ob Evergrande überhaupt noch Dollar-Anleihen bedienen wird. So hatte Konzernchef Xu Jiayin zunächst den Fokus auf die Bedienung von Anleihen im chinesischen Heimatmarkt gelegt. Denn dort liehen viele Kleinsparer dem Unternehmen jahrelang viel Geld. Sollte dieses nicht zurückgezahlt werden können, befürchten die chinesischen Behörden Unruhen.

Nächste Frist Ende Oktober

Nun stünden die Chancen gut, dass Evergrande auch die nächste, bis Ende Oktober fällige Zahlung stemmen wird, so der Analyst Jeffrey Halley vom Broker Oanda. Mit der aktuellen Zinszahlung für die Dollar-Anleihe versuche Evergrande wohl zunächst nur Zeit zu gewinnen, erklärte dagegen ein anderer Marktteilnehmer. Die Investoren an den Börsen reagierten zwar positiv. Doch unklar ist, wie es nun weitergeht.

Evergrande müsse seine Schulden umstrukturieren, zitiert Reuters einen Rechtsanwalt, der die Interessen einiger Anleihegläubiger vertritt. Diese schwierige Aufgabe stehe dem Immobilienkonzern noch bevor.

Insgesamt hat Evergrande sogenannte Kuponzahlungen im Umfang von annähernd 280 Millionen Dollar, die am 23. und 29. September sowie am 11. Oktober fällig waren, bei seinen Dollar-Anleihen verstreichen lassen. Damit wurde jeweils eine Nachreichfrist von 30 Tagen in Gang gesetzt. In wenigen Tagen werden die Finanzmärkte also ein weiteres Mal gespannt nach China blicken.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. Oktober 2021 um 11:00 Uhr.