Drehrad einer Gasleitung

Energieversorgung in der EU Weg von Russland - aber wie?

Stand: 08.03.2022 08:28 Uhr

Die EU will unabhängiger von Energieimporten aus Russland werden. Die Beratungen darüber laufen. Das Abkapseln vom russischen Import wird aber nicht einfach werden.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Die EU-Kommission schließt eine deutliche Verknappung des Imports von Erdgas oder Erdöl aus Russland vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine offenbar nicht aus. Mit ihrer für heute erwarteten Energie-Strategie will sie Wege aufzeigen, um die Versorgung in Europa auch dann weiter zu gewährleisten, wenn tatsächlich weniger importiert werden sollte.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Man müsse in Europa loskommen von russischem Gas, Öl und von russischer Kohle, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Erdgasspeicher müssten aufgefüllt werden.

Mehr Gas aus arabischem Raum?

Außerdem heißt es, Brüssel stehe in Verhandlungen mit anderen Staaten, um die Liefermengen aus Russland zu ersetzen. Immer wieder wird hier die arabische Welt genannt: Katar vor allem, aber auch die USA. Es geht vor allem um Flüssigerdgas, das so genannte LNG, das allerdings aufwendig und unter hohem Energieverbrauch per Schiff transportiert werden muss.

Gas - ein rares Gut

Wie schnell davon nennenswerte Mengen den bisher hohen Anteil von Erdgas aus Russland in Europa ersetzen könnten, ist unklar. Denn auch das LNG-Angebot ist begrenzt. Auch herkömmliches Erdgas, beispielsweise aus Norwegen - steht kaum in größerem Umfang zu Verfügung.

Professor Guntram Wolff vom ökonomischen ThinkTank Bruegel in Brüssel warnt deshalb davor, sich Illusionen zu machen:

Man muss natürlich alle Maßnahmen ergreifen: Energie einsparen, alternative Energieträger, mehr LNG-Importe - aber kurzfristig ist es nicht so einfach, alles zu ersetzen. Und insofern kann man sich wirklich darauf einstellen, dass es zu Nachfrageanpassungen kommen wird, dass wir also weniger konsumieren werden.

Notfalls zurück zu Kohle- und Atomenergie

Weniger konsumieren - also weniger Energie verbrauchen durch massives Einsparen. Dazu gebe es durchaus Möglichkeiten, meint Wolff: So könne man das Beheizen öffentlicher Gebäude reduzieren, Autofahrten vermeiden, Gebäude besser isolieren und sich persönlich einschränken. Letztlich werde aber auch das kaum ausreichen.

Wolff meint, man müsse deshalb auch darüber nachdenken, Kohlekraftwerke - vor allem Braunkohlekraftwerke - intensiver zu nutzen. Im Zweifel auch die Atomenergie. Das sieht auch der umweltpolitische Sprecher der christdemokratischen EVP-Fraktion im Europaparlament, Peter Liese, so. Liese appelliert aber auch an jede und jeden Einzelnen, etwas zu tun.

"Einbau von Gasheizungen nicht mehr zu verantworten"

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen argumentiert ähnlich. Die Situation sei eine bisher ungekannte Herausforderung für die Europäische Union und für jeden einzelnen Mitgliedsstaat. Für Deutschland, mit Blick auf den besonders hohen Anteil an der Energieversorgung mit russischem Erdgas, gelte das umso mehr. Darum schließt Habeck auch "radikale Maßnahmen" nicht aus: "Ich würde sagen, der Einbau von neuen Gasheizungen in dieser Situation ist politisch falsch und nicht mehr zu verantworten."

EU versichert "belastbaren Notfallplan"

Die Europäische Energiekommissarin Kadri Simson betont zwar in diesen Tagen immer wieder die gute und stabile Energieinfrastruktur in der EU. Man habe einen Notfallplan - und der sei belastbar.

Allerdings: Man kann zwar verlangen und ankündigen, dass die Gasspeicher in Europa wieder gut befüllt werden, um Reserven aufzubauen. Doch ohne dass man weiß, woher das Gas dafür kommen solle, dürfte das schwierig werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. März 2022 um 05:21 Uhr.