Gasflamme wird an einem Gasherd mit einem Streichholz entzündet | dpa

Hohe Energiepreise Pleitewelle bei britischen Versorgern

Stand: 08.10.2021 14:43 Uhr

Auch in Großbritannien steigen die Gaspreise rasant. Das trifft nicht nur Verbraucher. Eine Reihe von Versorgungsunternehmen ging bereits pleite.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Kochen und Heizen kosten plötzlich deutlich mehr. Die Britin Carol Lowe versucht deshalb, so wenig Energie zu verbrauchen wie möglich. "Ich mache die Heizung nur für eine halbe Stunde am Morgen an, um die Kälte zu vertreiben, und eine halbe Stunde am Abend", sagt sie. "Die übrige Zeit versuche ich, mich so gut wie möglich warm zu halten."

Imke Köhler ARD-Studio London

Eine andere Britin erzählt in der BBC, dass sie im kommenden Frühjahr nun doch nicht in den Ruhestand gehen werde. Angesichts der stark gestiegenen Energiepreise reiche ihre Rente nicht.

Großbritannien leidet - wie Deutschland und andere Länder auch - unter den explodierenden Gaspreisen. Der Großhandelspreis von Erdgas ist seit Januar um rund 440 Prozent gestiegen, weil die Weltwirtschaft mit dem Abebben der Corona-Pandemie wieder anzieht, aber das Angebot an Gas deutlich geringer ist als die Nachfrage.

Pleitewelle bei Gasversorgern

In Großbritannien hat die Entwicklung zu einer Pleitewelle von Gasversorgern geführt. Es gibt immer neue Meldungen über Insolvenzen. Zehn Gasversorger sind in den letzten Wochen bankrottgegangen, und weitere Pleiten werden erwartet.

Wie die "Times" berichtet, begann die Vorgeschichte zur Pleitewelle 2015, als sich sechs große Energieversorger 90 Prozent des Marktes teilten. Um für mehr Wettbewerb zu sorgen, empfahl das Energieministerium den Verbrauchern, den Anbieter zu wechseln. Im Internet boomten Vergleichsportale, auf denen sich günstige Anbieter prominent platzieren konnten.

Attraktiver Markt für junge Unternehmen

Die Regulierungsbehörde Ofgem legte fest, dass Kunden im Falle einer Insolvenz an einen größeren Gasversorger weitergereicht werden. Das machte den Markt für Jungunternehmer attraktiv: Die Gründung einer Firma war einfach, das Risiko gering, und der Markt erschien lukrativ. Am Ende, so die "Times", wurden Gasversorgerfirmen am Küchentisch gegründet und Kunden mit günstigen Tarifen gelockt.

Diese Anbieter gehen jetzt pleite. Die Kunden werden zwar weiterhin beliefert, müssen künftig aber deutlich mehr für Gas bezahlen. Die zusätzlichen Kosten können sich auf Hunderte Pfund pro Jahr belaufen.

Regierung will Abhängigkeit von Gas senken

Die britische Regierung sieht sich angesichts der Lage darin bestätigt, dass Großbritannien seine Abhängigkeit vom Gas verringern und auf erneuerbare Energien umsteigen muss. "Diese aktuellen Probleme, die wir mit der großen Unsicherheit im Gasmarkt haben, zeigen gerade, warum wir energisch unsere Klimaziele verfolgen müssen", sagt Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng.

Auch an der Zapfsäule müssen die Briten derzeit mehr bezahlen. Der Grund scheint ein ähnlicher zu sein wie beim Gas: die wieder anziehende Weltwirtschaft. Dem Autoversicherer RAC zufolge liegt der durchschnittliche Preis für einen vollen Tank derzeit zwölf Pfund über dem Preis vom September vorigen Jahres. Die Versicherung betont, dass dies nichts mit dem Lkw-Fahrer-Mangel und der reduzierten Versorgung der Tankstellen zu tun habe. Vielmehr liege das am Ölpreis, der allein im September um zehn Prozent gestiegen sei.

Trotzdem: Krisengewinner gibt es auch. Die "Sun" berichtete vor wenigen Tagen von einer Tankstelle in London, die den Liter Benzin für knapp drei Pfund angeboten hat, und auch dort war der Treibstoff nach kurzer Zeit ausverkauft.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Oktober 2021 um 09:41 Uhr.

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KOMMENTARE

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Klärungsbedarf 08.10.2021 • 21:49 Uhr

um 21:29 von IckeDette

>> Bei den fossilen Brennstoffen gibt es Förderabsprachen und so eine Lenkungswirkung von der Seite der Produzenten her. Man könnte es Kartell nennen, aber irgendwie macht man das nicht (Fördersicherheit ist wichtiger und bla). << Ich kenne niemanden, der beispielsweise die OPEC nicht als Kartell bezeichnen würde. Sie ist nämlich ganz offiziell eins.