Ein Mähdrescher bei der Weizenernte in der Ukraine | REUTERS

Blockade beendet Wie stark wird der Getreidemarkt entlastet?

Stand: 01.08.2022 16:08 Uhr

Weltweit wird die Wiederaufnahme der Getreideexporte über das Schwarze Meer begrüßt. Welche Bedeutung haben die vereinbarten Liefermengen für den Weltmarkt?

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Heute Morgen hat der erste Getreidefrachter seit Beginn der russischen Invasion im Februar den Hafen von Odessa verlassen. Weltweit wurde die am 22. Juli vereinbarte Wiederaufnahme der Getreideexporte über das Schwarze Meer begrüßt. Sie sei ein erster Schritt zur Linderung der durch Russlands Krieg ausgelösten Welternährungskrise, erklärte ein EU-Sprecher.

Tatsächlich hat der Ukraine-Krieg die Hungerkrise in vielen Ländern dramatisch verschärft. Nach Angaben der UN hungern etwa 50 Millionen Menschen zusätzlich infolge des Krieges. Vor allem der Nahe Osten und nord- und ostafrikanische Länder wie Ägypten, Libyen oder Somalia waren vor dem Krieg stark von Lieferungen aus Russland und der Ukraine abhängig.

Erhebliche Entlastung

Wie stark können die nun vereinbarten Lieferungen den Markt entlasten und die Not lindern? Betrachtet man den Weltgetreidemarkt, ist die vereinbarte Größenordnung einer Ausfuhr von rund 22 Millionen Tonnen Getreide durch die nun geöffneten Korridore durchaus relevant.

Der in London ansässige Internationale Getreiderat (IGC) erwartet in Folge des Ukraine-Krieges für das Erntejahr 2022/23 eine Lücke zwischen weltweiter Produktion und globalem Verbrauch von etwa 24,7 Millionen Tonnen. Das bedeutet, dass viele Länder vor allem im nächsten Jahr ihre Getreidespeicher antasten müssen. Eine solche Situation sorgt in der Regel für erhöhte Nervosität an den Getreidemärkten. Die weltweite Lagerhaltung schätzt das IGC für 2022/23 auf 607,5 Millionen Tonnen, was auch wegen des Krieges über dem Vorjahreswert liegt. In der Ukraine warten nach Angaben aus Kiew noch über 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Ernte des letzten Jahres auf ihre Ausfuhr.

Sollten die vereinbarten Mengen die Krisenregionen also wirklich erreichen, würde das die Versorgungslage spürbar verbessern. Allerdings gibt es an der Bereitschaft Russlands, das Abkommen vollständig umzusetzen, seit dem Abschluss erhebliche Zweifel.

Über die Erschwinglichkeit von Getreideprodukten in den einzelnen Ländern ist damit noch nichts gesagt. Die Regierungen in den Krisenregionen versuchen in aller Regel durch verschiedene Markteingriffe die Versorgung ihrer Bevölkerung zu verbessern, auch um das für die politische Stabilität wesentliche Problem zu entschärfen. Die Perspektiven für eine ausreichende Versorgung sind entsprechend von Land zu Land unterschiedlich.

Weizenpreis wichtiger Indikator

Ein wichtiger - wenn auch zeitweise durch spekulative Spitzen verzerrter - Indikator für die weltweite Getreideversorgung ist der Weizenpreis. Die Sorgen in Folge des Ukraine-Kriegs trieben die richtungsweisende Notierung an der französischen Terminbörse MATIF Mitte Mai auf ein Rekordhoch von 438 Euro je Tonne. Seither ist der Preis wieder deutlich zurückgegangen. Insbesondere die Verhandlungen über die Öffnung der Schwarzmeerrouten haben den Markt seit Mitte Juni deutlich entlastet. Am frühen Nachmittag notierte die Tonne mit 338 Euro knapp zwei Prozent tiefer als am Freitag.

Markt bleibt angespannt

Vor einem Jahr war eine Tonne Weizen allerdings noch für etwa 220 Euro zu haben. Das zeigt, wie angespannt der Getreidemarkt weiterhin ist.

Zu den Unsicherheiten bezüglich des Exports bereits produzierter Mengen kommt, dass die Besetzung und Verwüstung von Anbauflächen und Infrastruktur die Agrarproduktion der Ukraine stark einschränkt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte jüngst davor, dass die Getreideernte in diesem Jahr nur halb so hoch ausfallen dürfte wie üblich. Im Rekordjahr 2021 hatte das Land noch 33 Millionen Tonnen produziert. Russlands Präsident Wladimir Putin kündigte dagegen für dieses Erntejahr einen Rekordwert mit Exporten in Höhe von 50 Millionen Tonnen an - offenbar inklusive der gerade geernteten über zwei Millionen Tonnen aus der annektierten Halbinsel Krim.

Die Getreidepreise sind aber nicht nur Marktindikatoren, sondern liefern auch Anreize für Produzenten, ihren Anbau entsprechend der Marktlage zu erhöhen. So erwartet das IGC beispielsweise für Brasilien und Kanada deutlich höhere Ernten im kommenden Jahr. Der nach Russland zweitgrößte Weizenproduzent Indien zeigt allerdings, dass nicht nur der Ukraine-Krieg die Marktbedingungen verschärft hat. In den vergangenen Jahren hat sich hier zunehmend der Klimawandel bemerkbar gemacht. Infolge der jüngsten Hitzewellen wird der Subkontinent im kommenden Jahr wohl deutlich weniger ernten können.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. August 2022 um 16:00 Uhr.