Frau impft Patienten in Nigeria gegen Covid-19 | AP

Vakzin-Verteilung Die geteilte (Impf-)Welt

Stand: 04.06.2021 10:47 Uhr

In den USA und Europa kommen die Impfungen gegen Covid-19 rasch voran, in ärmeren Ländern haben sie kaum begonnen. Wie können Vakzine besser verteilt werden - und welche Rolle spielen dabei die Hersteller und deren Interessen?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Auf dem laufenden G7-Treffen der Gesundheitsminister im britischen Oxford, das heute endet, verkündete der britische Gesundheitsminister Matt Hancock eine frohe Botschaft: Weltweit seien inzwischen mehr als zwei Milliarden Dosen des Corona-Impfstoffs gespritzt worden, schrieb er er auf Twitter. Doch nur ein Teil der Welt profitiert davon. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden bislang 75 Prozent aller Covid-19-Vakzine in lediglich zehn Ländern verimpft, vor allem in den USA und Europa.

Weniger als ein Prozent Geimpfte in Afrika

Nur 0,3 Prozent der Menge ging in ärmere Länder. Besonders in Afrika sind Corona-Impfstoffe ein rares Gut. In Uganda beispielsweise ist nur einer von 3000 Menschen gegen Covid-19 geschützt.

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer fühlen sich abgehängt. Spätestens die Bilder aus Indien, wo viele Corona-Erkrankte beim Warten vor den Krankenhäusern wegen Sauerstoffmangels starben, rüttelten die Weltöffentlichkeit wach. Nur wenn die ganze Welt geimpft wird, lässt sich eine Herdenimmunität erreichen. Solange sich das Virus weiter ausbreiten kann, drohen neue Mutationen, gegen die womöglich die derzeitigen Impfstoffe nicht mehr wirken. "Wir sind erst sicher, wenn alle auf der Welt sicher sind", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beim G7-Treffen in Oxford.

EU und USA geben Impfstoff an ärmere Länder ab

Er forderte alle G7-Staaten zu einer Abgabe von Impfstoffen an den Rest der Welt auf und verwies auf die Praxis der Europäer. "50 Prozent der in der EU hergestellten Impfstoffe werden und wurden exportiert", sagte Spahn.

Inzwischen zeigen sich auch die USA bereit, ihre überschüssigen Impfvorräte an die ärmeren Staaten zu geben. 80 Millionen Impfdosen will die Biden-Regierung ins Ausland schicken, drei Viertel davon als Spende für die internationale Corona-Impfinitiative Covax. Gestern veröffentlichte die Regierung in Washington Details zur Verteilung der ersten zugesagten 25 Millionen Dosen.

2,4 Milliarden Dollar zusätzlich für die Covax

Bei einer virtuellen Geberkonferenz, die am Mittwoch von Japan und der Impfallianz Gavi organisiert wurden, kamen 2,4 Milliarden Dollar an zusätzlichen Mitteln für die Covax zusammen. Damit verfügt die Covax-Initiative, der sich 190 Länder angeschlossen haben, darunter Indien, Nigeria und Vietnam, nun über 8,7 Milliarden Dollar. 2,2 Milliarden Euro stellte Deutschland bereit. Mit den Milliardengeldern sollen bis Ende des Jahres 1,8 Milliarden Impfdosen an arme Länder ausgeliefert werden. Ziel ist es, noch in diesem Jahr in jedem Land der Erde die am stärksten gefährdeten 20 Prozent der Bevölkerung gegen Covid-19 zu impfen.

Von dem ehrgeizigen Ziel ist die von Deutschland und den USA mitgetragene Initiative noch weit entfernt. Bis Ende Mai konnte die Covax-Initiative erst rund 70 Millionen Impfdosen in 126 Länder liefern. Ein Ausfall von bereits vereinbarten Lieferungen bremst die Initiative. Weil Indien die Exporte ausgesetzt hat, fehlen nun laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis Ende Juni rund 190 Millionen Dosen.

Eigentlich war die Covax auf Initiative der WHO im vergangenen Jahr gegründet worden, um die Beschaffung von Vakzinen gegen Covid-19 für alle Länder der Welt zu übernehmen. Die reichen Länder setzen sich darüber hinweg und machten separate Verträge mit Impfstoffherstellern und kauften einen Großteil der weltweiten Produktion auf.

Streit um Patentschutz

Nun ruhen die Hoffnungen der ärmeren Länder auf den USA. Die Biden-Regierung stellte sich Anfang Mai überraschend auf die Seite von Indien und Südafrika und machte sich für eine Aussetzung des Patentschutzes stark. Inzwischen formiert sich eine Bewegung, die die Impfstoffhersteller zur Patentfreigabe zwingen will. "Es gibt unterschiedliche Arten von Massenmord. Eine davon heißt 'Patent'", behauptet der deutsche Schriftsteller Ilja Trojanow in der "taz".

Mehrere Länder, darunter Deutschland und die Schweiz, sowie die Pharmafirmen lehnen die Freigabe der Patente ab. Die Knappheit an Impfstoffen habe nichts mit den Patenten zu tun, sondern mit den nicht ausreichenden Produktionskapazitäten, betonen sie. Ohne Patentschutz würden die Hersteller "keinen Anreiz mehr haben, sich an einer schnellstmöglichen weltweiten Versorgung mit Impfstoffen zu beteiligen", warnt der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vFA).

Hersteller versprechen Milliarden-Lieferung

Auf dem Weltgesundheitsgipfel vor zwei Wochen in Rom einigten sich Staats- und Regierungschefs und die Vertreter von "Big Pharma" auf einen dritten Weg. Statt einer Patent-Freigabe versprechen die reichen Staaten mehr Hilfen und die Hersteller mehr Impfdosen für die Entwicklungsländer. Für dieses und das nächste Jahr sagten die Impfstoffhersteller 2,3 Milliarden Impfdosen an die bedürftigen Länder zu - teils zu niedrigeren Preisen, teils sogar zum Selbstkostenpreis.

Das Gros der lebensrettenden Vakzine kommt von BioNTech/Pfizer. Das deutsch-amerikanische Duo will gut zwei Milliarden Dosen zur Verfügung stellen. 200 Millionen Einheiten kommen von Johnson & Johnson, Moderna beteiligt sich mit 100 Millionen.

EU und IWF stocken Hilfen auf

Die EU stockt ihre Hilfsinitiative auf. Brüssel will weitere 100 Millionen Dosen für die ärmsten Länder bereitstellen. Bereits in den vergangenen Monaten hatte die EU 200 Millionen Dosen an 45 arme Länder geliefert. Zudem will die EU mit einer Milliarde Euro den Bau von Standorten für die Impfstoffproduktion in Afrika finanzieren.

Der IWF will Milliarden in die Hand nehmen, um die Pandemie in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu stoppen. Er schlägt ein 50-Milliarden-Dollar-Programm vor, mit dem bis Ende dieses Jahres mindestens 40 Prozent der Weltbevölkerung und weitere 20 Prozent bis Mitte 2022 geimpft werden sollen. Das Geld soll vor allem der Impfinitiative Covax zugute kommen. Sie soll mit den Milliarden genügend Impfstoff einkaufen.

Produktion vor Ort

Spahn war jüngst gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf Mission in Südafrika. Dort kündigte er an, dass die beiden südafrikanischen Pharmahersteller Aspen und Biovac fit gemacht werden sollten für eine Lizenzproduktion von mRNA-Impfstoffen der deutschen Hersteller BioNTech und CureVac. "Das Wichtigste ist nicht die Frage von Patenten, sondern von Produktionskapazitäten", sagte Spahn.

Moderna zeigt sich ebenfalls offen für eine Art Technologietransfer. Die US-Firma hat schon 2020 versprochen, seine Patente während der Pandemie nicht durchsetzen zu wollen. Doch bislang hat Moderna den Worten noch keine Taten folgen lassen.

AstraZeneca hat seinen Impfstoff für die Produktion bereits in Schwellenländern wie Indien, Brasilien, China und Südafrika lizenziert. Das britisch-schwedische Konzern gibt sein Vakzin quasi zum Selbstkostenpreis ab.

Eine weitere Möglichkeit wäre, Patentrechte der für ärmere Länder vielversprechenden Impfstoffe aufzukaufen und Herstellungslizenzen an qualifizierte Produzenten in Entwicklungs- und Schwellenländer zu vergeben. Das schlägt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm im "Handelsblatt" vor. "Auch der Weg über einen Patentpool wäre denkbar, in dem Lizenzen mit Generikaherstellern im Bündel verhandelt werden würden."

Die globale "Impf-Diplomatie"

Doch ob all diese Initiativen reichen, um die gravierende Ungleichverteilung der Vakzine in der Welt zu beseitigen, ist fraglich. Entscheidend für die Bekämpfung der Corona-Pandemie wird sein, wie stark die nationalen Eigeninteressen gegenüber der internationalen Solidarität in den Hintergrund rücken. China, Indien und Russland gaben in der jüngsten Vergangenheit günstig oder kostenlos Impfstoffe ihrer Hersteller an ärmere Schwellen- und Entwicklungsländer ab. Teils verfolgten sie dabei aber geopolitische Interessen im Rahmen einer "Impf-Diplomatie".

Die USA wollen ihre Vakzine nicht benutzen, "um sich Gefälligkeiten von anderen Ländern zu sichern", betonte jüngst Präsident Joe Biden. "Wir teilen diese Impfstoffe, um Leben zu retten und die Welt dabei anzuführen, die Pandemie zu beenden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Juni 2021 um 13:00 Uhr.