Container stehen auf einem Areal des Hafenverbandes Ningbo. | EPA

Containerschiff-Stau Warteschlangen vor Chinas Häfen werden länger

Stand: 18.08.2021 18:16 Uhr

Nach der Corona-bedingten Schließung eines Terminals in Chinas zweitgrößtem Hafen Ningbo droht auch anderswo im Land eine Überlastung beim Seegüter-Umschlag. Die globalen Lieferketten könnten bis 2022 gestört bleiben.

Der Corona-Ausbruch im zweitgrößten chinesischen Hafen Ningbo stört zunehmend die weltweiten Transportwege auf See. Nach Angaben des Datenanbieters Refinitiv warten inzwischen über 50 Containerschiffe vor Ningbo auf ihre Abfertigung. Dort war am 10. August ein Hafenmitarbeiter positiv auf Corona getestet worden. Seitdem ist der Betrieb eines Terminals weitgehend eingestellt.

Die seit einer Woche andauernde Teilschließung eines der größten Handelshäfen der Welt droht die aktuellen Probleme mit Lieferengpässen noch zu verschärfen. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts klagten im Juli bereits fast zwei Drittel der deutschen Industriebetriebe über Engpässe bei Vorprodukten wie Halbleitern oder chemischen Grundstoffen.

Reedereien müssen Schiffsrouten ändern

Die Reedereien warnten ihre Kunden vor Verspätungen, weil sie die Routen ihrer Schiffe ändern müssen. Mindestens 14 vom französischen Unternehmen CMA CGM betriebene Schiffe, fünf der dänischen Maersk sowie vier der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd wollen Ningbo vorerst nicht mehr anlaufen. Dutzende weitere Schiffe änderten ihre Fahrpläne, wie die Reedereien mitteilten. "Da die für das geschlossene Terminal Meishan vorgesehenen Schiffe nun an andere Terminals in Ningbo umgeleitet werden, erwarten wir Staus und Verzögerungen", teilte Hapag-Lloyd seinen Kunden mit. Die Hamburger bieten ihnen an, Container zum Verladen per Lkw von Ningbo zum Hafen nach Schanghai zu fahren.

Doch auch dort haben sich längst Warteschlangen gebildet. Shanghai Port etwa zählt 34 wartende Schiffe, vor dem Hafen Xiamen warten 18 weitere. Dies hat Folgen für die Logistik-Branche in der ganzen Welt. "China ist ein wichtiger Bestandteil der globalen Lieferketten", sagt Richard Lebovitz, Chef des US-Beratungsunternehmens von LeanDNA. "Jegliche Stilllegungen oder Verzögerungen aus China haben das Potenzial, Fertigwaren um zwei oder drei Ebenen hinauszuzögern."

Wiedereröffnung Anfang September?

Auch Industrieverbände schlagen Alarm. "Chinas Null-Toleranz-Politik ist gut gegen die Pandemie, aber schlecht für die Lieferketten", sagte Dawn Tiura, Chef der Sourcing Industry Group, eines in den USA ansässigen Verbands für die Beschaffungsindustrie. "Dieses Timing ist sehr schwierig, wenn man bedenkt, dass neben den bevorstehenden Einkäufen für die Weihnachtssaison auch das Ende der Sommerferien in Europa und den USA für erhöhten Warenbedarf sorgt."

China ist sich des Problems bewusst, leiden doch die eigenen Unternehmen und Exporteure ebenfalls unter dem Schiffsstau. Laut dem Branchendienst "Splash247", der sich auf den Hafenbetreiber beruft, ist eine teilweise Wiedereröffnung des Terminals im Hafen von Ningbo ab dem 24. August geplant. Die vollständige Wiedereröffnung soll am ersten September stattfinden. Das Terminal Meishan, das wegen des Covid-Falls geschlossen wurde, macht etwa ein Fünftel der insgesamt 30 Millionen Containereinheiten aus, die der Hafen Ningbo jährlich umschlägt.

Mit einem Volumen von 28,7 Millionen Containereinheiten (TEU) ist Ningbo doppelt so groß wie der der größte europäische Hafen Rotterdam. Die Abkürzung TEU steht für die "Twenty-Foot Equivalent Unit" und meint einen 20-Fuß-Standardcontainer.

Auflagen für die Besatzungen

Experten gehen davon aus, dass es auch nach der Wiedereröffnung des Terminals noch zehn Tage bis zwei Wochen dauern wird - also bis Mitte September -, bis der Rückstau aufgelöst ist und sich der Hafenbetrieb wieder normalisieren kann. Gestern behauptete die Hafenbehörde, dass sie trotz der Schließung von Meishan in den letzten Tagen mit einer Kapazität von 90 Prozent arbeiten konnte. Dennoch berichten Reeder und unabhängige Experten, dass der Hafen beispiellos überlastet sei.

Die Bekämpfung der Corona-Pandemie hat weiterhin oberste Priorität in China. So verlangt das Verkehrsministerium von den Besatzungen aller ausländischen Schiffe den Nachweis einer vollständigen Impfung oder einen negativen Test. Ohne diese Vorlagen darf keine Fracht gelöscht oder ein Schiff beladen werden.

Frachtpreise massiv gestiegen

Hapag-Lloyd-Chef Rolf Habben Jansen ist deshalb skeptisch, dass sich die Lieferprobleme der Industrie bald entspannen. Ende Juni hatte der Chef der größten deutschen Container-Reederei noch für den Herbst mit einer Beruhigung gerechnet. Inzwischen geht er davon aus, dass sich die Lage frühestens im ersten Quartal 2022 entspannen wird.

Auch die Zurückhaltung der Reedereien bei der Beschaffung neuer Containerschiffe macht Hapag-Lloyd für die seit Monaten andauernden Lieferengpässe verantwortlich. Den Erhebungen des Marktforschungsfirma IHS Markit zufolge entsprechen die derzeitigen Neubestellungen 17 Prozent der weltweiten Flotte. Das sei zwar mehr als in den beiden Vorjahren, als es nur zehn Prozent waren. Doch 2011 habe die Quote noch bei 25 Prozent gelegen.

Hapag-Lloyd weist zudem darauf hin, dass auch die bestellten Schiffe nicht sofort, sondern erst in zwei bis drei Jahren ausgeliefert werden. Es werde also dauern, bis die zusätzlichen Frachtkapazitäten bereitstünden, so das Unternehmen. Für die Reeder sind die derzeitigen Engpässe ein lukratives Geschäft, haben sich doch die Frachtpreise im internationalen Schiffsverkehr im ersten Halbjahr um 46 Prozent verteuert. Dadurch hat die Hamburger Reederei ihren Umsatz um etwa 51 Prozent auf 10,6 Milliarden Dollar gesteigert. Damit gehören die Reeder zu den Gewinnern der derzeitigen Lieferprobleme.

Über dieses Thema berichtete BR24 "Wirtschaft und Börse" am 13. August 2021 um 14:38 Uhr.