Containerschiff verlässt den chinesischen Hafen Haikou | AFP

Engpässe und Preissprünge Containerkrise trifft den Welthandel

Stand: 16.07.2021 12:21 Uhr

Containerschiffe stauen sich vor den Häfen, die Preise für Frachtcontainer explodieren, weltweit gibt es Probleme in den Lieferketten. Die Gründe und Folgen der Containerkrise sind vielfältig. Eindrücke aus verschiedenen Handelsregionen der Welt.

Die Lage in China

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Das Containerterminal von Futian in der Nähe der südchinesischen Metropole Shenzhen ist einer der größten Frachthäfen der Welt. Wenn es dort stockt, leidet der gesamte Welthandel. So geschehen vor rund zwei Monaten: Wegen einiger Corona-Infektionsfälle mussten zahlreiche Hafenarbeiter zu Hause bleiben. Wochenlang konnten in Futian nur weniger als halb so viele Fracht-Container umgeschlagen werden wie sonst.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Die Folge war ein Stau Dutzender riesiger Containerschiffe vor der südchinesischen Küste. Wichtige Bauteile, Maschinen und Rohstoffe konnten nicht nach China geliefert werden. Umgekehrt konnten Export-Produkte nicht aus China raus: Computer, Smartphones, Fahrräder und Kaffeemaschinen zum Beispiel. Inzwischen läuft der Betrieb in Shenzhen/Futian zwar wieder. Doch immer noch gibt es einen Rückstau.

Ganz unabhängig von der coronabedingten Hafensperrung in Südchina herrscht in der Volksrepublik ein nie dagewesener Mangel an Containern. Die Frachtpreise haben sich etwa verzehnfacht. Deutsche mittelständische Unternehmen sprechen zum Teil von "existenziellen Problemen".

Teilweisen kostet das Versenden von Ware im Container nach Europa inzwischen mehr als die Fracht, die im Container drin ist. Auch Ware nach China zu schicken, ist unglaublich teuer geworden. Besserung ist zumindest kurzfristig nicht in Sicht, im Gegenteil. Ein deutscher Wirtschaftsvertreter sagte dem ARD-Hörfunkstudio Shanghai: Die Containerkrise werde wohl noch bis ins nächste Jahr hinein andauern.

Container im Hafen nahe der chinesischen Stadt Shenzhen | REUTERS

Aufgrund von Corona-Fällen stockte wochenlang der Container-Umschlag in Hafen nahe der chinesischen Metropole Shenzhen - die Folge war ein Stau von Containerschiffen Bild: REUTERS

Die Lage in den USA

Von Nils Dampz, ARD-Studio Los Angeles

Container-Stau in Los Angeles: Nach wie vor müssen Frachtschiffe tagelang vor dem Hafen ankern, bis sie be- und entladen werden können. Denn die Bestelllust der Amerikaner ist riesig. Vor allem Kleidung, Elektronik, Halloween-Artikel, Haushaltsgeräte oder Möbel werden nach Los Angeles transportiert. Nur in jedem fünften Container sind Waren, die das Land verlassen.  

  

Nils Dampz

Der Hafen in Los Angeles meldet Rekordzahlen. Noch nie wurden in einem Juni so viele Container abgefertigt, noch nie habe man mehr als eine Million in einem Monat geschafft, so wie im Mai. Doch die vielen Container verursachen Stau. Schiffe müssen aktuell rund fünf Tage vor dem Hafen warten, bis sie ihre Ladung löschen können. Es gibt auch nicht ausreichend Lkw, um die Container schnell weiter ins Land zu transportieren.  

Weil weltweit Container knapp sind, sind die Transportkosten explodiert. Viele Waren für die USA kommen aus Asien. Der Preis für einen Container ist auf der Route jetzt mehr als drei Mal so hoch wie Anfang 2020. Das ist vor allem für kleine und mittelgroße Händler problematisch. Sie zahlen deutlich mehr für den Transport und müssen sogar noch länger auf ihre Ware warten.  

Containerschiffe werden in Long Beach, dem Hafen von Los Angeles, entladen | REUTERS

Im Schnitt fünf Tage müssen Containerschiffe derzeit warten, bis sie zum Entladen in den größten Hafen der USA einfahren können. Bild: REUTERS

Die Lage am Suezkanal

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo, zzt. Berlin

Im Suezkanal lief vor knapp vier Monaten das Containerschiff "Ever Given" auf Grund und blockierte die Wasserstraße sechs Tage lang - was den Welthandel erheblich störte. Denn 15 Prozent seines Volumens werden durch den Suezkanal verschifft.

 

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Der Rückstau von rund 400 Schiffen löste sich damals innerhalb weniger Tage auf. Verzögerungen gibt es nicht mehr. Inzwischen hat auch die "Ever Given" mit mehr als 18.000 Containern Ägypten wieder verlassen können, nachdem sich der japanische Eigentümer und die Suezkanal-Behörde über die Entschädigungssumme einig wurden.

Der Behörde scheint das alles kaum geschadet zu haben. Trotz der Havarie verzeichnet sie Rekordeinnahmen. Im ersten Halbjahr 2021 nahm sie drei Milliarden US-Dollar Durchfahrtsgebühren ein, 240 Millionen mehr als im Vergleichszeitraum 2020. Damit das so bleibt, wird der Kanal ausgebaut. Der Abschnitt, in dem sich die "Ever Given" verkeilte, wird um 40 Meter verbreitert und um fast zwei Meter vertieft.

Die havarierte ''Ever Given'' im Suezkanal | AFP

Die Blockade des Suezkanals durch die "Ever Given" zeigte, wie anfällig der Welthandel bei Störungen auf den zentralen Handelsrouten ist. Bild: AFP

Die Lage in Singapur

Von Jennifer Lange, ARD-Studio Singapur

Der Hafen von Singapur erholt sich. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres wurde mehr Fracht umgeschlagen als im gleichen Zeitraum 2019 und 2020. Doch Hafenschließungen, Verspätungen von Schiffen und Staus in den Häfen gehen auch an Singapur nicht spurlos vorbei.

Der Hafen sei teilweise überlastet, weil Ladung nicht planmäßig ankomme, erklärt der Hafenbetreiber PSA. Für die großen Containerschiffe betrage die Wartezeit gerade fünf bis sieben Tage. Sonst sind es zwei. Der Transportminister von Singapur zitierte in diesem Zusammenhang vergangene Woche das Sprichwort: "Der Pessimist klagt über den Wind. Der Optimist erwartet, dass er sich dreht. Der Realist hisst die Segel."

Singapur will die Verzögerungen mit Innovation und Digitalisierung lösen. Mit einer bessern Nachverfolgung der Container etwa könnten Lieferketten bei Problemen optimiert werden. Seeleuten haben sie telemedizinisch geholfen und weit über 100.000 Crewwechsel ermöglicht. Derzeit können sich Seeleute im Hafen auch impfen lassen.

Container im Hafen von Singapur | AFP

Der Hafen von Singapur ist nach Angaben des Betreibers derzeit teilweise überlastet. Das Problem der Verzögerungen soll mit Innovation und Digitalisierung gelöst werden. Bild: AFP

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Juli 2021 um 16:41 Uhr.