Ein Seat steht in der Fabrik in Martorell, Spanien | REUTERS

Rohstoff-Engpässe Chipkrise belastet spanische Autobauer

Stand: 08.11.2021 01:57 Uhr

Der weltweite Chipmangel belastet die Automobilhersteller. Besonders betroffen ist auch Spanien. Wenn beim zweitgrößten Autoproduzenten in der EU die Bänder stillstehen, spüren das auch Kunden in Deutschland.

Von Nicholas Buschschlüter, ARD-Studio Madrid

Im vergangenen Juni standen viele Bänder in spanischen Autowerken still. Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Zuvor hatten bereits fehlende Kupfer-Kabel zu Produktionsausfällen in einigen Fabriken geführt. Jetzt ist aber auch der weltweite Mangel an Halbleitern voll in der Iberischen Halbinsel eingeschlagen.

Nicholas Buschschlüter

Zum Beispiel in der Mercedes-Benz-Fabrik im baskischen Vitoria: Eine Woche lang hatten 4.500 Mercedes-Mitarbeiter in Vitoria unfreiwillig frei. Ein ähnliches Bild an den Standorten von Seat in Martorell bei Barcelona, der Opel-Mutter Stellantis in Vigo und Renault in Valladolid: überall gähnende Leere.

Und bei den Schließungen im Juni ist es nicht geblieben. Seitdem wurden immer wieder Produktionen zeitweilig unterbrochen, weil Lieferungen von Computerchips kurzfristig ausfielen. Das hat inzwischen auch Auswirkungen auf die Absatzzahlen. Allein im September sank die Fertigung von Autos in Spanien um knapp ein Drittel im Vergleich zum Vorjahresmonat, es wurden rund 180.000 Autos fertiggestellt.

Lange Wartezeiten für Neuwagen

Die Lage ist ähnlich in Deutschland, wo im gleichen Zeitraum knapp 210.000 Exemplare produziert wurden - 25 Prozent weniger Autos als im September 2020. In Spanien müssten Autokäufer zur Zeit länger auf ihre neuen Wagen warten als gewohnt, erzählt Noemi Navas vom Verband der spanischen Automobilhersteller. Wie lang genau, sei schwierig zu sagen.

Spanische Medien berichten von Wartezeiten für Neuwagen von bis zu einem Jahr. Deshalb stiegen in Spanien viele Kunden auf Gebrauchtwagen um, was wiederum schlecht für die Umwelt und die Verkehrssicherheit sei, so die Verbandssprecherin. Dass der Chipmangel auch zu Arbeitsplatzverlusten im Automobilsektor führe, davon wisse sie aber nichts.

Jordi Carmona, Automobilexperte von der Gewerkschaft UGT, hat da ganz andere Informationen: "In einigen Fällen gibt es bereits Entlassungen. Einige Zuliefererfirmen haben ganz zugemacht, weil sie einfach nicht die nötigen finanziellen Rücklagen haben." Die spanische Statistikbehörde spricht von knapp 20.000 verlorenen Jobs im Automobilsektor. Die Befürchtung: Sollte sich die Chipkrise fortsetzen, könnte das auch auf die spanische Gesamtwirtschaft deutliche Auswirkungen haben.

Zwei Millionen Menschen arbeiten im Autosektor

Denn jeder zehnte spanische Beschäftigte arbeitet in der Automobilbranche, rund zwei Millionen Menschen, wenn man Werkstätten und Autohäuser mitzählt. Die Autoindustrie trägt elf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Der spanische Automobilverband versucht zwar Optimismus zu verbreiten, geht aber davon aus, dass sich die Produktion nicht vor 2023 auf Vorkrisenniveau erholt.

Bessere Nachrichten gibt es in Spanien dagegen von der Elektrifizierungsfront, trotz Chipkrise. Jeder zehnte in Spanien gebaute Wagen war in diesem Jahr ein E-Auto oder Hybrid-Modell. Der Absatz liegt jetzt schon über dem Vorjahresniveau. In Deutschland machen Elektro-PKW schon rund ein Fünftel der Neuzulassungen aus.

Um den Bau von E-Autos in Spanien voranzutreiben, plane die VW-Tochter Seat eine eigene Batteriefabrik in der Nähe ihres Werks in Martorell bei Barcelona aufzubauen, erzählt Seat-Chef Wayne Griffiths. Mit Batterien aus eigener Produktion wären Seat und VW auch sehr viel unabhängiger von den Lieferketten aus Fernost. Das Problem mit den Mikrochips wäre damit allerdings immer noch nicht gelöst.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. April 2021 um 16:00 Uhr.