Ein Arbeiter stellt in einer Fabrik in Nantong (China) technische Geräte für den Export her. | AFP

Covid-Maßnahmen hemmen Chinas Wachstum wird ausgebremst

Stand: 15.07.2022 12:13 Uhr

Chinas Wachstum hat sich im zweiten Quartal deutlich verlangsamt. Hintergrund sind maßgeblich die strikten Covid-Maßnahmen in der Volksrepublik.

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking, z. Zt. in Qingdao

Chinas Wachstum hat sich im zweiten Quartal deutlich verlangsamt. Die Wirtschaftszahlen, die der Sprecher des Statistikbüros Fu Linghui am Morgen in der chinesischen Hauptstadt Peking vorstellte, sind schlechter als von Analysten erwartet: Den offiziellen Zahlen zufolge konnte das Bruttoinlandsprodukt der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt im zweiten Quartal um 0,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zulegen. Das ist das niedrigste Wachstum seit Beginn der Covid-19-Krise Anfang 2020. In den ersten drei Monaten dieses Jahres lag das Wachstum noch bei 4,8 Prozent im Vergleich mit den Vorjahreszeitraum.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Null-Covid-Politik beeinflusst Wirtschaft stark

"Der Hauptauslöser für die schlechten Wirtschaftszahlen ist Chinas Covid-Null-Toleranz-Politik, die das Land wirklich zu einem Spießrutenlauf verurteilt", sagt Jörg Wuttke. Er ist der Präsident der Europäischen Handelskammer in China. "Man weiß ja nie, wo die nächste Risikogegend ist. Die Leute werden links und rechts getestet."

Bei kleinsten Ausbrüchen gehen die Behörden mit Massentests, Reisebeschränkungen und strikten Ausgangsverboten vor. In der Wirtschaftsmetropole Shanghai gab es im Frühjahr einen harten Lockdown. Die mehr als 25 Millionen Einwohner durften im April und Mai ihre Wohnungen nicht verlassen. Zahlreiche Fabriken mussten ihre Produktion runterfahren oder ganz einstellen. Vor Shanghais Hafen stauten sich die Schiffe, Lieferketten waren unterbrochen.

Wachstumsziel der Regierung in Gefahr

Das Wachstumsziel der Regierung für dieses Jahr halten die meisten Beobachter für nicht mehr erreichbar. Chinas Staats- und Parteiführung hatte vorgegeben, dass die Wirtschaft im Gesamtjahr um 5,5 Prozent zulegen soll.

Michael Pettis ist Professor an der Universität Peking und Experte für Staatsfinanzen. Sorge mache ihm nicht so sehr das langsamere Wachstum, sondern der Ursprung des Wachstums. Der Binnenkonsum in der Volksrepublik sei deutlich eingebrochen, so der Wirtschaftswissenschaftler. Geschäftsleute investieren weniger, die Menschen kaufen weniger ein.

Wachstum werde deswegen zunehmend vom Staat geschaffen, durch massive Investitionen in Infrastruktur. Dafür würden Kredite aufgenommen. "Was wir also sehen ist, dass die Schulden, die gemacht werden, um Wachstumsziele zu erreichen, sehr schnell ansteigen" sagt Pettis. "Das ist nicht nachhaltig. Die chinesische Regierung hat schon mehrmals gesagt, dass sie diese Praxis beenden möchte. Doch bislang hat sie das nicht geschafft."

Weitere Corona-Einschränkungen absehbar

Nach dem harten Lockdown in der Wirtschaftsmetropole Shanghai hat sich die Lage zwar wieder etwas entspannt. Doch viele befürchten weitere Einschränkungen und damit erneute Probleme für die Wirtschaft. Die neuen noch ansteckenderen Omikron-Varianten des Coronavirus verbreiten sich auch in der Volksrepublik. Und die chinesische Staats- und Parteiführung hält an ihrer strikten Null-Covid-Strategie fest.

China fehle eine Exit-Strategie, so Handelskammer-Vertreter Wuttke. "Wann kommt das Land aus dieser Situation heraus? Das kann man ja nur machen, wenn man die Bevölkerung sehr gut geimpft hat: drei Mal, vier Mal, Booster-Shots - aber auch mit relevanten Impfstoffen wie zum Beispiel mRNA-Vakzinen", sagt Wuttke. "Da steht sich China allerdings selbst im Weg. Importierte Technologien werden nicht genutzt."

Der Ausblick für die Weltwirtschaft sei deswegen düster. "Dass China gerade jetzt wirtschaftlich in die Knie geht, ist natürlich fatal", sagt Wuttke. Denn in den vergangenen Jahren sei China die Wachstumsmaschine gewesen. "Wir haben nun diese riesengroßen Probleme mit Energie und Rezession in Europa, aber auch in Amerika. Da war China immer die Wirtschaft, die uns stabilisiert hat und das wird unter Umständen nun nicht mehr der Fall sein."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. Juli 2022 um 07:40 Uhr und 09:40 Uhr.