Container mit der Aufschrift China Shipping wird rangiert | dpa

Notfallpläne von Firmen Wie Geschäfte ohne China laufen könnten

Stand: 24.05.2022 12:43 Uhr

Hunderttausende deutsche Arbeitsplätze hängen an Exporten nach China. Solche Abhängigkeiten werden infolge des Ukraine-Kriegs hinterfragt. Viele Firmen arbeiten nun an Notfallplänen für den Fall einer nötigen Abkoppelung von Chinas Wirtschaft.

Von Cui Mu, Deutsche Welle

In einer großen Fabrikhalle piepen und surren Dutzende Roboter. Ihre Arme bohren, schneiden, spritzen, während ihre menschlichen Kollegen die Gabelstapler durch die breiten Gänge fahren. Die Produkte, die hier im Detmolder Unternehmen Weidmüller hergestellt werden, werden in die ganze Welt transportiert.

Werkleiter Henning Marquardt erklärt: "Für alle Fabriken - da, wo Roboter gebaut werden, da, wo Pharmazieprodukte gebaut werden -, Medizintechnik, aber auch für die Prozessindustrie, also Gas- und Öltechnik - überall, wo es industrialisiert wird, wo automatisiert wird, wo elektrische Verbindungen hergestellt werden müssen, fließen diese Reihenklemmen ein."

Reihenklemmen sind sehr schlicht aussehende Plastikbauteile, die für elektrische Verbindungen angewendet werden. Zusammen mit anderen elektrischen Bauteilen hat die Firma insgesamt einen Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro weltweit - Tendenz stark steigend.

Risikofaktoren durch hohen Anteil des China-Geschäfts

Dennoch macht sich die Geschäftsleitung ein bisschen Sorgen, weil etwa 20 Prozent des Umsatzes aus China kommt. "20 Prozent sind immer eine Abhängigkeit, und wenn wir auf diese 20 Prozent verzichten müssten, dann würde uns das sehr wehtun", sagt Volker Bibelhausen aus dem Vorstand der mittelständischen Firma Weidmüller.

Hinzu kommt, dass die Firma einen wichtigen Produktionsstandort in China in der Nähe von Shanghai hat. Durch den strikten, wochenlangen Corona-Lockdown in Shanghai sind die Lieferketten stark gefährdet. Und auch der Krieg in der Ukraine veranlasst viele mittelständische Firmen wie Weidmüller dazu, ihre Geschäfte in China noch mal zu überdenken.

"Durch den Ukraine-Krieg sind sicherlich Fragen, die schon länger im Raum standen, noch mal beschleunigt worden, nämlich die Frage: Wie groß ist meine Abhängigkeit eigentlich von China-Geschäft", sagt Ulrich Ackermann, der Chef der Außenwirtschaftsabteilung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Denn das Unmögliche sei möglich geworden: ein Krieg mitten in Europa. "Damit hat niemand gerechnet. Überträgt das natürlich geistig dann auch auf die Möglichkeit China und Taiwan?", so Ackerman.

Planspiele für Abspaltung des China-Geschäfts

Die chinesische Staats- und Parteiführung sieht den demokratisch regierten Inselstaat Taiwan als Teil der Volksrepublik an und droht regelmäßig mit einem militärischen Einmarsch. Viele deutsche Unternehmen sind jetzt dabei, einen Notfallplan auszuarbeiten. Falls Deutschland sich abrupt von der chinesischen Wirtschaft lossagen müsste, so wie es jetzt bei Russland der Fall ist, dann würden sich deutsche Unternehmen in zwei getrennte Geschäftsbereiche aufteilen: einen für China und einen für den Rest der Welt. Der Geschäftsbereich China würde dann nur für den chinesischen Markt produzieren.

"Das heißt also: ein rein chinesisches Unternehmen zu werden", erklärt Ackermann. "Wenn ich möglichst in diesen beiden großen Blöcken, nämlich in China und den USA, eigene Aktivitäten habe, die wenig mit dem Rest des Unternehmens zu tun haben und schon gar nichts mit den jeweils anderen zu tun haben: Das könnte auch ein Weg sein, um dieses Problem zu lösen."

"Wir sind in China freiwillig"

Im ostwestfälischen Detmold hat die Firma Weidmüller auch ähnliche Pläne, notfalls ihre China-Geschäfte auszugliedern. Firmenchef Bibelhausen will sich damit auf neue Anforderungen einstellen, so wie das Familienunternehmen es in seiner 170-jährigen Geschichte immer wieder getan hat. "Wir sind in China freiwillig; keiner hat uns gezwungen. Und wir fühlen uns da sehr wohl", betont Bibelhausen. "Solange wir die Wahl haben, die Dinge zu tun, tun wir sie gerne und mit Engagement, auch wenn sich das zwischenzeitlich manchmal als sehr schwierig und herausfordernd darstellt."